Wie ein nie endender Polterabend

Ab Juni fliegt Edelweiss direkt nach San Diego im Süden Kaliforniens: Eine Stadt mit aufgekratztem Partyvolk, übel riechenden Seehunden und dem ersten Schwulen-Bier.

Selbst die kalifornische Lockerheit wirkt hier manchmal etwas überspannt: Feiernder in San Diegos Amüsierviertel Gaslamp Quarter. Foto: Bengt Nymar (Flickr)

Selbst die kalifornische Lockerheit wirkt hier manchmal etwas überspannt: Feiernder in San Diegos Amüsierviertel Gaslamp Quarter. Foto: Bengt Nymar (Flickr)

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«San Francisco? Vergiss es. Viel zu kalt.» Der junge Mann mit den wachen Augen lächelt zufrieden hinter seinem buschigen Hipster-Bart hervor. «Und Los Angeles ist furchtbar. Falsche Menschen, falsche Brüste – alles unecht.» Er hat sich für San Diego entschieden. Das liegt auch in Südkalifornien, soll aber der beste Flecken auf Erden sein.

Wer das behauptet, nennt sich Shaver und ist Brauer in der Hillcrest Brewery, der ersten Gay-Bierbrauerei der Welt. Sie liegt im gleichnamigen hippen Quartier von San Diego und verfügt über einen gemütlichen Ausschankbereich. Doch was Gay-Bier von anderen Bieren unterscheidet (einmal abgesehen von den ziemlich frivolen Markennamen), kann auch er nicht so genau erklären.

Die Liebe und das Klima

Man fragt in San Diego, wen man will: Die beiden Hauptgründe, warum man diese Stadt zum Lebensmittelpunkt erkoren hat, sind stets dieselben. Das ist auch bei Shaver nicht anders: Es ist die Liebe, und es ist das Klima.

Bald wird die Ferien-Airline Edelweiss zweimal wöchentlich Schweizer Ferienbedürftige direkt nach San Diego fliegen. Das Klima hat bei diesem Destinationsentscheid ebenfalls eine Rolle gespielt. Richtig kühl wird es hier höchstens abends, glutofenheiss selten – es herrscht anhaltendes Spätfrühlingswetter. Und: «Es gibt hier alles, was man in den Ferien sucht: Strände und sämtliche Möglichkeiten für sportliche Aktivitäten oder Ausflüge», sagt Edelweiss-CEO Bernd Bauer, der nach San Diego gereist ist. «Und im Gaslamp Quarter warten mehr als 200 Bars», ergänzt er und schmunzelt. Zudem werde das Ganze umschmeichelt von der berühmten südkalifornischen Lockerheit.

Club an Club und Bar an Bar

Also auf zum Härtetest. Und warum nicht gleich in diesem viel gerühmten Gaslamp Quarter beginnen? Hier wird den Bewohnern von San Diego seit den 1880er-Jahren Zerstreuung geboten; die Hauptschlagader des Vergnügens ist die 5th Avenue, an der sich tatsächlich Club an Club und Bar an Bar reihen. Und die kalifornische Lockerheit gibt es auch, allerdings wirkt sie ein wenig überspannt.

Das Gaslamp Quarter ist an den Wochenenden in Beschlag von einem Jungvolk in Polterabendstimmung. Man gondelt in bunten LED-Rikschas durchs Quartier oder steht vor den zahlreichen Clubs an. Fragt man Türsteher nach den musikalischen Präferenzen ihrer Bewachungsobjekte, geben die meisten «commercial House Music and commercial Hip-Hop» an. Die Chance, in diesem Gaslamp Quarter von sehr fröhlichen jungen Menschen mit einem aufblasbaren Riesen-Gummipenis angestupst zu werden, ist weit grösser, als hier auf erstaunliche Unterhaltung zu stossen.

Viel Jungvolk in Partystimmung: Im Gaslamp Quarter gibt es mehr als 200 Bars. Foto: Daniel Knighton (Getty Images)

Für Freunde der Subkultur lohnt sich ein Ausflug in die Soda Bar im North Park Quarter, vorbei an einem sein Charisma leicht überschätzenden Türsteher, hinein in das Underground-Eldorado dieser Stadt. Ein zweites hört auf den Namen Casbah – viel mehr gibt es da nicht. Ein Musikjournalist wird später erklären, dass San Diego eher Mühe bekundet, als Kulturstadt wahrgenommen zu werden. Bands, die in Kalifornien unterwegs sind, bevorzugten San Francisco oder Los Angeles, für San Diego bleibe höchstens noch ein Termin unter der Woche.

Wegen des kulturellen Angebots nach San Diego zu reisen, lohnt sich also eher nicht. Da liefert die Pacific Beach schon wesentlich bessere Argumente. Sie wird flankiert von Bars, Restaurants und Mietwohnungen. Der Umgang ist locker und leicht, die Menschen sind jung und glücklich, die bevorzugten Fortbewegungsmittel an der vier Kilometer langen Strandpromenade sind das Rollbrett oder das Mietvelo. Und wenn man die vier Kilometer durchhat, beginnt auch schon die Ocean Beach, ein Strandviertel, in dem sich ein eher hippieskes Völkchen eingenistet hat, was die Sache ganz und gar nicht unsympathischer macht. Einzig das Wasser ist für einen herkömmlichen, neoprenlosen Schweizer Brustschwimmer meist etwas zu kalt. Die 20-Grad-Celsius-Marke wird hier nur selten erreicht.

Die Werbetexter der Tourismusbehörde haben für San Diego den hochtrabenden Slogan: «America’s finest City» ausgeheckt. Die Urheber dieser Losung dürften in Pacific oder Ocean Beach leben – hier ist die Stadt eindeutig am hübschesten. Etwas gediegener wirkt der Stadtteil La Jolla, wo es zwar die schmucksten Golfplätze Kaliforniens gibt (in und um San Diego finden sich sage und schreibe 93), ansonsten wirkt der Distrikt trotz aller Lauschigkeit ein bisschen pomadig. Die gutbürgerliche Idylle wird einzig von einer Hundertschaft ziemlich ungünstig riechender Seelöwen irritiert, die sich unten am Meer auf einem Felsen tummelt und draufgängerischen Touristen als Selfie-Hintergrund dient.

Abwechslung in Mexiko

Spätestens nach zwei Tagen La Jolla dürstet es einen nach einem Ausbruch aus der Komfortzone. Da kommt der Umstand gerade recht, dass San Diego an der Grenze zu Mexiko liegt. In einer halben Stunde (ohne Stau und Wartezeit am Zoll) ist man in Tijuana, einer Stadt, die nicht nur ein Zaun von San Diego trennt, sondern Welten (obzwar Tijuana mit dem trotzigen Slogan «City without Borders» für sich wirbt).

Es ist alles ein bisschen staubiger und lauter hier. Genau das aufzuzeigen, hat sich Derrik Chinn mit seiner Reiseagentur Turista Libre vorgenommen. Er umkurvt mit seinem alten mexikanischen Schulbus zielsicher alle Touristenfallen der Stadt, im Bestreben, seinen Gästen das Tijuana der Einheimischen zu zeigen. Das ist nicht immer schön, das ist – gerade entlang des Grenzzauns – ganz schön traurig. Doch es ist allemal besser, als ein Vorzeige-Mexiko für gelangweilte Amerikaner vorgesetzt zu bekommen. Chinn bietet neben Stadtrundfahrten auch Wrestling-Touren an, man kann mit ihm in die mexikanischen Weingebiete tuckern oder die teils recht abenteuerlichen Märkte der Stadt abklappern. Und ausserdem kennt er garantiert die besten Tacos-Gaststätten der Stadt.

Tijuana ist keine praktische, schöne Flanierstadt. Während der Prohibition kamen die Amerikaner hierhin, um sich zu besaufen, und begründeten Tijuanas Ruf als mexikanischen Sündenpfuhl. Heute lockt Tijuana immer noch mit ­Tequila, doch für viele Amerikaner üben die preisgünstigen Schönheitschirurgen und Zahnärzte die grössere Anziehungskraft aus. Doch Obacht: Die mexikanischen Zahnärzte gelten unter Kennern nicht als die zartesten Zahnflicker.

Hinein in den puren Luxus

Also zurück – über den meistfrequentierten Grenzpunkt der Welt – nach San Diego. Und hinein in den puren Luxus. Im viktorianischen Hotel del Coronado wartet sonntags the Mother of all Frühstücksbuffets. Hier wurden Teile des Films «Some Like It Hot» mit Marilyn Monroe gedreht, und hier kann man es sich wahrlich gut gehen lassen. Draussen: ein weisssandiger Strand, der kürzlich von einem Magazin zum besten der USA gewählt worden ist. Drinnen: ein Buffet, an dem man sich locker einen ganzen Vormittag verlustieren kann (für etwas mehr als 100 Dollar pro Person).

Surfen geht gut, allerdings meist nur im Neoprenanzug: Das Wasser erreicht selten die 20-Grad-Marke. Foto: Peter Schickert (Alamy)

Danach: Ab in den Balboa Park, so ­etwas wie die grüne Museumsinsel der Stadt. 17 Museen und diverse Pavillons von ganz unterschiedlichem Niveau buhlen hier um Aufmerksamkeit: Im Railway-Museum begegnet man Männern, die auf Modelleisenbahnen starren, während im Kunstmuseum Surrealist Dalí neben dem abstrakten Künstler Richard Deacon ausgestellt ist. Unweit daneben findet sich Malkunst, die nicht einmal in der Sendung «Bares für Rares» hochpreisig gehandelt würde.

Oder: Ab in den Zoo. Er gilt unter Liebhabern als einer der schönsten der Welt, weil er nicht nur durch seine Fauna (inklusive putziger Pandas und Eisbären), sondern auch durch reichhaltige Flora besticht. Man kann sich hier locker einen Tag um die Ohren schlagen und sich dabei fast genauso locker eines kleinen Vermögens entledigen.

Das Militär prägt die Stadt

Mindestens einen Halbtagesaufenthalt ist die Liberty Station wert. Hier wurde eine ehemalige Militäranlage zu einem wahrlich friedlichen Ort umfunktioniert: Es gibt Galerien, Bars, Shops, ­Restaurants, Brauereien, Musikstudios, ­Yoga-Clubs, Schreibwerkstätten, Ballettschulen und allergattig mehr.

Apropos Militär: Die Armee bleibt der grösste Arbeitgeber der Stadt, beheimatet San Diego doch einen der wichtigsten Militärhäfen der Welt. Dementsprechend viel Platz nimmt die Militärbasis im Stadtbild ein, und dementsprechend schlecht war lange Zeit der Ruf San Diegos als öde Garnisonsstadt. Bekommt man die seltene Gelegenheit, ein bisschen auf der Basis herumzukurven, vorbei am militäreigenen McDonald’s, an ­Kinos, Golfplatz, Starbucks und Muskelbuden, vorbei auch am gigantischen Flugzeugträger Theodore Roosevelt, überkommt den Gast eine ungute Beklommenheit. Sie wird von den wenigsten Bewohnern der Stadt geteilt. Der Lärm der donnernden Fliegerstaffeln wird hier auch schon mal schwärmerisch als «the sound of freedom» bezeichnet.

Und? Lohnt es sich nun, diese Stadt direkt anzufliegen? San Diego ist gewiss spannender als sein Ruf. Ein Ausbund an Schönheit, ein Shopping-Eldorado oder ein Kulturmekka ist die von Wasser umgebene Stadt eher nicht. Spass haben kann man hier dennoch. Und wer mehr von Kalifornien sehen will, findet hier eine entspannte Basis, um die südliche Westküste oder die nahe gelegenen Städte Las Vegas, Phoenix oder Los Angeles zu erkunden. Das Klima stimmt ohnehin. Fehlt also nur noch die Liebe.

Die Reise wurde unterstützt von Edelweiss Air. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.05.2017, 20:07 Uhr

San Diego und Tijuana

Tipps und Infos

Anreise: Von Juni bis September fliegt Edelweiss ab Zürich direkt nach San Diego. www.flyedelweiss.com

Unterkunft: Empress Hotel La Jolla, ab 180 Franken (www.empress-hotel.com), oder Omni Hotel Downtown, ab 190 Franken.

Touren Tijuana: Turista Libre. Treffpunkt auf der US-Seite des Grenzübergangs San Ysidro. Ab ca. 30 Franken.
www.turistalibre.com

Infos zu San Diego: Die Stadt an der Grenze zu Mexiko ist mit 1,35 Millionen Einwohnern nach Los Angeles die zweitgrösste Stadt Kaliforniens. Die Liste der berühmten Töchter und Söhne der Stadt ist relativ kurz.
Die Schauspielerin Cameron Diaz und die Musikerin Diamanda Galas stammen aus San Diego. Tom Waits hat hier immerhin als Türsteher gearbeitet. In San Diego werden amerikaweit die meisten Avocados produziert.

Klima: Zwischen Juni und September ist Sommer in Kalifornien. Höchsttemperaturen: Luft 23 bis 27 °C, Wasser ca. 20 °C.

Museen: www.balboapark.org

Zoo: www.zoo.sandiegozoo.org

Allgemeine Infos: www.sandiego.com

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