Das Wunder von Saas-Fee

Der Skipass für 222 Franken hat im Saastal eine Euphorie ausgelöst – und übertüncht ein paar Probleme.

Optimismus und Zuversicht statt Lichterlöschen: Die Crowdfunding-Aktion brachte 90 000 Ski-Abos. Foto: Getty Images/LOOK

Optimismus und Zuversicht statt Lichterlöschen: Die Crowdfunding-Aktion brachte 90 000 Ski-Abos. Foto: Getty Images/LOOK

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Eine atemberaubende Bergwelt mit 18 Viertausendern, das schnee- sicherste Skigebiet der Alpen und 300 Sonnentage im Jahr – der Ferienregion Saastal mit den Bergdörfern Saas-Fee, Saas-Almagell, Saas-Grund und Saas-Balen hat es an Superlativen nie gefehlt. Und dennoch zeigte jahrelang alles nach unten. Die Frequenz der Berg- bahnen ebenso wie die Zahl der Logiernächte und das Stimmungsbarometer der Einheimischen. Und dann das: Im vergangenen Winter stieg die Zahl der Übernachtungen um über 15 Prozent, jene der Ankünfte um 25 Prozent, und die Bergbahnen erhöhten ihre Frequenz gar um gegen 50 Prozent. Keine andere Wintersportdestination konnte auch nur an-nähernd mit derart tollen Zahlen mithalten.

Der Schlüssel zum Erfolg war ein revolutionäres Preiskonzept, ein Saisonpass für 222 statt wie bisher für 1050 Franken. Lanciert wurde die Wintercard-Idee im vergangenen Jahr über eine Crowd-funding-Aktion im Internet. Mehr als 90 000 Abonnemente wurden so abgesetzt. Und das Saastaler Wintermärchen geht weiter, der Skipass ist auch im kommenden Winter für 222 Franken zu haben. Die erforderliche Zahl von 77 777 Käufern war schon vor Ablauf der zweiten Crowdfunding-Aktion erreicht.

Das hat die Alpenregion kaum je erlebt

Seither herrschen im Saastal Optimismus und Zuversicht. «Das von den Bergbahnen lancierte Angebot hat sich zum Destinationsprodukt entwickelt, alle profitieren davon», sagt Jürg Stettler, Präsident von Saastal Tourismus. Dass andere Wintersportorte das nicht so lustig finden und bisweilen von einem «ruinösen Preiskampf» oder «Dumpingangebot» reden, ist nicht sein Problem. «Die Wintercard wurde eingeführt, weil genügend Interessenten vorhanden waren», sagt er. «Die Saastal Bergbahnen haben nicht einfach die Preise gesenkt, sondern zuvor gerechnet.» Ob die Rechnung für die Bahnen auch tatsächlich aufgeht, wird man freilich erst im kommenden März wissen, räumt Stettler ein.

Marketingmässig war die Wintercard jedenfalls ein Knüller, wie ihn die Alpenregion kaum je erlebt hat. Plötzlich sprach alles vom Skifahren, vom revolutionären Crowd- funding-Deal – und natürlich von der Ferienregion Saas. Dort profitierten denn auch alle von der Wintercard. Hotels und Restaurants genauso wie Sportgeschäfte und Läden. Insbesondere für die Hotellerie war der unerwartete Gästeboom ein Geschenk des Himmels. Denn nach Jahren des Niedergangs standen gleich mehrere Hotels vor dem endgültigen Lichterlöschen.

Mit der Hotellerie ist es im Saastal schon lange so eine Sache. Streng genommen sind es bloss zwei Vierstern-Superior-Häuser, die zur absoluten Spitze zählen. Das von Fabian und Esther Zurbriggen exzellent geführte Wellnesshotel Pirmin Zurbriggen in Saas-Almagell und der Schweizerhof in Saas-Fee, der von Medy und Benita Hischier ähnlich erfolgreich durch alle Stürme gesteuert wird. Weniger schöne Geschichten schrieben jüngst das Ferienart Resort und The Capra, die beiden Fünfsternhäuser von Saas-Fee.

Mit dem Ferienart hatte der kreative Querdenker Beat Anthamatten in den Neunzigern eines der besten Wellnesshotels im Land aufgebaut. Als er vor fünf Jahren krank wurde, ging aller Glanz verloren. Das Ferienart musste in die Nachlassstundung und kämpfte zwei Jahre lang gegen den Konkurs. Jetzt sind anscheinend Investoren aufgetaucht, die das einstige Flaggschiff wieder flottmachen sollen. Anders lief es im The Capra. Eine Gruppe von Freunden hatte die Idee, Skihüttenromantik mit den Annehmlichkeiten eines Luxushotels zu verschmelzen. Dafür warfen sie einen zweistelligen Millionenbetrag auf. Ihr Vorhaben ist gelungen. Total misslungen ist hingegen der Versuch, dem Boutiquehotel eine Führung zu geben. Innert zweier Jahre wurden vier Direktoren verschlissen, was nicht an diesen lag.

Nette Geschichte vom reichen US-Onkel

Auch im Waldhotel Fletschhorn, einst bekannt geworden durch Starköchin Irma Dütsch, knistert es in der Führungsetage. Fletschhorn-Besitzer ist ein Russe, der mit seiner um Jahrzehnte jüngeren Frau nach Houston, Texas, verreist ist und das Hotel verkaufen möchte. Betrieben wird es vom Amerikaner Edmond Offermann, einer anderen schillernden Figur. Der Hedgefonds-Spezialist erwarb vor fünf Jahren für 14 Millionen Franken 40 Prozent der Aktien an den Bergbahnen und versprach, weitere Millionen lockerzumachen.

Es ist die nette Geschichte vom reichen Onkel aus Amerika, nur erscheint sie den Einheimischen nicht mehr ganz so märchenhaft. Anscheinend hat Offermann kaum je Geld in die Infrastruktur der Bergbahnen gesteckt. Dafür ist er in die Hotellerie eingestiegen, obwohl er davon, so der Tenor unter den verschnupften einheimischen Hoteliers, keinen Schimmer hat. Unter dem Label Dom Collection besitzt Offermann mittlerweile das Hotel The Dom sowie das Grandhotel Du Glacier und managt fünf weitere Betriebe.

So sehr die Freude über das Wunder vom Saastal alles dominiert: Es gibt auch Fragezeichen. Die Wintercard habe zwar viele Leute ins Tal gebracht, aber keine zahlungskräftigen, ist von prominenten Einheimischen zu hören. Profitiert hätten nicht zuletzt die Vermieter von alten Unterkünften, die jetzt erst recht nicht renoviert würden. Gleichzeitig sei der Wohnraum für Saisonniers rar und fast unbezahlbar geworden. Restaurants, Bars und Sportgeschäfte seien gezwungen gewesen, ihre Preise zu senken. Überhaupt laufe alles nur noch über den Preis. Es sei eine gefährliche Gratwanderung. Saas-Fee drohe zur Lidl- Destination zu verkommen. Nun ja, Lidl verdient ganz schön Geld.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 03.12.2017, 06:47 Uhr

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