Volle Gläser und faule Eier

Tiflis bietet modrigen Wein und gutes Essen, schöne Holzbalkone und triste Bauten aus der Sowjetzeit.

Die Altstadt von Tiflis mit den typischen Holzbalkonen.
Fotos: istock

Die Altstadt von Tiflis mit den typischen Holzbalkonen. Fotos: istock

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Anni Ninoschwili und ihr Mann Irakli haben für uns gerade Naturwein aus dem Boden geholt – aus dem Qvevri, der typischen Tonamphore; eine uralte Methode des Weinmachens, welche die Unesco in ihr Kulturerbe aufgenommen hat. Degustationen für Touristen sind für das junge Paar ein willkommener Zusatzverdienst. Für konventionell geschliffene Zungen ist dieser Wein eine Herausforderung, denn es weht einem ein Hauch wilder Moder in den Gaumen. Böse Zungen behaupten gar, die Georgier hätten kein Geld für Pestizide, deshalb der Naturwein. Wie auch immer: Unverfälscht, wie er ist, hat er gerade auch bei uns im Westen Konjunktur, denn er trifft präzise den ökologischen Zeitgeist. Nach dem russischen Weinembargo, einer Reaktion auf Georgiens Unabhängigkeit von 1991, standen viele Winzer vor dem Aus. Heute erfinden sie sich erfolgreich wieder neu.

Die hippe Fabrika in einer ehemaligen Textilfabrik. Foto: Getty

Doch wie bei allem, was in Tiflis passiert, werden die Tradition und der Stolz auf die eigene Geschichte hochgehalten. Alt und Neu, das Eigene und das Fremde bilden in der 1,4-Millionen-Stadt einen attraktiven Mix. Viele Häuser stammen aus dem 19. Jahrhundert; auf den kunstvoll geschnitzten Holzbalkonen flattert Wäsche im Wind, Zedern und Zypressen schmeicheln den alten Mauern. An der Shota Rustaveli Avenue reihen sich prächtige Gebäude aus der Zarenzeit, die tristen Plattenbauten aus der Sowjetzeit befinden sich erfreulicherweise an der Peripherie. Vieles in Tiflis bröckelt, den Strassenhunden ist das egal. Müde und satt liegen sie vor der alten Karawanserei und dösen vor sich hin.

Sie sind geimpft, gechippt und kastriert – die Fütterung übernehmen viele freiwillige Helfer. Und träge, als hätte er alle Zeit der Welt, durchfliesst der Mtkvari die Stadt, bevor er langsam Kurs nimmt auf Aserbeidschan. An seinen Ufern liegen anmutig auf Hügeln die orientalisch geprägte Alt- und die Neustadt. Punktuell blitzen futuristische Bauten auf, etwa die beiden Riesenröhren, die als Konzerthäuser gedacht waren, heute aber leer stehen. Präsident Michail Saakaschwili hatte sie in den Nullerjahren bauen lassen, bevor seine Ära 2012 vorbei war. Er war es auch, der die mächtige Dreifaltigkeitskirche errichten liess, die in Avlabari über dem linken Ufer des Mtkvari steht. Mit ihrem goldenen Dach ist sie weithin sichtbar. Sie ist Sitz der georgischen Patriarchie und ein Fanal für die georgisch-orthodoxe Kirche, die unter der 70-jährigen Sowjetherrschaft kleingehalten wurde. Man bekreuzigt sich oft in Tiflis und betet, dass Gott es schon richten wird: Der Wirtschaft geht es noch immer nicht gut, die Arbeitslosigkeit ist hoch und das Verhältnis zum mächtigen Nachbarn Russland ist neuerdings angespannt. Nicht Präsidentin Salome Surabischwili habe das Sagen, meinen viele, sondern Multimilliardär Bidsina Iwanischwili, dessen Villa wie ein Hightech-Labor auf dem Hügel thront.

Tbilisi bedeutet auf Georgisch «warme Quellen»

Mit der Gondelbahn fahren wir zur Festung Narikala hoch, zu Fuss gehts runter durch die Gassen von Sololaki mit seinen malerischen, kleinen Villen, bis wir im Bäderviertel Abanotubani mit den Schwefelquellen ankommen, dem ältesten Teil der Stadt. Wacho, unser Guide, kennt sich hier bestens aus. Er ist in Sololaki aufgewachsen, spricht perfekt Deutsch und zeigt uns zusammen mit Brigitte, einer ausgewanderten Schweizerin, spezielle Orte. Sein Geheimtipp im Bäderviertel ist das Bad Nr. 24. «Andere sind vielleicht schöner, aber dieses ist von allen das authentischste», weiss Wacho aus Erfahrung. Von oben sieht man nur die halbkugelförmigen Lüftungskuppeln im persischen Stil, alle Bäder liegen unterhalb der Erde. 40 Grad heisses Wasser und den Geruch fauler Eier sollte man schon aushalten, dafür hat man auf Wunsch einen persönlichen Badetrakt mit Wanne plus Massage. Nicht umsonst bedeutet Tbilisi auf Georgisch «warme Quellen». Überall in der Altstadt schwefelt es ein bisschen, so als wäre Luzifer heimlich am Einfeuern.

Schon lange Sehnsuchtsland der reichen Russen

Gut durchwärmt sieht man alles noch ein bisschen rosiger – die Stadt regt alle Sinne an. Unweit der Bäder feiern Aserbaidschaner ein wichtiges Nationalfest. Man geht respektvoll miteinander um, als kleines Land hat Georgien immer über das Schwarze Meer hinausgeschaut. Schon lange ist es das sonnige Sehnsuchtsland reicher Russen, wo einem die Trauben in den Mund wachsen und man hervorragend isst: Teigtaschen mit Fleischfüllungen, Kräuterpasten mit orientalischen Aromen, Fisch und Fleisch an Granatapfelsauce. Alles kommt zusammen auf den Tisch, «sharing plates» hat Tradition. Dazu gibts roten Saperavi und viele emotionale Trinksprüche; da fällt so manche Träne in den Naturwein. Besonderen Spass macht das alles bei Keto und Kote, einem märchenhaften Restaurant mit Blick auf die Stadt.

Eine der Thermen im Bäderviertel Abanotubani. Foto: Alamy

In letzter Zeit kommen vermehrt auch Besucher aus deutschsprachigen Ländern. Georgiens Gastspiel an der Frankfurter Buchmesse und der riesige Erfolg von Nino Haratischwilis Roman «Das achte Leben» haben dem geheimnisvollen Land im Kaukasus einen neuen Tourismusschub gebracht. Hotels im Topsegment gibts viele, etwa das Shota Rustaveli; das Nachtleben ist beachtlich, Tiflis gilt als sichere Stadt. Für Brigitte, die ausgewanderte Baslerin, sind es auch die persönlichen Freiräume, weshalb sie sich hier seit vier Jahren wohlfühlt: «In Tiflis kann man noch durchatmen», sagt sie, «nicht alles ist durchreglementiert.» Kleines Beispiel: Man darf sein Auto mit einem Lenkrad links oder rechts steuern.

Auf der Strasse pflegen alle einen dynamischen Fahrstil, auch unser Taxifahrer, der uns in rasantem Tempo zur geheimen Druckerei der kommunistischen Revolutionäre in Isani fährt. Ein aus der Zeit gefallenes Museum, gerade jetzt, da das Land in die EU will. Der Chef der Ausstellung trauert der heute verbotenen KP nach. Zwischen 1903 und 1906 druckte der junge Stalin in den Kellerräumen seine Flugblätter gegen das zaristische Russland. Wer die steile Wendeltreppe zur Druckerpresse hinuntersteigt, spürt den eisigen Hauch der Geschichte.

Viele Ältere hängen noch an der Sowjetzeit, in der man mit wenig Arbeit sein Auskommen hatte. Aber die junge Generation hat viel vor und ist gut vernetzt. Im Quartier Chugureti entstand zum Beispiel aus einer alten Textilfabrik das hippe Projekt Fabrika, ein Hostel mit Läden und Internetcafé. Dass der Nachwuchs fit ist, zeigt auch unser Besuch einer Schulstunde in einem Gymnasium – die 13-jährigen Teenager sprechen perfekt Englisch. Nach der Matura wollen alle reisen, in die USA, nach Paris, London. Dann aber zurückkehren und ihr Land weiterbringen. «We love our country», sagen sie unisono. Sie lieben ihr Land – gute Aussichten für die Zukunft.

Die Reise wurde unterstützt von Atlas Reisen.



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Erstellt: 03.08.2019, 17:32 Uhr

Anreise: Mit Turkish Airlines über Istanbul, www.turkishairlines.com oder mit Austrian Airlines über Wien, www.austrian.com
Unterkünfte: Hotel: Shota Rustaveli, exzellentes Haus an zentraler Lage, www.shotahotels.com
Reiseveranstalter: Atlas Reisen, Individual-und Gruppenreisen Tiflis/Georgien, www.atlas-reisen.ch. Stadtführungen und Exkursionen auf Deutsch: Brigitte Renz & Wacho Chvitschia, www.georgienwbtours.com
Restaurants: Keto und Kote, moderne georgische Küche in alter Holz-
villa, www.georgian-restaurant-159.business.site. Souvenirs, Handwerk: Maidan Bazaar, Gorgassali-Platz
Einreisebestimmungen: Schweizer Bürger benötigen für ihren Aufenthalt einen gültigen Reisepass.
Beste Reisezeit: April bis Juni und September bis Oktober
Allg. Infos: Tourismusverband von Georgien, www.tourism-association.ge

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