Great fun auf dem Weg zur Freiheit

Vom kämpferischen Boston ins entspannte Provincetown, wo man sich ungeniert und befreit ausleben kann.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

In einer Woche, am Montag, den 16. April, werden sich wieder Tausende Läuferinnen und Läufer mit letzter Kraft über die Finishing-­Line des Boston Marathons quälen. Filmreife Dramen haben sich an dieser breiten gelb-blauen Ziellinie auf der Boylston Street abgespielt: Letztes Jahr zum Beispiel, als ein US-Kriegsveteran mit Beinprothese eine vollkommen erschöpfte Frau kurz vor dem Ziel hochhob und sie unter Aufbietung der letzten Reserven über die Linie trug. Das Publikum tobte – gemeinsam schwangen die Helden die Stars-and-Stripes-Flagge.

Vor allem aber der Anschlag auf den Boston-Marathon im April 2013 bleibt unvergessen. Zwei in Rucksäcken versteckte Sprengsätze rissen drei Menschen in den Tod, 264 weitere wurden verletzt. Heute noch erinnern Herzen und Fotos an einem Baum vor dem Ziel an die Opfer. Der Marathon, einer der ältesten und traditionsreichsten Läufe der Welt, ist der wichtigste Event Bostons. Einer Metropole mit auffallend fitten Bewohnern, selten haben wir so viele Jogger gesehen. Im Hotel liegen Karten mit Runningtrails auf – die Stadt bietet unzählige Parkanlagen und Grünflächen.

Der Boston Common, der älteste Stadtpark im ganzen Land, ist Anziehungspunkt für Einheimische und Touristen. Verliebte Paare posieren vor Rosenbeeten, Obdachlose dösen im Schatten alter Bäume, auf dem Seelein schwimmen Boote in Form von Schwänen, die Teens auf der Parkbank riecht man, bevor man sie sieht – Kiffen ist im liberalen Bundesstaat Massachusetts erlaubt.

Das Attentat auf den Marathon hat dem Tourismus der bedeutendsten Stadt von Neuengland nicht geschadet. Die Bevölkerung stand zusammen wie einst zu Zeiten des Widerstandes gegen die britische Krone. Als man sich gegen die vom Mutterland neu erhobene Teesteuer auflehnte und sich im Dezember 1773 zur legendären Boston Tea Party am Hafen versammelte. Bostonians geben sich kämpferisch: Nach der Wahl Donald Trumps marschierten Zehntausende wütender Frauen durch die Strassen, «not my president», skandierten sie.

Die Hafenstadt mit 670'000 Einwohnern an der Ostküste der USA gilt als Geburtsort der Freiheit. Die «Grand Old Lady» ist eine der ältesten, wohlhabendsten und kulturell reichsten Städte des Landes. Ein Mix aus alt und neu. Rote Backsteinhäuser behaupten sich neben gläsernen Wolkenkratzern. Eine Stadt mit europäischem Flair: Die Restaurants werben mit «outside dining», man sitzt draussen, solange es die Temperaturen erlauben. Sogar Kirchenglocken hört man läuten – selten in den USA. Und man ist zu Fuss unterwegs. In einer Stunde ist die kompakte Stadt durchquert. Ein Auto braucht man nicht, Parkplätze sind rar, Valet Parking im Hotel kostet 50 Dollar pro Tag – und die Verkehrsführung, stöhnen die Einheimischen, sei katastrophal.

Ein «kalter Samuel» zu Ehren des Gründervaters

Die aufregende Geschichte der Stadt und der Unabhängigkeits­bewegung erzählt der Freedom Trail, ein etwa vier Kilometer langer Spaziergang mit Halt an 17 historischen Sehenswürdigkeiten. Stacy, unsere Stadtführerin, trägt das züchtig-hochgeschlossene Gewand der Puritaner, samt der Haube. Es ist August, 30 Grad Celsius. Der Schweiss rinnt ihr über das Gesicht, «it’s a bit toasty», sagt sie. Wir erfahren: Das Leben der Puritaner, die im 17. Jahrhundert von England in die britischen Kolonien nach Neuengland emigrierten, war «no fun at all». Puritaner sahen den Teufel hinter allen weltlichen Aktivitäten. Stacy zeigt auf einen alten, knorrigen Baum im Stadtpark. Katholiken, Piraten oder Quäker; wer in den Augen der Puritaner sündigte, wurde hier aufgehängt.

Wir besuchen das Grab von Samuel Adams, einem der Gründerväter der Vereinigten Staaten. Er war es, der 1773 die sagenhafte Boston Tea Party ins Leben rief. In der Bar vis-à-vis des Friedhofs wird der «kalte Samuel» serviert, das bekannteste Bier Bostons. Wir wandern auf dem Pfad der Freiheit, «very old», sagt Stacy bei jedem Halt – gefolgt von der Entschuldigung, «natürlich nicht im Vergleich zu Europa». Ehrwürdig ist auch die Boston Latin School, die 1635 als erste öffentliche Schule der USA gegründet wurde. Heute noch liegt Massachusetts in der Kategorie Ausbildung an der Spitze der nationalen Rangliste. Boston gilt, nicht zuletzt wegen der weltberühmten Harvard-Universität, als intellektuelles Zentrum Amerikas.

Auch das Gesundheitswesen ist fortschrittlich, die tiefste Zahl von Menschen ohne Gesundheitsversicherung lebt in diesem Staat. Boston ist eine gesunde Stadt, Organicfood, bio und vegan gibts an jeder Ecke. Sogar im Burgerlokal werden die Kalorien angegeben. Wer Seafood mag, wird auf seine Kosten kommen, der Hummer aus dem nahen Bundesstaat Maine ist so günstig, dass es selbst bei McDonald’s Lobster Rolls, Hummerbrötchen, gibt.

Nirgendwo stehen so ­viele Coffeeshops wie in Boston.

Der typische Bostonian, so unser Eindruck, hält das Natel am Ohr und einen Halbliter-Becher Kaffee in der Hand. Kaffee ist der Drink der Stadt. Nirgendwo stehen so ­viele Coffeeshops wie in Boston: 55 Starbucks und 121 Dunkin’ Donuts. Dunkin’ Donuts, der Anbieter von Kaffee und süssen Kalorienbomben, wurde 1950 in Massachusetts gegründet. Den besten Espresso aber, den gibts im North End, in Little Italy. Über den Gassen hängen Girlanden in Grün, Weiss und Rot. Panetteria neben Salumeria, es riecht wie in Italien. Wer einen Tisch in der Regina, der ältesten Pizzeria der Stadt (seit 1926), ergattern will, braucht Geduld.

«In a fun way» lässt sich Boston an Bord eines Duck-Mobils, eines Amphibienfahrzeugs, erkunden. Wir werden begrüsst von einem der «legendären ConDUCKtors». «Dirty Water» nennt er sich, wie ein Blues Brother sieht er aus. Seine Krawatte ist mit Entchen verziert. Zuerst bringt er uns das Quaken bei: «Quak, quak, alle zusammen!», ruft Dirty Water. Die amerikanischen Touristen machen begeistert mit. In den folgenden 90 Minuten werden wir bei jeder Ente, die uns kreuzt, zur Begrüssung quaken – «quak, quak». Great fun!

Der Fenway Park ist die Kathedrale des Baseballs

Rein in den Charles River, wir alle tragen Schwimmwesten. «Arme in die Luft – yeahh», ruft Dirty Water, unsere Ente ist jetzt ein Boot. Dirty Water ist benannt nach dem Song der Band Standells aus den 60er-Jahren, als der Charles River noch dreckig war. Heute sei der Charles River der sauberste urbane Fluss. Wir blicken auf die Skyline von Boston, den John Hancock Tower, das mit 241 Metern und 60 Stockwerken höchste Gebäude Neuenglands.

Dirty Water hat viele Anekdoten zu erzählen: Zum Beispiel, dass Bill Gates und Mark Zuckerberg beide aus der Universität Harvard geflogen sind – «Dropouts», nennt er sie. Oder dass das Fleisch des Hummers anno 1600 verhasst war. Der Hummer galt als «die Kakerlake des Meeres», die Gefängnisinsassen bekamen nichts als Hummer zu essen. Dirty Water liebt Ranglisten und zitiert Statistiken, in denen Boston glänzen kann: Boston hatte das erste Subway-System und die erste Jelly-Bean-Fabrik des Landes. In Boston wurden der Mikrowellenherd und das Chocolate Chip Cookie erfunden. Und last but not least: Seine Duck-Tour belegt Rang 11 auf der Liste der besten Touristentouren der Vereinigten Staaten.

«Dirty Water» ist auch die Hymne der Boston Red Sox, die nach jedem Sieg durch den altehrwürdigen Fenway Park dröhnt. Die Saison im Major-League-Baseball dauert von April bis Oktober, Tickets für ein Spiel im ältesten Baseballstadion sind schwer zu bekommen. Fantouren für 20 Dollar werden jedoch mehrmals täglich angeboten. Fans aus allen Staaten stehen Schlange, die meisten tragen das Trikot der Boston Red Sox. Der Fenway Park aus dem Jahr 1912 gilt als Kathedrale des Baseballs. Die Eingangskontrolle ist so rigide wie am Flughafen.

Wir sitzen im «Green Monster»-Sektor, blicken auf den berühmten «Lone Red Seat», den einzigen roten Sitz inmitten dunkelgrüner Stuhlreihen. Der einsame rote Sitz markiert den Punkt, an dem der längste jemals im Fenway Park geschlagene Ball zum Home Run landete – dieser wurde am 9. Juni 1946 von Ted Williams 153 Meter weit geschmettert. Grossväter erzählen ihren Enkeln noch heute davon. Ein gestandener Mann hat Tränen in den Augen. Curtis aus Arizona sagt, er sei Fan der Red Sox, seit er denken könne. Zum 50. Geburtstag habe ihm die Frau die Reise ins Mekka der Red Sox Nation geschenkt – «I’m so, so happy».

Die wenigsten Taxifahrer haben ein Navi, und Kartenlesen können sie nicht.

Auf den öffentlichen Verkehr, Subway und Busse, ist in Boston Verlass. Nur mit den Taxifahrern haben wir nicht die besten Erfahrungen gemacht: Die wenigsten haben ein Navi, und Kartenlesen können sie nicht. Einer wirft uns sofort wieder aus dem Auto, weil er nicht weiss, wo sich das Commonwealth Pier befindet, der nächste gibt vor, die Adresse zu kennen – drückt dann nonstop auf dem Natel rum. Die Fahrt dauert doppelt so lang wie angegeben.

Eine 90-minütige Passage auf der Fast Ferry liegt zwischen der geschäftigen Stadt und dem relaxten, maritimen Ferienort Provincetown. Mit dem Auto dauert die Reise zwei bis fünf Stunden, je nach Verkehr. Provincetown, kurz P-town genannt, liegt an der Spitze von Cape Cod (cod englisch für Kabeljau). Die 100 Kilometer lange Halbinsel ist das beliebteste Naherholungsziel der Bostonians. Auf Cape Cod sowie den vorgelagerten Inseln Martha’s Vineyard und Nantucket – eine wunderbare und etwas versnobte Gegend –genossen sowohl John F. Kennedy als auch Barack Obama die Sommerwochen.

Rosafarbene Seifenblasen schweben von Balkonen

Schon auf der Fähre fallen die gut gelaunten, offensichtlich schwulen Männer auf, die sich morgens um zehn einen Prosecco oder Chardonnay gönnen. Am Pier werden sie sehr herzlich von Freunden begrüsst. Auch auf der bunten Commercial Street überall Männer mit Pilotenbrille, akkurat gestutztem Bart und nacktem Oberkörper. Die Regenbogenfahne hängt praktisch an jedem Haus.

Wir sind mitten in der Carnival Week (diesjähriger Termin: 11. bis 17. August 2018), der jährlichen Parade homosexueller Männer aus dem ganzen Land, in P-town gestrandet. Rosafarbene Seifenblasen schweben von Balkonen. Zwei ältere Männer, beide mit blauer Perücke und falschen Wimpern, zeigen in Hotpants und Trägerleibchen braun gebrannte Haut. Schwule Väter mit Adoptivkind, ein lesbisches Pärchen Hand in Hand, ein Transvestit auf goldenen Plateauschuhen und rosa Pudel an der Leine –sie alle sind der Heimlichtuerei zu Hause in Utah oder Alabama für ein, zwei Wochen entflohen.

Provincetown – ausgerechnet das Stück Land, wo anno 1620 die Pilgerväter, die prüden britischen Passagiere der Mayflower, die Neue Welt erreichten – rühmt sich, die «schwulste Stadt der USA» zu sein. Man wirbt mit allen möglichen LGBT-Veranstaltungen, vom Treffen der homosexuellen Lederfreunde oder dunkelhäutigen Lesben bis zur Familienwoche für gleichgeschlechtliche Eltern. Oder die «Bear Week», das Get-together der bauchigen und vor allem behaarten XXL-Kerle.

Während der Bären-Woche machen die rund 120 Restaurants und Imbissstände besonders guten Umsatz. Denn die Bären, sagt Peter, würden nicht nur einen Coupe Glacé, sondern gleich vier der grossen Portionen verschlingen. Peter ist Besitzer des Purple Feather Cafe, als gelernter Chocolatier spezialisiert er sich seit 13 Jahren auf «homemade sweets». Peter ist nicht schwul, aber die Schwulen und Lesben seien seine besten Kunden. Sein Angebot reicht von der «Dirty Banana» bis zum «Frozen Mermaids Orgasm». In der Vitrine stehen Schoggi-Penisse in Weiss, Braun und Schwarz, Peter passt sich an.

Die Chancen, einen Wal zu sehen, sind gross

Früher lebte man von der Fischerei- und Walfangindustrie, heute vom Tourismus. Die Häuserpreise sind inzwischen so hoch, dass manch ein Fischer wegziehen musste. 90'000 Menschen bevölkern das Örtchen im Sommer, bloss 3000 verbringen auch den kalten Winter hier. Darunter viele Künstler, die vom einzigartigen pastellfarbenen Licht schwärmen. Galerien und Tattoo-Studios (Anker, Meerjungfrau und Leuchtturm sind die gefragtesten Motive) sowie Shops mit T-Shirts («Sex & Drugs & Lobster Rolls» und «Fuck you, Mr. President» verkaufen sich besonders gut) säumen die Commercial Street.

Hetero-Paare sind klar in der Minderheit. Hetero-Familien ebenfalls. Doch man muss nicht schwul oder lesbisch sein, um sich in P-town zu vergnügen: Die Chance, auf einem Whale-Watching-Ausflug Wale zu sehen, ist gross. Während einer Sommerwoche (29. Juli bis 4. August 2018) dreht sich alles um den Wal. Und mit einem Mietvelo lässt sich die National Seashore entdecken, ein Naturschutzgebiet, das fast 60 Kilometer Küste umfasst. Die Luft ist salzig, die Strände endlos, der Sand hell und fein. Schilder warnen zwar vor Haien, passiert sei jedoch noch nie etwas. Und doch, wo sich Seehunde aufhalten, soll man nicht ins Wasser.

«Vom Baby bis zur Transe» sind alle willkommen.

Eine Wanderung in den Dünen oder, eher nach dem Geschmack des US-Touristen, eine Fahrt im wüstentauglichen Chevrolet Suburban, gehört dazu. Unser Konvoi aus fünf Offroadern kämpft sich durch den Sand. Zu Fuss, sagt Driver Frankie, könnte man Füchsen, Kojoten, Klapperschlangen, selten einer verirrten Dragqueen begegnen. Er zeigt aufs Meer, das ruhig und glitzernd vor uns liegt, «the ­graveyard of the Atlantic». Der Friedhof des Atlantiks – unzählige Seeleute hätten hier den Tod gefunden, 3000 Wracks in 300 Jahren. Die Einheimischen haben manche Piratengeschichte zu erzählen.

Driver Frankie wuchs auf einer Farm in Ohio auf, arbeitet seit 17 Sommern in P-town. Die Winter verbringt er in Los Angeles, denn eigentlich sei er Schauspieler – und natürlich ist er schwul. Wie wohl alle Männer, die hier für einen Job anheuern. Auch Frankie ist kein Fan von Donald Trump, «gays don’t like Trump». Seit Trump würden weniger internationale Gäste nach P-town kommen. Dabei seien alle willkommen, «vom Baby bis zur Transe».

Die letzte Fähre zurück nach Boston verlässt den Hafen bereits um 19.30 Uhr – der Vorrat an Prosecco und Chardonnay sei aufgebraucht, sagt der Matrose an der Bar. Die schwulen Passagiere von der morgendlichen Überfahrt sind an Land geblieben. Die untergehende Sonne taucht Provincetown in ihr schönstes, pinkfarbenes Licht.

Diese Reise wurde unterstützt von Discover New England. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 06.04.2018, 14:35 Uhr

Zwischen Boston und Provincetown

Anreise: Swiss fliegt direkt von Zürich nach Boston, www.swiss.com
Unterkunft: Boston Park Plaza, DZ ab 199 Dollar, www.bostonparkplaza.com
Ausflüge: Freedom Trail, www.thefreedomtrail.org; Duck Tour, www.bostonducktours.com; Provincetown, www.provincetowntourismoffice.org; Fähre nach Provincetown, www.baystatecruisecompany.com; Trolley-Tour in Provincetown, www.mayflowertrolley.com; Jeep-Tour durch die Dünen, www.artsdunetours.com
Restaurant: Purple Feather Cafe, Provincetown, www.thepurplefeather.com
Beste Reisezeit: April bis Oktober
Klima: Sommer (Juni bis August) heiss und feucht, Winter (November bis Februar) kalt und feucht
Reiseveranstalter: Travelhouse, www.travelhouse.ch; Knecht Reisen, www.knecht-reisen.ch
Allgemeine Infos: www.discovernewengland.org

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Kommentare

Blogs

Welttheater Hallo, schöne Frau …

Geldblog So nutzen Anleger den Wettbewerb

Die Welt in Bildern

Muss man tragen können: Eine Teilnehmerin posiert am Leipziger Wave-Gotik-Treffen in Deutschland. (20. Mai 2018)
(Bild: AP Photo/Jens Meyer) Mehr...