Chinesisch lernen in Shanghai

Mandarin gilt als eine der schwierigsten Sprachen der Welt. Trotzdem macht es grossen Spass, in China die Schulbank zu drücken.

Die Gastfamilie in Shanghai: Die sechsjährige Coco (l.) erweist sich als geduldige Sprachlehrerin. Foto: Andrea Freiermuth

Die Gastfamilie in Shanghai: Die sechsjährige Coco (l.) erweist sich als geduldige Sprachlehrerin. Foto: Andrea Freiermuth

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Coco verdreht die Augen und scheint kurz vor dem Verzweifeln. Sie wiederholt: «Qiiii, qiiii, qiii». Ich soll nachsprechen, aber mit der Aussprache hapert es noch. Sie gibt mir zu verstehen, dass ich auf ihren Mund blicken soll, wo eine riesige Zahnlücke klafft. Schleierhaft, um welchen der neun möglichen Zischlaute im Chinesischen es sich handelt. Aber egal: Meine kleine Lehrerin und ich haben Spass.

Die sechsjährige Coco ist eine der beiden Töchter meiner chinesischen Gasteltern in Shanghai. Im Kindergarten lernt sie gerade erste Schriftzeichen und das lateinische Alphabet. Nur zu gerne gibt sie das Wissen weiter. Coco erweist sich als Glücksfall, denn mit ihren Eltern spreche ich leider zu oft Englisch – und die ältere Schwester, ein Teenager, ist zu schüchtern, um sich mit mir zu unterhalten. Als ich den Sprachaufenthalt buchte, zögerte ich keine Sekunde, die Variante mit dem Familienanschluss zu wählen. Im Rückblick staune ich über den Mut.

Denn ich bin mit Mitte vierzig älter als meine Gastmutter und weiss aus Gesprächen mit meinen Mitstudenten, dass sich chinesische Hygienevorstellungen meist nicht mit unseren Bedürfnissen decken. Auch die Tischsitten sind gewöhnungsbedürftig: Schmatzen, Schlürfen und Rülpsen gelten in China als Ausdruck dafür, dass einem das Essen schmeckt – und wenn meine Gasteltern nicht gerade auf Convenience-Food zurückgreifen, gibt es ziemlich viele Geräusche bei Tisch.

Geschmorte Hühnerfüsse

Dafür bin ich schon in den Genuss von Speisen gekommen, die ich ausser Haus niemals freiwillig angerührt hätte – wie etwa geschmorte Hühnerfüsse. Die munden gar nicht so schlecht und sollen, weil sie viel Knorpel und damit Kollagen enthalten, als natürliches Anti-Aging wirken. Apropos Anti-Aging: Der ganze Sprachaufenthalt fühlt sich an wie eine Verjüngungskur. Einfach toll, wieder mal die Schulbank zu drücken – ganz ohne Notenstress. Zudem können in China selbst Erwachsene noch staunen wie Kinder.

Der Shanghai Tower etwa ist mit 623 Metern das zweithöchste Gebäude der Welt. In den 118. Stock gelangt man innerhalb von 55 Sekunden mit dem schnellsten Lift des Planeten. Und bricht die Dunkelheit herein, beginnt das Spektakel: Viele Hochhäuser sind nachts beleuchtet wie riesige Weihnachtsbäume.

Wie viele chinesische Schriftzeichen es gibt, weiss niemand so genau. Schätzungsweise sind es über 100'000.

Überhaupt scheint hier irgendwie alles moderner zu sein als in der Schweiz. So zahlt praktisch niemand mehr mit Bargeld, sondern nur noch via Smartphone. Schlüssel sind offensichtlich auch von gestern: In die Wohnung der Gastfamilie komme ich mit einem Badge und in die Schule mit einem Code. In den unzähligen Shoppingmalls findet sich alles – vom billigen Kitsch bis zu Schweizer Luxusuhren. Und in den angesagten Clubs von Shanghai feiert die chinesische Jeunesse dorée ausgelassene Partys.

Spannend ist es auch, sich mit Expats zu unterhalten. Zugang zur Community der Ausländer erhält man an der LTL Language School durch den Schuldirektor Johan Brandal. Der gebürtige Norweger nimmt seine Schäfchen regelmässig mit zu Expats-Treffen.

Ausländer arrangieren sich

Als Neuzugang staunt man dort, wie nonchalant sich manche Ausländer mit den negativen Seiten der Diktatur arrangiert haben. Luftverschmutzung? «In Peking ist es schlimmer.» Meinungsfreiheit? «Ich habe VPN und informiere mich ausserhalb der chinesischen Firewall.» Menschenrechte? «Ist zum Glück nicht mein Land.» Die Überwachungskameras, die jedes Gesicht erkennen? «In Shanghai kann ich nachts zu Fuss nach Hause gehen. In welcher anderen 20-Millionen-Metropole ist das möglich?»

In Shanghai kann man nachts zu Fuss nach Hause gehen. Aussicht vom Shanghai Tower bei Nacht. Foto: PD

Gleichzeitig spürt man es ­selber: Diese beinahe unwiderstehliche Anziehungskraft, die China ausübt. Die meisten der vorwiegend jungen Mitstudenten erhoffen sich dank der Sprachkenntnisse einen Vorteil auf dem Arbeitsmarkt. Uns alle eint, dass wir es superspannend finden, wie das Reich der Mitte tickt, wie rasant sich das Land in den vergangenen Jahren entwickelt hat – und wie Chinas Einfluss auf die Welt wächst. Bleibt die Frage: Kann man auch mit Mitte vierzig noch eine neue Sprache lernen? Eine, die als besonders schwierig gilt?

Nach zehn Wochen Sprachaufenthalt mit 20 Lektionen pro Woche bilanziere ich: Méi wèntí, kein Problem. Ich beherrsche die Sprache zwar noch nicht fliessend, kann mich aber auf Small-Talk-Niveau gut unterhalten und verfüge über ein Basisvokabular rund ums Reisen und Essen.

Nicht nur schwierig

Klar, zu den anfänglich erwähnten neun Zischlauten kommen fünf Vokale, die sich auf jeweils fünf verschiedene Arten aussprechen lassen. Und dann sind da natürlich die Schriftzeichen. Wie viele es gibt, weiss niemand so genau. Schätzungsweise über 100'000. Es heisst, 3000 brauche man mindestens, um eine Zeitung lesen zu können. Für mich noch ein langer Weg, erkenne ich doch inzwischen erst knapp 800 – und je mehr es werden, desto schwieriger kann man sie aus­einanderhalten.

Aber Chinesisch ist eben nicht nur schwierig: Anders als in indogermanischen Sprachen gibt es keine Tempi, keine Modi und keine Fälle. Im Chinesischen bleibt das Verb beziehungsweise das Objekt immer gleich. Man reiht einfach ein Wort an das andere und muss höchstens bei deren Reihenfolge einige Regeln beachten. Ich profitiere sicher auch davon, dass meine Schule Wert auf Didaktik nach westlichem Stil legt. Also wenig Drill, dafür Rollenspiel, Konversation und der Einbezug von Bild- und Videomaterial via Tablet. Okay, es ist einfacher, eine Sprache zu lernen, wenn man sich nicht gleichzeitig mit anderen Fächern abmühen muss wie damals als Teenager – und wenn man eine entzückende Lehrerin wie die kleine Coco an seiner Seite weiss.

Die Reise wurde unterstützt von KLM.

Erstellt: 12.12.2019, 17:45 Uhr

Reiseinformationen

Flug: KLM fliegt via Amsterdam sowohl nach Shanghai wie auch nach Peking und Taipeh. Swiss fliegt nonstop von Zürich nach Shanghai. www.klm.com; www.swiss.com

Sprachschule:  Die LTL Language School führt Niederlassungen in Peking, Shanghai und Taipeh. Der Gruppenunterricht wird in Kleinklassen mit bis zu sechs Schülern geführt. In der winterlichen Nebensaison findet sich zuweilen kein Mitschüler auf dem gleichen Niveau; man kommt ohne Aufpreis in den Genuss von Privatunterricht. Neben vier Lektionen pro Tag werden wöchentlich soziale Events wie Kochen oder Museumsbesuche organisiert.

Arrangement: Drei Wochen Schule in Shanghai mit Unterkunft bei einer Gastfamilie kosten bei Globetrotter 2200 Fr. p. P.  www.globetrotter.ch

Allg. Infos: www.meet-in-shanghai.netwww.discoverchina.com

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