Touristenmagnet Mallorca mal ohne Feriengäste

Im Hotelcheminée brennt ein Feuer, an den Stränden ist es ruhig – ein Besuch auf der Baleareninsel im Winter.

Winterwetter: Der Hafen von Andratx im Westen von Mallorca im Dezember. Foto: Cati Cladera, Keystone

Winterwetter: Der Hafen von Andratx im Westen von Mallorca im Dezember. Foto: Cati Cladera, Keystone

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Pitsch, pitsch, pitsch. Das Frotteetuch ist schon wieder voll. Mit Wasser, das durchs lecke Dach tropft. Antonio holt ein neues ­Badetuch und legt es wortlos auf den Boden der alten Scheune, die einst eine Ölpresse war. Beim Einnachten sind wir von ­Valldemossa auf verschlungenen Wegen den Hügel hochgefahren, durch ­Haine mit knorrigen Olivenbäumen, die wie Gespenster den Weg säumen. Und jetzt sind wir hier, im Hotel Finca Mirabo, und es regnet fast ins Weinglas.

Wir sind ausserhalb der ­Saison die einzigen Gäste in der alten Finca, und man kocht extra für uns ein dreigängiges Menü. Unzählige Kerzen beleuchten die Mauern, noch nie haben wir so einsam bei undichtem Dach so stilvoll gegessen. Das Mirabo ist ein geschmackvoll ­eingerichtetes Landgut in Familienbesitz an Mallorcas Westküste, das sein authentisches Ambiente ­behalten hat und eines der wenigen Hotels ist, das bis in den Winter ­hinein Gäste empfängt.

Antonios Mops schielt während des Essens ständig auf die nasse Stelle, unsere Laune hingegen wird bei jedem Bissen besser. Antonio ist hier seit vielen Jahren Manager, ein Allround-Talent. Im Prinzip könnte er in der Finca den ganzen Winter über herrschaftlich wohnen, aber er findet: «It’s spooky. Das Haus ist stärker als ich.» Wenn der Wind heult und die Balken und Böden knarren, hat er das Gefühl, es spuke. Im Dezember ist wenig los, dann schliesst er und wohnt in Palma, bis die Saison im Frühling wieder losgeht.

Am nächsten Morgen hat der Regen aufgehört, das Thermometer zeigt 16 Grad Celsius, Valldemossa mit seiner markanten Kartause liegt drüben im schönsten Sonnenschein. Endlich haben wir den Touristenmagneten für uns, eine Wanderung durch Olivenhaine und Wald führt ins Städtchen. Wir geniessen die Sonne und denken, dass es bei unserem Versuch, die Insel im Winter zu erkunden, weit schlimmer kommen könnte.

Als sich die französische Schriftstellerin George Sand im Winter 1838 mit ihrem Geliebten Frédéric Chopin in der kalten Kartause einquartierte, ­notierte sie über den Regen: «Das dauert vierzig, fünfzig Stunden, wenn nicht gar vier bis fünf Tage ohne Unterbrechung und ohne Nachlassen.» Kein Wunder, wurde Chopins Husten damals nicht besser.

Heizung ist unerlässlich

Wer sich im Winter nicht auf die wenigen noch offenen Hotels und Restaurants verlassen will, mietet am besten eine Ferienwohnung – mit einer gut funktionierenden Heizung. Als wir weiter zur felsigen Westküste fahren und das alte Steinhaus Son Montserrat im Bergdorf Banyalbufar beziehen, haben unsere Vorgänger bereits sämtliche ­Holzvorräte für das Cheminée aufgebraucht.

Virginia, die uns durchs Haus führt, sieht kein Problem, ihr Tipp: «Auf dem Wanderweg nach Esporles liegt Holz, das können Sie gern nehmen.» Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich das Holz nach zehnminütigem Fussmarsch als eine zerlegte, nasse Einbauküche im Wald, die keine Aussicht auf ein wärmendes Feuerchen verspricht. Abends fallen die Temperaturen unter 10 Grad, vor allem an der Westküste in den Ausläufern der Tramuntana wird es dann ungemütlich.

Gut zu wissen, dass die Tankstellen Brennholz verkaufen. Ausgerüstet mit einem eindrücklichen Stapel feuern wir in den kommenden ­Tagen ein, als müssten wir der Hölle Konkurrenz machen.

Die westliche mallorquinische Gemeinde Puigpunyent im Winternebel. Foto: Jürg Rohrer

Die Aussicht von unserem Gärtchen aufs blaue Meer ist einmalig, steil schweift der Blick über die alten Terrassen – architektonisches Erbe der Mauren, die Mallorca ab 900 n. Chr. während dreihundert Jahren ­beherrschten. Auf unserer Terrasse trägt ein Orangenbaum dekorativ ­Früchte, zum Frühstück gibts Saft direkt ab dem Baum.

Ausser der genialen Lage hoch über dem Meer und dem intakten Ortsbild punktet ­Banyalbufar mit dem Fernwanderweg GR 221. In drei Stunden führt ein alter Postweg durch urwüchsige Steineichenwälder auf historischem Kopfsteinpflaster ins Städtchen Esporles mit einer Platanenallee und einem schmucken Platz samt Cafés. George Sand hatte schon recht, als sie schrieb, nirgendwo eine «reizendere und zugleich melancholischere Landschaft» gesehen zu haben.

Ein Ritter Namens Cervera ­hatte einst dem König geholfen, die Mauren zu vertreiben.

Richtung Süden führt von Banyalbufar ein anderer, attraktiver Weg nach Estellencs. Erneut atemberaubende Blicke auf das Meer, grün glänzende Pinien biegen sich wie auf Bestellung Richtung Küste.

Nach dem felsigen Westen steht uns der Sinn nach Buchten und Strand. Im hübschen Hafenstädtchen Port de Pollenca im Norden ist man im Hotel Sis Pins gut aufgehoben. Am Jachthafen ist das Restaurant Stay ein Muss, es serviert originelle Mittelmeerküche mit Blick aufs Wasser.

Doch auf uns warten noch die Buchten im Osten, die im Sommer heillos übervölkert sind, Cala Agulla und Cala Canyamel. Ein guter Ausgangsort dafür ist das Dorf Son Servera mit seinem mittelalterlichen Landgut Ca S’Hereu – heute ein B & B in historischen Mauern. Sein Erbauer, ein Ritter Namens Cervera, ­hatte einst dem König geholfen, die Mauren von der Insel zu vertreiben. Zum Dank erhielt er das Gebiet im Osten der Insel und ­baute hier seinen Familiensitz.

Aufregung in der Nacht

Die Gästezimmer verströmen mallorquinische Grandezza, zuoberst im Haus hatte der Priester der Familie gar ein eigenes Schlafgemach mit Kapelle; der Adel wollte partout ins Himmelreich. Im wuchtigen Turm aus dem 13. Jahrhundert wohnt ­heute der Hausmeister, ein sportlicher, junger Spanier, den wir immer nur im Velodress sehen. Er schafft halbe Baumstämme in die ­riesige Eingangshalle, in der ein ­eisernes Cheminée steht. «In einem solchen Haus muss das Feuer immer brennen», meint er. Dort sitzen wir jeden Abend als einzige Gäste bei Oliven und Cava und fühlen uns wie bei Königs.

Das feurige Engagement unseres Velofahrers wird jedoch noch Folgen haben. In der zweiten Nacht heult um 3 Uhr die Sirene, wir sitzen kerzengerade im Bett. Feuer unterm Dach? Zum Glück nicht, aber der Qualm ist im ­ganzen Haus so stark geworden, dass die Brandmelder verrückt spielen. Erst nach einer Stunde finden wir im Pyjama gemeinsam die richtige Zahlenkombination, und die Sirene gibt Ruhe.

An der einsamen Cala Agulla ziehen wir dann Bilanz: In zwei Wochen nur zwei Regentage. Einige Abenteuer, tolle Wanderungen und vor allem den heiteren Gedanken im Kopf, dem Touristenstrom ein Schnippchen geschlagen zu haben.

Erstellt: 03.01.2020, 20:33 Uhr

Die Touristeninsel

Anreise: Swiss fliegt täglich von Zürich nach Palma, Easyjet fliegt ab Basel
Auswahl Hotels ausserhalb der Saison, auf Anfrage:


Buchtipp: George Sand: Ein Winter auf Mallorca
Wanderführer: Bruckmanns Wanderführer Mallorca
Allg. Infos: www.illesbalears.travel

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