Klopse, Kant und Bernstein

Kaliningrad gehört zu Russland, liegt aber im Nirgendwo. Fussballfans, die das WM-Spiel Serbien - Schweiz besuchen, können sich auf eine lebendige Stadt freuen.

Eines der wenigen historischen Monumente: Der Dom im ehemaligen Königsberg. Fotos: Shutterstock

Eines der wenigen historischen Monumente: Der Dom im ehemaligen Königsberg. Fotos: Shutterstock

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Still ist der Morgen auf dem Platz um den Dom. Spaziergänger flanieren über die gepflasterten Strassen. Langsam errichten die Souvenirverkäufer ihre Marktstände, sie rauchen und unterhalten sich. Wind weht durch die Blätter der üppigen Bäume und Sträucher. Ein Hochzeitspaar posiert vor der backsteinernen Kirchenmauer. Es scheint glücklich, die Braut signalisiert schüchterne Zurückhaltung.

Rundherum stauen sich Autos auf den breiten Strassen, auf Grossbaustellen beginnen Arbeiter mit ihrer lauten Tätigkeit. Im Park bekommt man davon nichts mit. Galina Pustovaya lächelt und sagt: «Diese wunderschöne Anlage hier mitten in Kaliningrad zu haben, ist herrlich.»

Pustovaya lebt seit der Kindheit in der Stadt, die in einer russischen Enklave zwischen Polen und Litauen liegt. Sie studierte Germanistik und arbeitete als Deutschlehrerin an der Universität. Eigentlich ist sie pensioniert, jobbt aber noch als Reiseleiterin und Stadtführerin. «Von der Rente kann man hier nicht leben.» Den Satz sagt sie ohne bitteren Unterton – für Galina ist es eine schlichte Realität.

Bewegte Vergangenheit

Pustovaya ist Kaliningraderin mit Herz und Seele, Kritik an Stadt oder Regierung äussert sie vor den ausländischen Gästen keine. Die herzliche Frau hat auch so genug zu erzählen. Sie kennt jedes Gebäude der Stadt, jedes Denkmal, jedes Restaurant und jeden Markt. Sie kann den Besuchern Geschichten erzählen. Dramatische über die Bombardierung von Kaliningrad im Zweiten Weltkrieg. Und leichte über die Studienzeit von Immanuel Kant, dem berühmtesten Sohn Kaliningrads.

Es sind Geschichten einer Stadt, die im Mittelalter Hanse- und Universitätsstadt war, die als Königsberg zum Provinzzentrum von Ostpreussen wurde und deren Herz im Zweiten Weltkrieg fast komplett zerstört wurde. Nach dem Krieg wurde Kaliningrad der Sowjetunion zugesprochen – als Exklave zwischen zwei Ländern, und mit direkter Anbindung an Russland. Seit 1992 dürfen ausländische Touristen nach Kaliningrad reisen.

Kaliningrad-Stadion komplett neu erbaut

In diesem Sommer ist der westliche russische Aussenposten einer der Austragungsorte der Fussballweltmeisterschaft – die Schweiz wird hier am 22. Juni gegen Serbien antreten. Im Vorfeld des Grossereignisses wird die Stadt herausgeputzt und modernisiert. Das Kaliningrad-Stadion liegt nahe der Altstadt und ist komplett neu erbaut. Die Einheimischen freuen sich auf die WM – sowie auch über die freigemachten Geldmittel zur Aufwertung der Stadt. Pustovaya sagt: «Vieles ist seit dem Krieg und nach dem Ende der Sowjetunion in einem Provisorium stecken geblieben.» Jetzt endlich seien die zahlreichen Plätze neu gestaltet und die langen Flussufer mit Spazierwegen aufgewertet worden.

Häuserblock in Kaliningrad: Die Stadt ist auf den Besucheransturm während der WM vorbereitet. Foto: AFP Photo

Trotzdem: Der Krieg hat in Kaliningrad Spuren hinterlassen, die nach über 70 Jahren noch zu sehen sind. Beim Spaziergang durch die Quartiere trifft man auf grosse Brachen. Und wo früher die mittelalterliche Altstadt thronte, dominieren jetzt massive Plattenbauten.

Vereinzelt ist Altes aber erhalten geblieben, zum Beispiel die mittelalterlichen Stadttore. Der Königsberger Dom ist originalgetreu wiederaufgebaut worden. Einige Neubauten wie etwa das 16-stöckige Haus der Räte aus der Sowjetzeit wiederum wurden nie fertig erstellt – Bauruinen aus Zeiten, die noch nicht lange zurückliegen.

Verblichener Glanz an der Strandpromenade

Kulinarisch lässt es sich in Kaliningrad gut leben: Stilvoll gestaltete neue Restaurants bieten internationale Küche. Wer es traditioneller mag, findet in gutbürgerlichen Lokalen die stadtbekannten Königsberger Klopse. Auch Kaffee-Aficionados kommen auf ihre Kosten, zum Beispiel im versteckten, aber viel besuchten Café Busstation Kld. Stolz sagt Pustovaya: «Kaliningrad ist die russische Stadt mit der grössten Anzahl Restaurants und Cafés pro Einwohner.»

Zwanzig Kilometer nördlich geht es beschaulicher zu und her. Man trifft auf Nostalgie und erahnt vergangenen Glamour. In der Luft schwebt der Geruch vom Salzwasser der Ostsee, jener von Algen, grilliertem Fisch und Popcorn. Luxushotels aus dem 19. Jahrhundert stehen entlang der Strandpromenade, mondän und gleichzeitig etwas heruntergekommen.

Nirgendwo gibt es mehr Bernstein

Die beiden grossen Strandbäder der Region in Selenogradsk und Svetlogorsk sind beliebte Ausflugsziele der Kaliningrader, nur eine halbe Fahrstunde von der Stadt entfernt. Einige Meter vom Ufer entfernt erscheinen immer wieder eigenartige dunkle Gestalten zwischen den Wellen – Taucher, die in der Ostsee nach Bernstein suchen. In dieser Region befindet sich das grösste Bernsteinvorkommen der Welt. Das versteinerte Harz schwimmt im Salzwasser, nachdem es sich durch die Brandung aus dem Sand in das seichte Uferwasser vorgearbeitet hat. Die Taucher können den Bernstein einfach einsammeln.

Arbeiter auf der Suche nach Bernstein. Foto: Laif

Danach sitzen sie mit halb offenen Anzügen am Strand, trocknen sich in der Sonne und vergleichen ihre Beute. Die mächtigsten Stücke sind faustgross und bares Geld wert. Zwar wird Bernstein in einem einzigen Bergwerk auch industriell abgebaut. Das Tauchen nach den Kostbarkeiten ist aber für viele ein einträglicher Nebenerwerb. In kleinen Werkstätten werden die Stücke gewaschen und in der Regel von Hand verarbeitet: zu Schmuckstücken, Seifen, Spielzeug. Bernstein soll eine heilende Wirkung haben und Zahnschmerzen, Kopfschmerzen und ganz allgemein Unwohlsein lindern.

Auch Pustovaya schwört auf Bernstein und trägt ihn als Halskette und Brosche. Sie verrät, dass sie auch im Portemonnaie einen kleinen Bernstein aufbewahrt. «Das soll für einen immer gut gefüllten Geldbeutel sorgen», sagt sie und lacht über ihren Aberglauben.

Einige der Steine hat Pustovaya selber gefunden. Sie erzählt, nach einem Sturm sei der ganze Strand voller angespülter Bernsteine. Zum Beweis zeigt sie ein Foto: eine strahlende Pustovaya am Strand, umgeben von Hunderten von funkelnden, gelben Steinen.


Die Reise wurde unterstützt von Kira Reisen.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 02.06.2018, 16:07 Uhr

Infobox

Anreise
Mit LOT via Warschau, mit Air Baltic via Riga nach Kaliningrad.

Reiseveranstalter
Der Osteuropaspezialist Kira Reisen bietet Städtetrips nach Kaliningrad an. Zwei Nächte im Doppelzimmer mit Flug ab 490 Franken p. P. (exklusive Visum für 150 Franken). Während der Fussball-WM sind Arrangements nur noch auf Anfrage möglich. Tel. 056 200 19 00.

Unterkunft
Diverse Hotels in allen Preisklassen, auch internationale Ketten wie etwa das Radisson Blu ­Hotel, Kaliningrad.

Fussball-WM
de.fifa.com/worldcup

Einreise
Für Kaliningrad benötigt man ein Visum. Dieses muss man im Voraus bei der russischen Botschaft beantragen oder eine Reiseagentur damit beauftragen. Während der WM ist die Einreise mit einem gültigen Ticket und einer Fan-ID ohne Visum möglich.

Allgemeine Infos
www.old.visit-kaliningrad.ru

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