Im Capitol trifft man den wohl wichtigsten Mann

Ein drückend heisses Wochenende in Washington D.C.: Ein schweisstreibender Streifzug vom Weissen Haus bis zum Sitz des Kongresses – mit Hot Chili Sauce zum Abschluss.

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Der Ausblickspunkt vor dem Weissen Haus ist einer der meistbesuchten überhaupt: Korrespondenten aus aller Welt verkünden ihre News, Klimaaktivistin Greta Thunberg wetterte gegen Trump, und Mountainbiker Nino Schurter zeigte ihm seinen nackten Hintern.

Heute sorgen ein paar schwarze Jungs für Betrieb. «Hydration Station», schreien sie und machen mit dem Verkauf ihrer eisgekühlten Getränke das Geschäft ihres Lebens. Eine Hitzewelle hat die Ostküste erfasst, in Washington D.C. ist es furchtbar heiss an diesem Wochenende. So drückend heiss, dass die Metropolitan Police über Twitter darum bittet, jegliche kriminelle Aktivitäten auf die kommende Woche zu verlegen – dann ist Abkühlung angekündigt.

Touristen, überhitzt, erschöpft, drängen sich auf wenigen Quadratmetern – da ist er also, der strahlend weisse Palast, den man praktisch täglich in den Nachrichten sieht. Ganz schön weit weg, viel weiter weg, als man am TV den Eindruck hat. Mehrere schwarze Eisenzäune trennen uns vom gepflegten Rasen mit dem Springbrunnen. «Do not enter», warnt alle fünf Meter ein Schild. Alle zehn Meter steht ein schwarzer Chevrolet Suburban mit getönten Scheiben und laufendem Motor, damit die Klimaanlage auch kühlt. Alle zwanzig Meter ein Kontrollposten, der jedes befugte Auto mit einem Schäferhund durchsucht.

Es wimmle von Geheimagenten, hat man uns gesagt. Vielleicht der Anzugträger auf dem Trotti, der uns zum dritten Mal entgegenrollt? Der Jogger? Die Asiatin auf der Parkbank? Who knows!

Wo kann man Präsident Trump live sehen?

Hier wohnt und regiert er also, ­Donald Trump, der mächtigste Mann der Welt. An der 1600 Pennsylvania Avenue, 135 Räume, 35 Badezimmer, Swimmingpool, Tennisplatz, Kinosaal und Bowlingbahn. Vorgänger Barack Obama wollte ein Basketballfeld, Präsident Trump hat viele grosse Fernseher installieren lassen. Über allem ­wehen stolz die Stars and Stripes. Action! Drei schwer bewaffnete Männer auf dem Dach! Was jetzt? Geht Trump, kommt Trump? Wasserverkäufer Martin, mehr Unterhose (Calvin Klein) als Shorts um den Hintern, weiss genau: «They just dropped him off», Trump sei vor einer Stunde mit dem Helikop­ter gelandet.

«Mister President» habe das Weisse Haus vor zwei Stunden ins Wochenende verlassen, sagt hingegen eine Polizistin. Secret Service, FBI, Police – sie alle schwitzen in den schwarzen Uniformen – geben freundlich Auskunft. Was viele White-House-Spotter interessiert, wo man Mister Trump denn am ehesten live sehen könnte, bleibt aber unbeantwortet.

Der Concierge im noblen Willard Hotel sollte es wissen. Das historische Hotel liegt in ­unmittelbarer Nachbarschaft des Weissen Hauses. «Man sieht ihn nie», sagt der Concierge knapp. Fragen zu Trump sind nicht erwünscht, über das «great, unique» Willard Hotel jedoch hat er viel zu sagen. Mitte des 19. Jahrhunderts hätten praktisch alle US-Präsidenten im Willard, «Residence of the Presidents», genächtigt. Politiker seien ein und aus gegangen, der Begriff des Lobbyismus sei in dieser eleganten Lobby entstanden. Hier gab Bürgerrechtler Martin Luther King seiner ­berühmten Rede für die Freiheit und Gleichberechtigung der schwarzen US-Bevölkerung («I Have a ­Dream») den letzten Schliff.

«Wir wollen das beste Hotel der Welt werden.»Jason, Manager im Trump-Hotel

Trump-Anhänger jedoch bevorzugen das Trump-Hotel, nur ein paar Blocks entfernt. Es ist nicht das grösste, aber sicher das geschichtsträchtigste Hotel der Stadt. Bevor es 2016 als Luxushotel eröffnet wurde, wurde das Old Post Office als öffentliches Bürogebäude genutzt. In der gigantischen Halle hängen riesige Kronleuchter und eine ebensolche US-Flagge. «Wir wollen das beste Hotel der Welt werden», sagt Manager Jason, «only the sky is the limit.» Diniert Mister Trump tatsächlich jeden Abend in seinem Hotel? Die Frage geht ins Leere: «Egal, ob Politiker oder Touristen – alle sind willkommen.»

Washington D.C. (670'000 Einwohner), das Zentrum der (politischen und juristischen) Macht: White House, Capitol, Supreme Court – die drei verfassungsmässigen Gewalten befinden sich alle hier. Der Distrikt ist eine Hochburg der Demokraten, bloss vier Prozent der Bevölkerung haben 2016 Donald Trump zum Präsidenten gewählt. Yves, ein gebürtiger Kameruner, dessen Ice-Cream-Truck an diesem Wochenende einen schönen Batzen einbringen wird, hält nicht viel von Trump: «He is messing up the world.» Was Yves vor allem stört: «Seit Trump an der Macht ist, ist es okay, offen ein Rassist zu sein.»

Trump, ein Rassist? Nein, sagt Carol, eine ältere Lady, die im feinen Stadtteil Georgetown ein Bed and Breakfast führt. Trump sei durch und durch Amerikaner, ein echter Patriot. Doch auch die ältere Lady ist in Sorge um das «geteilte Land». Die Zukunft? «I’m a Christian», sie glaube an Gott, nicht an die Politik.

Das Leben pulsiert rund um die National Mall

Grünflächen, Bäume, grosszügige Plätze, Brunnen, Museen, Denkmäler und mächtige, elfenbeinfarbene Gebäude prägen Downtown Washington. Eine entspannte Stadt, man geht zu Fuss, mietet ein Velo oder Trottinett. Das Leben pulsiert rund um die National Mall: Der drei Kilometer lange Park (Ort von Protestaktionen und Jogging-Paradies) führt vom Lincoln Memorial bis zum Capitol, in der Mitte thront das Washington Monument, das Wahrzeichen der Stadt. Mit 169 Metern das mit Abstand höchste Gebilde – kein Hochhaus darf dem Obelisken Konkurrenz machen.

Durchgeschwitzt stehen wir in der Schlange vor dem Sitz des Kongresses der Vereinigten Staaten von Amerika. Wer unter dem Vordach des Capitol Visitor Center Schatten sucht, wird harsch weggeschickt: «Stay in line», befiehlt der Police Officer, Hand am Pistolengurt. Die Besichtigung ist gratis, auch die meisten Museen verlangen keinen Eintritt. Die Eingangskontrolle ist jedoch penibler als am Flughafen, die Liste der verbotenen Objekte lang: Getränke, Essen und alles, was man irgendwie als Waffe verwenden könnte. Immerhin, der Kaugummi geht durch.

«Enjoy air conditioning», wünscht die Angestellte am Ticketschalter. Tatsächlich ist es frisch hier, einen Pulli sollte man immer dabeihaben. Wir sitzen im vollen Kinosaal, 13 Minuten dauert der pathetisch-patriotische Rückblick auf die politische Geschichte des Landes. Keine Chipstüte raschelt, niemand, der am Röhrchen zieht. Wow! Was für eine Halle. Wir stehen in der Rotunda zwischen Martin Luther King und Thomas Jefferson. John, unser Tourguide, meldet sich über Kopfhörer, erklärt, die Deckenmalerei in der Spitze der Kuppel, «Apotheosis of Washington», sei so gross wie ein Baseballfeld.

Michael träumt von einem Job als Tellerwäscher

Zügig führt John in die Statuary Hall. Bloss nicht zu viele Infos, nur nicht übertreiben mit den Jahreszahlen, lieber einen Joke hie und da: John sagt, unter den 100 namhaften US-Bürgern befinde sich auch die Statue von John Gorrie aus Florida. Dem Erfinder der Klimaanlage – heute, bei über 40 Grad Celsius, der wohl wichtigste Mann im Saal. Nach 45-minütiger Führung entlässt uns John in den Souvenir-Shop. Alle Produkte seien US-made, betont man hier. Aussergewöhnlich in den Vereinigten Staaten, wo auch unter Trump selbst Jeans und Boots aus China stammen.

Washington ist eine wohlhabende Stadt mit einem hohen Durchschnittseinkommen, aber mit grossen sozialen Problemen. Die Zahl der Einwohner, die Lebensmittelhilfen vom Staat beziehen, ist eine der höchsten im Land. Obdachlose, vor allem Afroamerikaner, gezeichnet von Alkohol und Drogen, sind omnipräsent. In der Nähe des Capitols, vor einem 24/7-Shop, sitzt ein junger Mann am Boden und löst ein Kreuzworträtsel. Michael ist 26 und hat die Zähne eines Greises. Seit 13 Jahren lebe er auf der Strasse, «Paradise City» steht auf seinem Shirt. Ins Obdachlosenheim will Michael nicht, «zu gefährlich». Auch das Betteln sei ihm zuwider, er träumt von einem Job als Tellerwäscher. Sein Leben sei seit Trump nicht schlechter geworden, auch Obama habe sich nicht um die Homeless gesorgt.

«Wir bedienen alle – vom Obdachlosen bis zum Präsidenten.»Vida Ali, Ben’s Chili Bowl

Der Schweiss rinnt, und noch ein Block – es ist einfach, sich in der Metropole zurechtzufinden: Die von Ost nach West verlaufenden Strassen sind alphabetisch geordnet, die in Nord-Süd-Richtung sind durchnummeriert. Unser Ziel: Ben’s Chili Bowl. Der legendäre Imbiss an der U Street, wo sich von den 1920er- bis in die 1940er-Jahre die Jazzclubs reihten. Heute werden die Afroamerikaner von hippen, gut verdienenden Weissen aus den hübschen Backsteinhäusern verdrängt.

Das Quartier verändert sich, das Chili-Rezept in Ben’s Chili Bowl jedoch ist seit 1958 unverändert. Die Schlange an der Theke ist lang. Das sei immer so, sagt Vida Ali, seit 61 Jahren habe der Familienbetrieb keinen einzigen Tag geschlossen. Alle wollen den Original Chili Half-Smoke – warmes Brötchen, Wurst, Senf, Zwiebeln und «spicy chili sauce» – für 6.99 Dollar.

Fotos von Celebrities und Politikern tapezieren die Wände; Hillary Clinton, das Ehepaar Sarkozy und natürlich Ex-Präsident Obama waren hier. Nur das Foto von Donald Trump fehlt. Ob er denn willkommen wäre? Vida Ali sagt: «Wir bedienen alle – vom Obdachlosen bis zum Präsidenten.» Zu Obamas Zeiten habe man den «Half-Smoke» sogar ins Weisse Haus geliefert. Trump hingegen ist kein Chili-Fan. Er mag seinen Burger mit Ketchup.

Die Reise wurde unterstützt von Capital Region USA

Erstellt: 05.10.2019, 17:15 Uhr

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