Frau Knolle und die Kronleuchter

Heidelbergs dezentraler Weihnachtsmarkt gehört zu den schönsten in Deutschland. Nicht mal extravagante Kulinarik stört die romantische Stimmung.

Barock im Lichterglanz: Über dem Kornmarkt  thront das Schloss. Foto: PD

Barock im Lichterglanz: Über dem Kornmarkt thront das Schloss. Foto: PD

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Milde lächelnd, empfängt Papst Franziskus die Fussballhelden Jogi Löw, Thomas Müller und Mats Hummels. Etwas verloren stehen Maria und Josef daneben, die Gottes­mutter trägt ein Lamm in den Armen. Erst an Heiligabend wird es durch das Jesuskind ersetzt.

Die Pappmaché-Gestalten vor Heidelberger Kulisse sind die Stars der Weihnachtskrippe in der Jesuitenkirche. Auch auf dem Set, aber eher Randfiguren: Adam und Eva, Luther, Nelson Mandela und Jo Ackermann, für Deutsche der Inbegriff des raffgierigen Bankers.

Pastoralreferent Hermann Bunse ist der Vater der riesigen Krippe. Seit 16 Jahren bringt er Insassen des Heidelberger Untersuchungsgefängnisses und andere Randständige dazu, die Figuren zu gestalten – und jüngste Ereignisse mitzunehmen. Vor einem Jahr, nach dem Bataclan-Anschlag in Paris, tauchte der Eiffelturm in der Szenerie auf. Zeitgenossen 2016 sind die Nationalspieler und der Bundestrainer, die am 14. November zur Audienz beim Heiligen Vater geladen waren.

Eine Million Besucher

Die Jesuitenkirche und ihr evangelisches Pendant, die Heiliggeistkirche, bilden Oasen der Ruhe direkt am Menschenstrom auf dem Heidelberger Weihnachtsmarktparcours. Im Gegensatz zu anderen deutschen Städten, bei denen der Budenzauber im Advent ein klares Zentrum kennt, reihen sich in der 150'000-Einwohner-Stadt die Weihnachtsmärkte von Bismarck- bis Karlsplatz wie Perlen an einer Schnur auf. Die Hauptstrasse, die längste Fussgänger­zone des Landes, verbindet die sechs Märkte. «Jeder Standort», sagt Joe Schwarz, «hat ein eigenes Profil.» Schwarz organisiert als Veranstaltungsleiter der Heidelberg Events GmbH den Weihnachtsmarkt und vergibt jeweils im Februar die Plätze für 140 Buden. Bei gutem Wetter zieht der einen ganzen Monat dauernde Markt eine Million Besucher an. Entsprechend begehrt bleiben Gastronomie- und Verkaufsflächen. «Wir kriegen dreimal so viele Bewerbungen, wie wir Standorte für Händler vergeben können», sagt Schwarz.

Abgesehen von den uniformen Pagodenzelten auf dem Kornmarkt und auf dem Friedrich-Ebert-Platz, gibt es in Heidelberg keine genormten Buden, was dem Weihnachtsmarkt eine gewisse Extravaganz verleiht. Schwarz achtet nicht nur auf eine gute Mischung des Sortiments, er berücksichtigt auch Trends. So trotzen zwei Gastronomen dieses Jahr erstmals dem kulinarischen Mainstream zwischen Feuerwurst und Gulaschsuppe und kochen Veganes und Vegetarisches. Renés Kitchen verheisst Suppen der Marke «Frau Knolle» aus Süss­kartoffeln, Karotten und Trüffeln oder «Rotweiss» aus Randen, Weisskohl, Ca­shew und Sauerrahm.

Heuschrecken am Stand

Da in Heidelberg, Deutschlands ältester Unistadt, 40 000 junge Leute studieren, ist reichlich Zielpublikum für pflanzliche Kost unterwegs. Etwas weniger gut läufts dagegen bei einem Imbissstand namens Snack Insects. Als Beilage zum gemütlichen Glühwein werden Hopper-Burger, scharfe Heuschrecken oder Mehlwürmer frittiert gereicht.

In einer anderen Liga als die Hütten in der Fussgängerzone spielt Heidelbergs neuste gastronomische Errungenschaft, die just auf den Start des Weihnachtsmarktes eröffnet wurde. In der Baracca Zermatt hängen Fondueschwaden in der Luft. Im riesigen Chalet tunken froh gelaunte Gäste Brotstücke in eine rezente Geheimmischung aus Greyerzer, Appenzeller und Emmentaler Käse, verfeinert durch Tête de Moine und Vacherin. Als Alternative steht Fondue chinoise auf der Karte, zur Vorspeise gibts Walliser Plättli oder Nüsslisalat mit Speck und Crouton, ausserdem drei Desserts. Man sitzt auf gepolsterten Designerstühlen unter verspielten Kronleuchtern des unvermeidlichen Zermatter Künstlers Heinz Julen und schielt nach den züngelnden Flammen im Cheminée.

Fondue am Neckar: Alpenromantik in der Baracca Zermatt im Julen-Stil. Foto: PD

Marcus Jöst, ein Mann aus dem regionalen Radiobusiness, liess sich von den Zermatter Aussenposten in Basel und Kloten ZH derart begeistern, dass er das Vorhaben, eine Portion Alpenromantik ins Flachland zu bringen, in Heidelberg realisierte. Käse, ein Teil des Trockenfleisches sowie Dôle und Fendant werden aus der Schweiz importiert, was für deutsche Verhältnisse erhebliche Konsumationspreise zur Folge hat. Aber die Heidelberger lieben die urbane Alphütte: Jöst und seine Truppe werden in einem Jahr erneut ins Fondueparadies bitten.

In der Nähe der Baracca bilden erste Glühweinstände das Einfallstor zur Weihnachtswegstrecke. Nicht umsonst hat der Heidelberger Weihnachtsmarkt für seine romantische Kulisse schon manche Auszeichnung errungen. Heidelberg profitiert heute von der Katastrophe 1693, als der französische Sonnenkönig Louis XIV. das Schloss sprengen und die Stadt in Schutt und Asche legen liess. Auf dem mittelalterlichen Grundriss entstand Anfang des 18. Jahrhunderts eine barocke Stadt mit hohem Romantikfaktor. Die kopfsteingepflasterten Gassen, die weltberühmte Schlossruine und die idyllische Lage zwischen steilen Hängen am gezähmten Neckar locken pro Jahr zwölf Millionen Touristen nach Heidelberg.

Historisches Karussell

Das Schloss, einst Residenz der Kurfürsten von der Pfalz, ist weitgehend Ruine geblieben. Hoch über der Stadt bildet seine rote Sandsteinfassade indes für die Weihnachtsmarkt-Eisbahn auf dem Karlsplatz eine wunderbare Kulisse. Auf dem Uniplatz dreht sich ein historisches Karussell, auf dem Kornmarkt tuckern die Kleinen durchs Winterwäldchen aus feierlich illuminierten Nadelbäumen. Über dem Herkulesbrunnen auf dem Marktplatz leuchten in grossen Glaskugeln vier Kerzen auf einem gigantischen Adventskranz.

In den Hütten der Händler und Wirte rollt der Rubel. «Temperaturen um den Gefrierpunkt sind ein Segen fürs Geschäft», sagt Weihnachtsmarktorganisator Schwarz. Billiger Tand findet sich in den Buden kaum, dafür auch mal wenig Weihnachtliches wie afrikanische Holzschnitzkunst, fernöstliche Klangschalen oder Zwergbuddhas. Auf den Lebkuchenherzen fällt mitunter ein grammatikalisches Foul in Zuckerguss auf, etwa von der Sorte «Ohne dich kein mich».

Wohltuend der adventliche Lichterglanz und Frieden über den Menschenmassen, kaum eine Bude, aus der «Jingle Bells» oder «Stille Nacht» in Endlosschlaufe plärrt. Etwas unruhiger wird es erst gegen Ladenschluss um 21 Uhr, wenn Glühwein und Feuerzangenbowle ihre Wirkung tun.

Maria in der Krippe auf dem Kornmarkt schaut dem Treiben kritisch zu. Die Heiligen drei Könige treffen mit einem Kamel im Schlepptau ein. Josef wirkt etwas verdrossen. Doch hier wie in der nahen Heiliggeistkirche ist man der Zeit voraus. Statt eines Schäfchens liegt bereits das Jesuskind in der Krippe.

Erstellt: 09.12.2016, 17:25 Uhr

Mit dem Schiff zu Sau am Spiess

Anreise Mit SBB/DB über Basel, Mannheim oder über Schaffhausen, Stuttgart nach Heidelberg.

Unterkunft Europäischer Hof, bestes Haus am Platz, in Familienbesitz, Spa mit toller Aussicht, DZ ab 215 Euro.

Weihnachtsmarkt 140 Hütten auf Bismarckplatz, am Anatomiegarten, auf Universitätsplatz, Marktplatz, Kornmarkt und Karlsplatz. Zusätzlich Schlossweihnacht auf dem Friedrich-Ebert-Platz. www.heidelberg-event.com

Führungen Spezielle Führungen auf dem Weihnachtsmarkt; www.heidelberg-marketing.de.

Auf dem Neckar Am Wochenende rustikaler Weihnachtsmarkt mit Sau am Spiess und Wollprodukten in der Benediktinerabtei Stift Neuburg, ca. drei km östlich von Heidelberg. Halbstündliche Anfahrt ab Heidelberg per Schiff.

Baracca Zermatt Täglich ausser Montag ab 18.30 Uhr geöffnet, bis 18.3., www.baracca-zermatt.de

Allgemeine Informationen www.heidelberg-marketing.de;
www.deutsche-weihnachtsmaerkte.de.

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