In 110 Stunden durch Südamerika

Von Rio de Janeiro nach Lima: Unterwegs auf der längsten Busstrecke der Welt.

Eindrücke einer langen Reise: Die Route der 110-stündigen Fahrt. Fotos: Mauritius Images, Noga, Ken Hawkins, Alamy, Imago, ZUMA Press

Eindrücke einer langen Reise: Die Route der 110-stündigen Fahrt. Fotos: Mauritius Images, Noga, Ken Hawkins, Alamy, Imago, ZUMA Press

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Über diesen Bus heisst es, dass man zwar wisse, wann er abfährt: jeden Mittwoch um 13 Uhr vom Busbahnhof Novo Rio in Rio de Janeiro. Aber nie sagen könne, wann er ankommt – zu lang die Strecke, zu wild die Landschaft, zu unberechenbar das Wetter. Und dann die Menschen: Strassensperren sind in Südamerika ein beliebtes Mittel, um Regierungen für lokale Probleme wie die Versorgung mit Strom oder Trinkwasser zu sensibilisieren, je ferner von den Zentren der Macht, umso mehr. In solchen Fällen hängt der Bus schon mal einen Tag im Nirgendwo fest.

Einerseits also stimmt es: Wann man in Lima ankommt, lässt sich nie genau sagen. Andererseits ist auch die Abfahrt nicht immer gewiss. Bei dieser Reise ist es so: Am Montag kommt eine Nachricht, dass wegen Unwettern in Peru der Bus verspätet in Rio ankomme, die Abfahrt also auf Donnerstag verschoben werde. Mittwoch dann der Rückzieher: Der Bus schaffe es gar nicht erst nach Rio, Abfahrt sei schon am selben Abend – aus São Paulo. Also eilig den Koffer packen und mit einem anderen Bus in Brasiliens grösste Stadt.

Sechs Stunden dauert die Fahrt, dann biegt der Bus in Tietê ein, São Paulos labyrinthischen Busbahnhof. Dort, an Ausgang 57, wartet der Doppeldecker mit grünen und roten Streifen und dem Schriftzug «Expreso Ormeño». Die peruanische Firma hat sich vor 20 Jahren auf die Langstrecke spezialisiert: von Lima nach Bogotá in Kolumbien und weiter nach Caracas in Venezuela. Oder nach Santiago de Chile. Als im Jahr 2011 die erste durchgehende Verbindung zwischen Brasilien und Peru eingeweiht wurde, die Transoceánica, kam São Paulo hinzu, kurz vor den Olympischen Spielen 2016 auch Rio de Janeiro – laut Fahrplan mit 110 Stunden Fahrtzeit die längste Busstrecke der Welt.

 «Ankunft ist Montag im Laufe des Vormittags – wenn alles gutgeht.»

Ein Nachzügler hastet zum Bus. «Nimm deine Sachen mit rein, das Gepäckfach ist schon voll», rät Edison Ramos, begleitet von einem Schulterklopfen. Ramos ist einer von zwei Fahrern, ein jovialer Duzer, füllig, mit schwarzem Igelschnitt und einem breiten Lächeln im Gesicht. Der andere heisst Sócimo Quiñonez, ist grauhaarig und schlank und redet nicht gerne.

Donnerstag: Die Abfahrt

Edison hockt auf dem Beifahrersitz, Sócimo fährt. Er biegt ab auf eine achtspurige Autobahn, auf der auch am späten Abend der Verkehr tost. Die Autobahn führt durch ein Häusermeer, vorbei an 20- bis 30-stöckigen Gebäuden. São Paulo ist Südamerikas wichtigste Wirtschaftsmetropole. Elf Millionen Menschen leben in der Stadt selbst, noch einmal so viele im Grossraum.

Edison Ramos breitet eine Landkarte aus. Von São Paulo geht es Richtung Nordwesten: über Cuiabá im Bundesstaat Mato Grosso, über Porto Velho in Rondônia und Rio Branco in Acre zur peruanischen Grenze. Von dort hoch in die Anden nach Cusco und dann runter nach Lima. «Ankunft ist Montag im Laufe des Vormittags», sagt Edison, «wenn alles gutgeht.»

Auf der letzten Fahrt war das nicht der Fall. Kurz vor Porto Velho sind zwei LKW frontal zusammengestossen. Sechs Stunden gab's kein Durchkommen. Und auf dem Hinweg war die Transoceánica in den Anden nach einer Lawine gesperrt. Edison und Sócimo mussten eine Ausweichstrecke nehmen und sind mit einer Verspätung von 24 Stunden in São Paulo eingetroffen. Busfahren in den Anden ist relativ gefährlich. Immer wieder stürzen Busse Abhänge hinunter. Erst vergangene Woche sind dabei zwei deutsche Urlauber ums Leben gekommen. In Peru waren es allein in diesem Jahr bereits 117 Tote bei Busunglücken.

«Das ist unser Rhythmus: Fünf Stunden fahren, fünf Stunden schlafen.»

Edison gähnt. Hinten in der Fahrerkabine ist eine Koje. Fensterlos, mit dünner Matratze. Er zieht das weisse Hemd mit dem Firmenlogo aus, hängt es auf einen Bügel, zwängt sich in die Koje. Es ist neun Uhr abends. Um zwei in der Nacht wird er das Lenkrad übernehmen. «Das ist unser Rhythmus», sagt Sócimo, «fünf Stunden fahren, fünf Stunden schlafen.»

Kurz vor zwölf

Edison hat die Nachtschicht längst hinter sich. Pause an einer regennassen Raststätte mitten im Nichts. «40 Minuten», ruft Edison den Fahrgästen hinterher. 28 Passagiere sind an Bord, alles Peruaner. Damit ist der Bus nicht einmal halb voll. 40 Minuten, das reicht gerade mal für die Morgentoilette, zum Duschen und für ein frühes Mittagessen. Zweimal am Tag hält der Bus, am Vormittag und am Abend. Die Fahrer hasten in den Waschraum, stopfen danach ein typisch brasilianisches Gericht in sich hinein: schwarze Bohnen, geschmortes Rindfleisch, dazu Reis. Fliegende Händler umschwirren die Reisenden, bieten Lederwaren an. Hüte, Gürtel, Armbänder. Zwei weitere Fernbusse fahren vor.

«Zeit weiterzufahren», mahnt Edison. Auf dem oberen Deck lehnt sich Perina Huancahuire in ihrem Sitz zurück. Sie ist 23, von kräftiger Statur, mit schulterlangen schwarzen Harren und braunen Augen. Perina sitzt in der ersten Reihe. Die Auswahl des Platzes ist gut überlegt. Unten funktioniert die Klimaanlage besser, ausserdem gibt es Leitos, Liegesitze aus Leder, die sich fast waagerecht stellen lassen. Oben dagegen sind die Sitze aus Stoff, und die Lehne lässt sich nur auf 45 Grad kippen. Dafür kann man die Aussicht geniessen. Und vor allem: Das Bild und der Ton der Videoanlage sind besser. Dumm nur, dass der DVD-Player auf dieser Fahrt nur sporadisch funktioniert.

«Aber dann kam die Krise. Es gab immer weniger Arbeit, wir Ausländer wurden als Erste entlassen.»

Fünf Jahre hat Perina in São Paulo gelebt. Nun kehrt sie zurück, für immer. In São Paulo war sie Hilfsarbeiterin. In einer Handyfabrik hat sie in der Endkontrolle gearbeitet, in einem Laden Spielzeug verkauft – unter anderem. Gelebt hat sie bei ihren Eltern. Ihr Vater war schon zwei Jahre früher nach São Paulo gezogen, 2010, im letzten Amtsjahr von Lula als brasilianischem Präsidenten. Damals strotzte das Land vor wirtschaftlicher Kraft. Und mit der Fussballweltmeisterschaft und den Olympischen Spielen standen zwei prestigeträchtige Grossveranstaltungen bevor. «Seine Brüder hatten meinem Vater gesagt, dass dort alles besser ist», erinnert sich Perina. «War es auch. Aber dann kam die Krise. Es gab immer weniger Arbeit, wir Ausländer wurden als Erste entlassen.»

In ihrer Heimatstadt Arequipa im südlichen Hochland will Perina nun die Polizeischule besuchen. Auch ihre Eltern kommen bald nach. Sie dreht sich um. Die ältere Dame in der dritten Reihe, die beiden Männer in der fünften, Mutter und Tochter in der achten – alles Rückkehrer. In São Paulo leben viele Peruaner im einst mondänen, heute heruntergekommenen Zentrum, oft zu mehreren in winzigen Wohnungen. Man schätzt, dass es in den letzten Jahren der Lula-Administration und den ersten unter seiner Nachfolgerin Dilma Rousseff allein in São Paulo eine halbe Million waren.

Donnerstag in Mato Grosso

Edison stellt den Scheibenwischer auf die höchste Stufe: Es schüttet seit Stunden. Seit Stunden auch das gleiche Bild: endlose Felder, auf denen Rinder grasen oder strohgelbe Sojapflanzen spriessen. Und die Transoceánica, schnurgerade und einspurig, gesäumt von den Wellblechhütten der Arbeiter auf den Landgütern. Mato Grosso heisst auf Deutsch «grosser Wald». Doch Bäume sind nur vereinzelt zu sehen. Die Wälder wurden von Grossgrundbesitzern gerodet, die nun industrielle Landwirtschaft betreiben – auf einer Fläche knapp dreimal so gross wie Deutschland und mit aberwitzig hohen Renditen.

Edisons Ehe ist am Schichtdienst zerbrochen.

Seit 25 Jahren ist Edison Ramos Busfahrer. Er hat drei Kinder: Eine Tochter studiert Medizin, der Sohn Wirtschaftswissenschaften, die andere Tochter bereitet sich aufs Abitur vor. «Ohne diesen Job hätte ich ihnen das nicht ermöglichen können», sagt er. Andererseits ist seine Ehe am Schichtdienst zerbrochen.

Sócimo ist aufgewacht. Er kommt auf 27 Jahre in diesem Job, 28 Jahre ist er verheiratet. Mit derselben Frau. «Du hast alles richtig gemacht», sagt Edison. «Ach was», brummelt Sócimo, «ich habe einfach Glück mit meiner Frau. Sie kümmert sich um alles, ich bin ja so gut wie nie da. Ich bin nur der Versorger, der das Geld nach Hause bringt.»

Anstehen für den brasilianischen Ausreisestempel

Der Bus hat Acre erreicht, den westlichsten brasilianischen Bundesstaat. Auch in Acre wird industrielle Landwirtschaft betrieben, nur dass hier Zuckerrohr angebaut wird: zu beiden Seiten der Transoceánica, so weit das Auge reicht. Oben im Bus vertreibt sich Perina die Zeit mit Selfies, die sie mit ihrem Sitznachbarn schiesst. Der heisst Víctor, ist klein und stämmig und will seine Familie in Cusco besuchen.

Víctor kommt vom Altiplano, der kargen Hochebene in den Anden. Er stammt aus einer Bauernfamilie, ist aber bei Verwandten in Cusco aufgewachsen, weil die Erträge auf dem Hof seiner Eltern nicht für die ganze Familie reichten. Im Alter von zwölf Jahren hat er anfangen, als Kunsthandwerker zu arbeiten. Mit 20 ist Víctor schliesslich nach São Paulo gezogen. Dort hat er zwei Jobs – von einem alleine könnte er nicht leben. Von fünf bis acht Uhr früh verkauft er auf einem informellen Strassenmarkt gefälschte Markenkleidung, auf eigene Rechnung und mit schmalem Profit. Tagsüber arbeitet er in einem Laden für Woll-, Silber- und Lederwaren aus den Anden.

Kunsthandwerk und Strassenmärkte waren in São Paulo lange die Domäne der Peruaner. Einerseits gut, findet Víctor: Man kennt und hilft sich. Aber in den drei Jahren, die er dort war, ist die Konkurrenz immer grösser geworden. Unter den Peruanern. Aber auch zu Migranten aus anderen Ländern, Bolivianern, Ecuadorianern, neuerdings auch Haitianern.

In der Nacht von Freitag auf Samstag hält der Bus im Dreiländereck von Brasilien, Bolivien und Peru. «Alle aussteigen», kommandiert Edison. Die Fahrgäste tappen schlaftrunken aus dem Bus. Schemenhaft ist ein Fluss zu erkennen, der Rio Branco. «Wir setzen mit einer Fähre über», sagt Edison. Dann: die Grenze. Anstehen für den brasilianischen Ausreisestempel. Immerhin geschützt unter einem Wellblechdach, während ein tropischer Platzregen niedergeht und die unbefestigte Strasse in eine Seenlandschaft verwandelt. Auf peruanischer Seite müssen die Passagiere ihr Gepäck durch den Schlamm zur Zollkontrolle schleppen.

«Das sind die Goldsucher», erklärt Edison. «Sie arbeiten nur nachts, tagsüber verstecken sie sich.»

Zwölf Stunden sind es noch bis Cusco: erst durch dichten Urwald nach Puerto Maldonado, dann hinauf in die Anden. Vor zehn Jahren war Puerto Maldonado noch eine verschlafene Siedlung mitten im Dschungel, mit gerade mal 10 000 Einwohnern, zugänglich nur über unbefestigte Strassen oder per Propellerflugzeug. Ein paar Abenteurer haben im Regenwald Gold geschürft. Mit der Transoceánica wurden es immer mehr. Heute ist Puerto Maldonado eine Stadt. Die Einwohnerzahl hat sich verzehnfacht. Prostitution, Glücksspiel und Gewalt haben zugenommen. Vor allem aber hat die Natur gelitten: Weite Teile des Regenwaldes um Puerto Maldonado sind mit Quecksilber verseucht, Bauern und Fischer haben ihre Lebensgrundlage verloren. Am Horizont flackern Flutlichtmasten auf. «Das sind die Goldsucher», erklärt Edison. «Sie arbeiten nur nachts, tagsüber verstecken sie sich.»

Sonntagmorgen in Cusco

Es ist unangenehm kühl, die Stadt liegt auf 3400 Metern Höhe. Für die meisten Passagiere ist die Reise hier zu Ende. Edison und Sócimo holen das Gepäck heraus. Víctor schnappt sich seine Tasche – schon ist er in eine ungewisse Zukunft verschwunden. Perina fröstelt in ihrer dicken Daunenjacke. Die dünne Höhenluft macht ihr zu schaffen. Aber sie lächelt: «Nach fünf Jahren bin ich wieder in meinem Land! Ich könnte vor Glück weinen.» Für sie geht die Reise weiter: mit einem anderen Bus nach Arequipa. Das sind noch einmal zehn Stunden. Und ein halber Tag Wartezeit, denn die Busse nach Arequipa fahren erst abends.

Für Edison und Sócimo sind es noch jeweils zwei Schichten. Erst durch die Anden, dann hinunter zur Küste. Pause wird nicht mehr gemacht. Nur drei Passagiere sind noch an Bord. Montagmorgen um acht Uhr steuert Edison den Bus schliesslich aufs Firmengelände in Lima. 111 Stunden nach dem Beginn dieser Reise in Rio de Janeiro. Drei Tage haben die beiden Fahrer frei. Dann geht es zurück nach Rio. Mit dem Bus, von dem es heisst, dass man zwar wisse, wann er abfährt, aber nie sagen könne, wann er ankommt.

Als einziges Busunternehmen bietet Expresso Ormeño die Strecke Rio de Janeiro – Lima an. Ab Rio umgerechnet 335 Franken, ab São Paulo 300 Franken. Tickets gibt es an den Schaltern von Expreso Ormeño in den jeweiligen Busbahnhöfen. Oder telefonisch unter 0055 / 119 63 38 99 10 (Brasilien) oder unter 0051 / 14 27 56 79 (Peru).

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.04.2018, 19:35 Uhr

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