Wie in einem anderen Film

Altstadt und Kulturpalast sind bewährte Ikonen in Warschau. Doch es lohnt sich genauso, ins Praga-Viertel vorzudringen, wo auch «The Pianist» spielt.

Das Zentrum des guten Geschmacks: Das Konenser-Areal mit der ehemaligen Wodka-Brennerei. Foto: PD

Das Zentrum des guten Geschmacks: Das Konenser-Areal mit der ehemaligen Wodka-Brennerei. Foto: PD

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Es gibt Bahnhöfe ohne Züge. Warschau Ost gehört dazu. Denn Warszawa Wschodnia ist ein Restaurant. Sieben Tage die Woche hat das Lokal von Mateusz Gessler, der in Lausanne sein Handwerk lernte, offen, und das rund um die Uhr. Im Angebot: beste polnische Küche, mit Kuttelsuppe, Pierogi oder Ente. Ganz Warschau isst hier, und chic ist es jetzt, sich im Praga-Viertel zu zeigen, sogar mit BMW oder Mercedes. Früher getrauten sich viele Einwohner der polnischen Hauptstadt nicht hierher, denn die Umgebung hatte einen schlechten Ruf. «Mancher verlor hier nicht nur das Portemonnaie, sondern auch den Kittel und die Hosen, wenn dem Dieb die Kleider gefielen», sagt Herr Tomasz, der uns an diesem Tag durch Praga begleitet.

Der Spaziergang hatte an der Stalowa-Strasse begonnen. Auf einmal waren wir in einem anderen Film: mitten im alten Warschau. Roman Polanski hat in Praga Szenen für «The Pianist» gedreht. Die Crew musste nur die Strasse absperren, denn vieles sieht hier so aus wie noch vor dem Krieg: Backsteinfassaden, Eisenbalkone, abbröckelnder Putz. «Herrenschneider» steht hingepinselt an einem Haus, wo schon längst kein Laden mehr ist. Heute kaufen sich die Leute ihre Kleider im Billig-Basar. Erhalten haben sich die Innenhöfe, in denen kleine Kapellen mit Marien-Figuren stehen. Natürlich können Touristen sie anschauen, Kapellen in Innenhöfen sind ja recht fotogen. Herr Tomasz aber rät zum Aufbruch. Die Menschen in Praga wohnen schliesslich nicht im Museum.

Die Reise durch die Geschichteder Neonisierung Polens

Anders verhält es sich auf der gegenüberliegenden Seite der Weichsel. Der Fluss teilt die Stadt in der Mitte. Dort dominiert heute das Sightseeing. Man könnte einen Kostümfilm drehen und Geschichten erzählen aus einer Zeit, in der Warschau noch schön und romantisch war – so perfekt wurde die Altstadt mit dem Königsschloss nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs wieder aufgebaut. Ein eleganter Thriller in der Optik von Stahl und Glas böte sich auch an. Das moderne Warschau ist an manchen Orten über sich hinausgewachsen. Schon längst nicht mehr dominiert Stalins Geschenk an Polen, der Kulturpalast, den Horizont. Neue Hochhäuser wachsen in den Himmel. Wer einige Jahre nicht mehr in Warschau war, wird die Stadt nicht wiedererkennen.

So wird es auch Praga, dem Arbeiterviertel, gehen. Der Stadtteil ist mitten im Umbruch. Verlassene Fabrikareale werden überbaut. Es entstehen neue Wohnquartiere. Wo früher die Ossa, eine polnische Version der Vespa, zusammengeschraubt wurde, steht jetzt die Soho-Factory: Restaurants wie das Warszawa Wschodnia oder Galerien haben Einzug gehalten. Und das Neon-Museum.

Hier leuchtet Warschau. Ilona Karpinska und ihr Mann David Hill haben Leuchtschriften zusammengetragen, die das Grau des kommunistischen Polens einst ein wenig freundlicher machen sollten. Blau strahlt der Schriftzug «Warszawa», und pink ist die Syrenka, die Wappenfigur der Stadt, eine Meerfrau mit erhobenem Schwert und Schild. Seit 2012 ist dieses private Museum in Betrieb und lädt ein zur Exkursion durch die Geschichte der Neonisierung Polens. Man bekommt hier fast ein bisschen Sehnsucht nach Vergangenheit, so schön sieht die sozialistische Reklame aus.

In der alten Brennerei gibt es jetzt ein In-Restaurant

Eine andere Exklave in Praga ist das Koneser-Areal. Eine alte Wodka-Destillerie wurde in die Moderne transformiert: zum Zentrum des guten Geschmacks. Google führt hier eine Dependance, die Shops von polnischen Designern sind hip eingerichtet wie auch das In-Restaurant Zoni, das sich in der alten Brennerei befindet.

Einen Besuch wert ist das Museum des polnischen Wodkas, das zu den besten der Stadt gehört, es zeigt in höchst anregender und unterhaltsamer Weise, welche Rolle der Wodka auf dem Terrain der polnischen Kultur spielt – und wie der Wyborowa in die Bars von New York und Paris kam. In den umliegenden Strassen haben sich schon eigentliche Koneser-Ableger etabliert, zum Beispiel das kleine Restaurant Lokalna Bistronomia. Dort gibt es notabene den besten Zurek der Stadt, die Suppe aus gesäuertem Mehl ist formidabel.

Warschau sei mit Initiativen wie dem Koneser-Zentrum in der Mitte Europas angekommen, sagen manche. Ein anderer Ort zeigt: Europa befindet sich im Spa. Seit einem Jahr ist das Hotel Europejski wieder offen. Der Hotelgigant Accor hat dem Haus, das einst das beste der Stadt war, wieder zum alten Glanz verholfen. Es trägt jetzt den Weltläufigkeit verheissenden Namen Raffles und beherbergt eine Kollektion von polnischer Kunst der Gegenwart. Ein perfekter Ort für Menschen mit Sinn für den Luxus und Moden der Zeit.

Abgezügelt in den Spa-Bereich wurde das Mosaik «Die Entführung Europas», das sich in den 60er-Jahren in der Cocktail-Bar befand. Neu thront im Entrée der Nobelherberge eine Neonröhren-Skulptur von Wlodzimierz Jan Zakrzewski, sie zeigt die Farben eines Landes und auch die Grenzen, die hellsten und düstersten Momente. Diese zeigen sich auch überall in der Stadt, wenn man durch die Strassen spaziert. Man muss nur genau hinschauen.

Die Reise wurde von Accor Hotels und Warsaw Tourist Office unterstützt



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Erstellt: 23.08.2019, 16:49 Uhr

Links und rechts der Weichsel

Anreise: Tägliche Flüge mit Swiss und Lot von Zürich nach Warschau. Zugverbindung über Berlin. Arrangement: Drei Übernachtungen im DZ im Hotel Hampton by Hilton City Centre*** mit Frühstück und Swiss-Flügen Zürich – Warschau retour ab 567 Fr. p.P., www.railtour.ch

Unterkunft: Raffles Europejski Warsaw, DZ ab 258 Euro, www.raffles.com/warsaw

Essen: Warszawa Wschodnia, Minska 25, www.mateuszgessler.com.pl; Lokalna Bistronomia, ul. Nieporecka 6, www.lokalnabistronomia.pl

Sightseeing: Neon-Museum, Soho Factory, Minska 25, www.neonmuzeum.org; Museum des polnischen Wodka, plac Konesera 1, www.muzeumpolskiejwodki.pl

Allg Infos: www.warsawtour.pl; www.polen.travel/de

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