«Gehts der Crew gut, gehts dem Schiff gut»

Der Schweizer «Mein Schiff»-Kapitän Thomas Roth über komplizierte Häfen und seine Karriere vom Leichtmatrosen zum Chef an Bord.

Kapitän Thomas Roth auf der Brücke der «Mein Schiff». Foto: PD

Kapitän Thomas Roth auf der Brücke der «Mein Schiff». Foto: PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Kapitän Thomas «Tom» Roth, 47, ist nicht im Dienst, man ist nicht auf Kreuzfahrt, sondern trifft sich im nüchternen Sitzungszimmer des Reiseveranstalters TUI Schweiz. Roth trägt denn auch nicht die blendend weisse Kapitänsuniform, nur der grosse Brillant im rechten Ohrläppchen ist extraordinär.

Die Kommando-Funktion scheint er allerdings nicht ganz abgestreift zu haben: Roth bestimmt, welche seiner Aussagen notiert werden dürfen und vor allem, welche nicht. Von Beginn an stellt er klar, dass er sich zur Uniform nicht äussern werde, er sei «Manager eines 4000-Personen-Schiffes und nicht Sascha Hehn vom Traumschiff». «Off the record» plaudert er jedoch gern über die Wirkung, welche «die vier Streifen und das viele Gold auf den Schultern» auf die Kreuzfahrtgäste hat.

Schon als Bub wussten Sie, dass Sie Kapitän werden wollten. Was hat Sie an diesem Beruf so gereizt?
Mein Vater stammt aus einer deutschen Offiziersfamilie, er fuhr selber zur See, auch er im Offiziersrang. Als Bub habe ich seinen Seemannsgeschichten gelauscht. Heute weiss ich, dass einiges davon mit Seemannsgarn ausgeschmückt war.

Aufgewachsen sind Sie in Zürich, nahe am See. Kapitän auf der Linth oder der Panta Rhei war nie eine Option?
Das ist für mich keine Seefahrt. Da fehlt mir die grosse Welt.

Heute sind Sie Kapitän der «Mein Schiff»-Flotte. Das heisst, Sie sind nicht nur Kapitän, sondern «Wohlfühlkapitän», wie der erste Mann an Bord bei TUI Cruises betitelt wird.
Der Kapitän bei TUI Cruises kümmert sich wesentlich mehr um die Gäste als auf der Seefahrt üblich. Dieser Service an Bord ist aus meiner Sicht sonst nur auf Luxus­schiffen zu finden.

Auch ein Wohlfühlkapitän wird sich aber in erster Linie um sein Schiff kümmern müssen.
Selbstverständlich. Ich überwache den Betrieb, schaue, dass alles läuft. Und ich kümmere mich um das Wohlbefinden meiner Mannschaft. Täglich gehe ich mein Schiff von oben nach unten ab, 15 Decks, will wissen, wie es meinen Leuten in der Wäscherei geht. Und ich esse mit der Mannschaft. Lachen sie, schöpfen sie zweimal, holen sie ein Dessert, dann sind meine Leute zufrieden. Gehts der Crew gut, gehts dem Schiff gut.

2016 haben Sie das Kommando auf der «Mein Schiff 3» übernommen, als einziger von zwölf Kapitänen haben Sie Schweizer Wurzeln. Das muss eine Ehre sein.
Das ist vor allem die logische Folge von harter Arbeit und viel Fleiss. Ich fahre seit 28 Jahren zur See, habe ganz unten als Moses angefangen, habe das Deck geschrubbt, war mir für nichts zu schade. Immer mit dem Ziel vor Augen, irgendwann das Kommando übernehmen zu können.

Vom Schiffsjungen über den Leichtmatrosen, Vollmatrosen bis zum ersten Mann an Bord – wie wichtig war es für Sie, alle Stufen durchlaufen zu haben?
Ganz wichtig, weil ich aus Erfahrung weiss, wie alles funktioniert. Auf dem Schiff herrscht zwar ein militärisches System, die Crew nennt mich Captain oder Sir. Aber der Kapitän ist Teamleader, keine One-Man-Show wie früher. Die vier Streifen auf den Schultern geben mir aber die Möglichkeit, mich fürs Schiff und seine Besatzung einzusetzen.

Aber das An- und Ablegen im Hafen ist immer noch dem Kapitän vorbehalten?
Ja, aber ich lasse auch die jungen Offiziere fahren, stehe selbstverständlich daneben, versuche, nicht zu viel einzugreifen. Ich bin 500 Manöver gefahren, bis ich befördert worden bin. Das Ziel ist, das 295 Meter lange Schiff, die 50 000 Tonnen auf der Grösse einer Frankenmünze zu bewegen, das braucht Fingerspitzengefühl.

Gibt es Häfen, die den Kapitän besonders herausfordern?
Es gibt komplizierte Häfen, schmale, gewundene Einfahrten, die vor 150 Jahren für damalige Schiffe gebaut worden sind. Valletta, Mykonos, Piräus, super tolle Häfen. Aber bei schlechtem Wetter ist das Risiko zu gross, auch wenn 2500 Gäste an Bord hässig auf mich sind. Was zählt, ist die Sicherheit.

In welcher Situation stossen Sie an Ihre Grenzen?
Das passiert selten, alles ist zu schaffen. Anspruchsvolle Situationen sind meist wetterbedingt, starker Wind macht das Steuern des 60 Meter hohen Schiffes schwieriger. Wie auch viel Schiffsverkehr. Auf dem Englischen Kanal zum Beispiel hat man mich deswegen schon mitten in der Nacht auf die Brücke gerufen.

Wann darf Sie die Crew wecken?
Ich schlafe mit dem Telefon. Die Offiziere wissen, dass sie nicht höflich sein müssen. Sie sollen im Zweifel immer anrufen. Ich bin schon mit den Schuhen in der Hand und offenem Hemd auf die Brücke gerannt.

Wurden Sie auch schonseekrank?
Auf grossen Schiffen noch nie. Aber ich habe schon Leute in der Wäscherei gesehen, die tatsächlich grün im Gesicht waren. Aber es geht vorbei. Entspannen, auf den Horizont schauen, das hilft.

Sie sind unterwegs auf den Weltmeeren – in einer deutschen Enklave. Auf dem «Mein Schiff» spricht man Deutsch, man isst Hackbraten, trinkt Bier, und abends werden deutsche Schlager aus vier Jahrzehnten geboten. Wie hält das ein halber Schweizer aus?
Die Schweizer sind begeistert von unseren Schiffen, das höre ich immer wieder, wenn ich Gäste aus der Schweiz anspreche. Und sie sind happy, wenn Deutsch gesprochen wird.

Vom «Traumschiff» kennt man das Captain’s Dinner, wo ausgewählte Männer im Smoking und Damen im Abendkleid am Tisch des Kapitäns speisen. Wer darf an Ihrem Tisch sitzen?
Bei uns an Bord gibt es kein Captain’s Dinner. Wenn es sich ergibt, esse ich gern mit Gästen. Aber genauso gern sitze ich abends mit der Crew zusammen oder ziehe mich auch mal früh in meine Kabine zurück, denn oft muss ich um 5 Uhr wieder raus.

Wie wichtig ist denn der gesellschaftliche Teil Ihres Jobs?
Sehr wichtig, jede Woche haben wir 2500 Gäste an Bord, und jeder will den Kapitän kennen lernen. Die Gäste, die eine Suite bewohnen sowie die Stammgäste begrüsse ich bei einem Cocktail persönlich, und sie alle wollen ein Foto mit mir. Das gehört zum Job des Kapitäns eines Kreuzfahrtschiffes.

In welchem Hafen gehen Sie am liebsten von Bord?
Im Mittelmeer, vor allem in Palma, gehe ich gerne an Land, da habe ich Familie, werde abgeholt und bekocht.

Und irgendwann schippern Sie dann doch noch als Kapitän auf dem schönen Zürisee?
Nein, nie! Höchstens im Ruderboot, zum Fischen. Ich werde zur See fahren, bis ich 70 bin. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 19.01.2018, 15:51 Uhr

Artikel zum Thema

Böse Überraschungen vermeiden

Das Preis-Leistungs-Verhältnis von Kreuzfahrten bleibt attraktiv. Man soll an Bord aber nicht in Fallen tappen. Mehr...

Kreuzfahrt nach Nirgendwo

Ein Schweizer Reiseveranstalter entdeckt eine neue Destination. Ab Mai 2018 verkehrt die MS Belaja Rus für Thurgau Travel auf Gewässern in Weissrussland. Mehr...

Die Promenade rutscht nach unten

SonntagsZeitung Megaliner versprechen das Revival der tiefliegenden Decks für mehr Nähe zum Meer. Und sie werden umweltfreundlicher. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Kampf gegen Rassismus: Ein Demonstrant protestiert gegen die Kundgebung «Liberty of Death», eine Versammlung von Rechtskonservativen vor der Seattle City Hall in Seattle, Washington. (18. August 2018)
(Bild: Karen Ducey/AFP/Getty) Mehr...