Mal Partymeile, mal Sehnsuchtsort

Das Leben in Israel ist zuweilen fiebrig, die Gegensätze sind faszinierend: Hier die Strandpromenade Tel Avivs, dort das Gassengewirr von Jerusalem.

Beliebtes Fotosujet: Blick auf Strand und Skyline von Tel Aviv. Foto: Michele Limina

Beliebtes Fotosujet: Blick auf Strand und Skyline von Tel Aviv. Foto: Michele Limina

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Als ein Bekannter von den Israel-Reiseplänen erfährt, fragt er allen Ernstes: «Sind dort die Strassen geteert?» Ja, sind sie. Es gibt in Israel moderne Autobahnen, die sich in nichts von unseren unterscheiden. Weiter lässt sich sagen, dass in israelischen Forschungslabors medizinische Wirkstoffe und biochemische Verfahren entwickelt werden, Software programmiert wird und ausgeklügelte Sicherheitskonzepte entstehen. Das erst gut 70-jährige Land ist ein patentsprudelndes Start-up, ständig unter Druck, kreativ, leicht fiebrig, experimentierfreudig und unkonventionell.

Wer in der alten Hafenstadt Jaffa den Blick die Küste entlang schweifen lässt, sieht die Skyline von Tel Aviv – und fühlt sich an Miami oder Toronto erinnert. Die Wolkenkratzer, deren Zahl immer noch zunimmt, verdecken – die weisse Stadt. In der Metropole, die Kern einer Grossregion mit 3 Millionen Einwohnern ist, gibt es ein Ensemble von etwa 4000 Gebäuden, errichtet im Bauhausstil und im Stil des Internationalismus. Viele deutsche Architekten jüdischer Abstammung mussten nach Hitlers Machtergreifung 1933 aus Nazideutschland fliehen. Sie fanden in der rasch wachsenden Stadt im damaligen britischen Mandatsgebiet Palästina einen Ort, an dem sie sich geradezu austoben konnten. Da die Einwan­derer aus Deutschland trotz des mediterran-milden Klimas die Gewohnheit beibehielten, eine Jacke zu tragen, werden deutsche Juden noch heute als Jeckes bezeichnet.

Bauhaus-Häuser aufgestockt

Die erst 1909 gegründete Stadt Tel Aviv wuchs rasch, besonders nach einem Pogrom der arabischen Bevölkerung von Jaffa gegen die Juden im Jahr 1921. Der Wert des Bauhaus-Ensemblesist heute erkannt; es zählt zum Unesco-Weltkulturerbe. Etlichen Häusern sieht man allerdings an, dass sie renoviert werden müssen. Der Denkmalschutz erlaubt den Besitzern jetzt, auf die alte Bausubstanz ein zusätzliches Attikageschoss zu setzen, was die Finanzierung der Renovation erleichtert. Wohnraum ist knapp und teuer, Tel Aviv erlebt gewissermassen eine «Zürcher Seefeldisierung», zumal in den letzten Jahren viele Juden in Europa aus Angst vor antisemitischen Attacken nach Israel kamen.

Mitten durch die weisse Stadt verläuft die Dizengoff-Strasse, benannt nach Meir Dizengoff, dem ersten Bürgermeister Tel Avivs. Auf der nicht sehr breiten Strasse zirkulieren unzählige E-Bikes und E-Trottinette. Die Strasse wird von Bars und Restaurants gesäumt, in denen sich abends das Jungvolk amüsiert.

Hier kann man jemenitisch, italienisch, thailändisch oder israelisch essen. Israelisch? Wer in der Schweiz schon in einem libanesischen Lokal gespeist hat, kennt etliche der Köstlichkeiten, die in Israel warten. In manchen Gaststätten wird auch die traditionelle jüdische Kost aus Osteuropa angeboten, etwa Kreplach («Kräpfchen»), mit gehackter Leber oder mit Fleisch gefüllte Teigtaschen. Die Stimmung in der mediterranen Stadt ist locker und friedlich. Vom schwelenden Konflikt mit der Hamas-Führung im nahen Gazastreifen ist nichts zu spüren. Die meisten jungen Männer – und Frauen! –, die sich hier vergnügen, haben fast alle ihren Wehrdienst bei der Armee geleistet oder müssen dies noch tun. In einer Armee, die alle paar Jahre wieder durch einen Ernstfall herausgefordert wird.

Islamisches Heiligtum: Der Felsendom auf dem Tempelberg in Jerusalem. Foto: Michele Limina

Die quirlige Wirtschaftsmetropole mit der langen Strandpromenade ist nur 70 Autobahnkilometer entfernt von einer Stadt, die ganz anders ist: Jerusalem. Per Eisenbahn war die Reise früher lang, schlängelte sich doch die Strecke auf Umwegen von Meeresniveau ins Gebirge hinauf. Jerusalem liegt auf immerhin 754 Meter über Meer. Im Winter kann es schneien, kürzlich tobte hier ein Schneesturm.

Heute preschen moderne Züge über Brücken und durch Tunnel in gut 20Minuten vom Flughafen Tel Aviv nach Jerusalem. Dort steigt man in ein modernes Niederflurtram um, auf dessen elektronischer Anzeigetafel alle paar Sekunden alternierend in Hebräisch, Arabisch und Englisch der Zielort aufscheint. Für Israel ist Jerusalem die Hauptstadt und das kulturelle und religiöse Zentrum des Judentums seit 3000Jahren. Die Palästinenser betrachten al-Quds («die Reine», «die Heilige») ebenfalls als ihre künftige Hauptstadt, zumindest den Ostteil ennet der Waffenstillstandslinie von 1949.

Schleier und Pelzhüte

Jerusalem scheint dem Himmel näher zu sein. Man sieht verschleierte arabische Frauen, katholische Pilgergruppen, jüdische Siedlergattinnen, orthodoxe jüdische Männer mit Pelzhüten und altertümlichen Gewändern. Für drei Religionen ist Jerusalem ein Sehnsuchtsort. Gemäss der Tora sollte Stammvater Abraham am Berg Morijah seinen einzigen Sohn Isaak opfern, was Gott in letzter Sekunde verhinderte. Laut Neuem Testament fand Jesu Kreuzigung und Auferstehung hier statt, und die junge Christengemeinde empfing an Pfingsten den Heiligen Geist. Gemäss einer islamischen Legende ist der Prophet Mohammed von al-Quds auf einem Pferd gen Himmel aufgefahren.

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In der Grabeskirche küssen Pilger inbrünstig den Stein, auf dem der Leichnam Jesu einst gelegen haben soll. Am Freitagabend vor Sabbatbeginn ver­sammeln sich viele jüdische Gläubige an der Klagemauer. Die steinerne Wand markiert den Abschluss des Tempelbezirks. Den Tempel zerstörte die römische Besatzungsmacht im Jahr 70 n. Chr. Muslimische Eroberer errichteten im 7. Jahrhundert an dieser Stelle den Felsendom mit der goldenen Kuppel, dem weitherum sichtbaren Wahrzeichen.

Die verwinkelte Altstadt, in deren Gassen unzählige kleine Läden sämtliche Köstlichkeiten des Orients feilbieten, ist fast ein Symbol für das Wollknäuel des Nahen Ostens, bei dem alles mit allem zusammenhängt. Freilich funktioniert in diesem kleinen Abbild das Miteinander sehr viel besser – und auch der Tourist fühlt sich sicher. Weil sich hier alles auf kleinstem Raum befindet, hören die orthodoxen Juden, die wippend an der Klagemauer beten, von oben vielleicht auch die Stimme Gottes – aber auf jeden Fall die Rufe des Muezzins.

Die Reise wurde unterstützt von DER Touristik Suisse/Kuoni.

Erstellt: 31.01.2019, 18:09 Uhr

Das Heilige Land

Anreise: Swiss und El Al fliegen ab Zürich direkt nach Tel Aviv, Easyjet ab Basel und Genf.

Arrangements: Kuoni bietet nebst Individualreisen verschie­dene Gruppenreisen an, samt Besuchen in Palästinensergebieten oder Jordanien, www.kuoni.ch.

Unterkünfte: Tal by the Beachin Tel Aviv, www.atlas.co.il; The Drisco in Jaffa, www.thedrisco.com

Restaurants:  Tel Aviv: Yulia, Hangar 2, Hafen, schöne Lage am Meer, israelische Küche; Kitchen Market, Hangar 12, Gourmetküche; Jerusalem: Bei Ruth Yudekovitz kann man selber israelisch kochen, nach einem Einkauf auf dem Machane Yehuda Market. www.shukandcook.com

Sicherheit: Aktuelle Lagebe­urteilung: www.eda.admin.ch

Allg. Infos: www.goisrael.com

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