Glückseligkeit und Verwünschungen

Mitten in den britischen Brexit-Wirren bleibt Oxford eine Insel der relativen Ruhe. Die Bräuche in der Universitätsstadt sind aber gewöhnungsbedürftig.

In den Anfängen war Oxford eine kirchliche Kaderschmiede: Im Speisesaal des Balliol College tafelte einst Boris Johnson. Foto: David Knopf (Alamy)

In den Anfängen war Oxford eine kirchliche Kaderschmiede: Im Speisesaal des Balliol College tafelte einst Boris Johnson. Foto: David Knopf (Alamy)

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Aus der Küche dringt der Duft von gebackenen Zucchetti und Ofenkartoffeln. Auf den gedeckten Tischen thronen Wasserkrüge und nostalgische zweiarmige Lampen samt weissen Schirmchen. Der düstere Speisesaal im Balliol College von Oxford verströmt mit seinen langen Tischreihen und harten Sitzbänken den Charme einer längst verflossenen Zeit. Fehlt nur noch, dass die imposante Orgel an der Stirnseite «God Save the Queen» intonierte.

Es ist 11.45 Uhr, bald werden die Besucher verabschiedet. Um 12 Uhr beginnt das Mittagessen für 600 Studenten. Sie nehmen hier drei Mahlzeiten am Tag ein, an einem Extratisch tafeln College-Leitung und Lehrkräfte.

Bleibt gerade noch Zeit, die messingumrandeten Cheminées und die Bilder an den Wänden zu bewundern, die zu Ruhm gekommene Balliol-Absolventen zeigen. Der derzeit wohl bekannteste Spross fehlt noch in der Ahnen­galerie: Boris Johnson studierte von 1983 bis 1987 Klassische ­Altertumswissenschaften an der Oxford University und wohnte in Balliol. Einer seiner Vorgänger als britischer Premier, Edward Heath, schaute bis vor kurzem von der holzgetäferten Wand auf die speisenden Studierenden. Doch das Bild hängt nun in einem Brüsseler Repräsentationsraum. Wetten, dass dieses Schicksal Boris’ Konterfei nicht zuteil wird?

Europas berühmteste Uni

160'000 Einwohner, 24 000 Studenten, auf 38 Colleges verteilt und dort zumindest im ersten Studienjahr auch wohnhaft: Oxford besitzt Europas berühmteste Uni. «Die Unis von Bologna und Paris sind aber älter», sagt Stadtführerin Felicity Lewington. «Wir kommen erst auf dem dritten Rang.» Der Vorname der kultivierten Dame ist Programm für Oxford, das herausgeputzter und geordneter wirkt als andere Städte vergleichbarer Grössenordnung auf der Insel. Studenten mit voluminösen Rucksäcken flitzen auf Velos durch die Gassen zwischen gotischem und viktorianischem Gemäuer. Strassenmusikanten auf der Cornmarket Street unterhalten die froh gelaunten Passanten, Cafés und Restaurants scheinen gut frequentiert. Ein ruhiger Hort selbstbewussten Bildungsbürgertums, in dem erst die Dämmerung die sozialen Missstände sichtbar macht, wenn die Obdachlosen ihre Schlafplätze in Hauseingängen beziehen.

Von den Brexit-Wirren sprechen die Oxforder ungern. «Am Zuspruch der Touristen wird sich nicht viel ändern, vorausgesetzt das Pfund bleibt auf Kurs», prophezeit Antonio Ferrara, Marketingmanager von Experience Oxfordshire. Drei Millionen Touristen kommen pro Jahr in die Stadt. Hauptsehenswürdigkeiten: die historischen Uni- und Collegeanlagen, die das Stadtzentrum dominieren. Das New College etwa empfängt, wie der freundliche Pförtner verrät, im Sommer täglich 2000 Besucher, die fünf Pfund Eintritt bezahlen.

Die meisten Colleges entstanden als kirchliche Kaderschmieden. Geräumige Kapellen und Namen wie Corpus Christi oder Christ Church belegen den ursprünglich sakralen Zweck. Heute beherbergen die Colleges Studierende beiderlei Geschlechts und jeglicher Religion, gerne auch zahlungskräftige Araber oder Asiaten. Die Institutionen garantieren intensive persönliche Betreuung durch Tutoren und Professoren – ein Wettbewerbsvorteil des allseits bewunderten Oxforder Lehrplans. Die University of Oxford bildet die Dachorganisation, die Vorlesungen und Seminare durchführt. Herz der Uni ist das Sheldonian Theatre, ein Rundbau aus dem 17. Jahrhundert mit einem klassizistischen Säulenportal. Die Studierenden erhalten hier nach drei Jahren vor 1200 Zuschauern das Abschlussdiplom. Die Reden werden auf Lateinisch gehalten. Die Briten parieren die neuen Herausforderungen an Ciceros Sprache geschickt mit Eigenkreationen: Computatrum scientia heisst IT-Wissenschaften.

Harry-Potter-Verehrer werden fündig

Bevor die Studenten ihre Graduation (Bachelorabschluss) kriegen, müssen sie in der gegenüberliegenden Divinity School auf die Zeremonie warten, in einem ehemaligen Hörsaal aus dem 15. Jahrhundert. Es ist kaum das Interesse an der Wissenschaft, das Klassen lärmender englischer Grundschüler zwischen die ehrwürdigen Mauern treibt: Divinity diente in Harry-Potter-Filmen als Krankenstation von Hogwarts. Oxford bietet jede Menge weiterer Pilgerstätten für junge Freunde des Zauberlehrlings. So wurde der Kreuzgang des New College filmisch zum Hogwarts-Innenhof, wo man Malfoy in ein Frettchen verwandelte.

Gerne hätte die Regie auch den Speisesaal von Christ Church als Hogwarts-Kantine genutzt, aber in Harry Potters Universum besitzt der Speisesaal vier Tischreihen, in Christ Church finden nur drei Platz. Den Filmemachern blieb nichts andres übrig, als den Speisesaal im Studio in Nord-London nachzubauen. So wandelt man also auf Potters (Film-)Spuren durch Oxford und trifft nebenbei Erinnerungen an manche Koryphäe. Im Turf Tavern Pub kündigt ein Aushang von Besuchen Elizabeth Taylors, Oscar Wildes oder des unvermeidlichen Ernest Hemingway. Student Bill Clinton paffte hier Joints, was ihm die politischen Gegner in den bigotten USA später um die Ohren hauten. Clinton beteuerte aber in heiligem Ernst, den Rauch nie inhaliert zu haben. Verbürgt ist der Rekord fürs «Guinness-Buch der Rekorde», den Bob Hawke aufgestellt hatte. Der spätere australische Premier kippte 1963 in elf Sekunden einen «Yard Ale» (1,4 Liter Bier).

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Wenn man am Rasen des Balliol College («Zutritt verboten») steht, die Gärtner beobachtet, wie sie Hyazinthen und Dahlien an den historischen Sandsteinfassaden hegen, wenn dezente Orgelklänge aus der College-Kapelle dringen und Tutoren und Studenten eifrig diskutierend durch die Pforte eilen, so kann man gar nicht glauben, welch garstige Bräuche in Oxfords Uniblase kultiviert werden.

Balliol und das benachbarte ­Trinity gehören zu den ältesten Colleges der Stadt. Balliol wurde schon im 13. Jahrhundert gegründet. Umstritten ist, wer die grössere Reputation besitzt. Und so gibt es einen Tag im Jahr, an welchem sich die Studentenschaft hüben und drüben versammelt und über die Trennmauer hinweg wüste Beleidigungen und Verwünschungen schleudert.

Am anderen Ende der universitären Freizeitaktivitäten steht die feinsinnige Beschäftigung mit Dichterkunst. Wie ein Aushang im Wadham College besagt, hat Ann Ang 2019 den Rex-Warner-Literaturpreis gewonnen mit Beiträgen wie «Der heimwehgeplagte Gärtner» oder «Eine Tasse Kaffee trinken».

Die Reise wurde unterstützt von Visitbritain.

Erstellt: 27.10.2019, 16:01 Uhr

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Anreise: Flug mit Easyjet von Zürich nach London-Luton, zweistündige Busfahrt nach Oxford, www.easyjet.com, www.nationalexpress.com. Oder mit dem Zug über Paris und London bis Oxford (Bahnhofwechsel in
Paris und London einrechnen), www.sbb.ch.

Hotel: Malmaison, sehr komfortabel. Ein Teil der Zimmer ist in Zellen des früheren Stadtgefängnisses untergebracht, der Eventsaal im Besucherraum der ehemaligen Haftanstalt. DZ ab 177 Fr., www.malmaison.com

Sightseeing: Täglich «Free Walking Tours», Teilnehmer geben Obolus nach eigenem Gusto, www.footprints-tours.com

Lohnenswert: Das History of Science Museum mit der originalen Wandtafel, auf der Gastdozent Einstein 1933 erstmals die Relativitätstheorie niederschrieb, www.hsm.ox.ac.uk

Colleges: Der Eintritt kostet in der Regel zwischen 2 und 5 Pfund, einige (zum Beispiel Wadham) sind gratis. Oft um 18 Uhr Andacht in der Kapelle mit hochklassiger Kirchenmusik.

Allg. Infos: www.experienceoxfordshire.org, www.visitbritain.com

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