Kehre dem Buddha nie den Rücken zu

Von der Teepflückerin zu Donald, dem Uhrenkenner: Begegnungen mit Einheimischen machen eine Sri-Lanka-Reise besonders reizvoll.

Der Buddha in Hikkaduwa erinnert an das Zugunglück beim Tsunami 2004, der neue Bahnübergang ist überwacht. Bild: Moritz Hager

Der Buddha in Hikkaduwa erinnert an das Zugunglück beim Tsunami 2004, der neue Bahnübergang ist überwacht. Bild: Moritz Hager

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der würzige Ceylontee aus Sri Lanka ist längst aufgebraucht, der Duft der Zimtstange hat sich verflüchtigt, und der kobaltblaue Sari wird beim nächsten Gang zur Kleidersammelstelle entsorgt. Was bleibt, sind die Erinnerungen an die Menschen in Sri Lanka. Diese Begegnungen – gute oder weniger gute, oft ganz zufällige und flüchtige – sind die bleibendsten Souvenirs von jeder Reise.

Das Leuchten in den Augen der ärmlichen Teepflückerin in den Plantagen von Nuwara Eliya, als sie den silbernen Kugelschreiber im Tausch gegen die weissen Teeblüten in der Hand hält. Oder das zahnlose Lächeln des Mannes, der schwere Bündel getrockneter Rinde von Zimtbäumen auf eine Ladefläche hievt. Es duftet wie an Weihnachten. Wortlos schenkt uns der Mann eine Zimtstange, einfach so, er will keine Rupien dafür. Überhaupt all die zurückhaltenden Männer und Frauen, die mit dem Kopf wackeln und damit verlegen ihr Einverständnis für ein Foto signalisieren.

Aber auch das Zusammentreffen mit dem Aufseher in der Tempelanlage von Polonnaruwa, der uns äusserst harsch zurechtwies, werden wir nie vergessen. Unser Vergehen: Wir haben uns neben einem wild lebenden Waran fotografiert. Im Rücken die 14 Meter lange Statue des sterbenden Buddha. Damit verletzten wir eine der wichtigsten Regeln der religiösen Tradition: Never turn your back to Buddha! Sri Lanka gilt als tolerantes Reiseland, dessen Bewohner dem Gast einen Fauxpas leicht verzeihen würden, heisst es. Nicht aber, wenn es um den Erleuchteten geht, dann ist Schluss mit Sanftmut und Gelassenheit: So wird ein Selfie mit einer Buddhastatue als ungeheure Respektlosigkeit gewertet. Eine britische Touristin wurde gar verhaftet und ausgeschafft, weil sie auf dem Arm ein Tattoo mit einem Buddha trug.

Die Schweiz hat einen guten Ruf

Sri Lanka gehört zu den Trendreisezielen 2017, wurde soeben bei den World Travel Awards zur asiatischen Destination des Jahres gekürt. Entdecken lässt sich die Insel mit einer organisierten Gruppe im Car, auf eigene Faust in der übervollen, aber höchst reizvollen Eisenbahn oder mit Privatchauffeur im voll klimatisierten SUV. «Donald wie Donald Trump», stellt sich unser Fahrer vor, noch vor einem Jahr sagte er: «Donald wie Donald Duck». Offenbar betrachtet er den Wechsel als ein Upgrade. Donald wird uns nach Hikkaduwa fahren, zur Gedenkstätte der Tsunamikatastrophe vom 26. Dezember 2004.

Näherin in einer Batikfabrik in Matara. Bild: Moritz Hager

Damals wurde hier die Eisenbahn Queen of the Sea – sie verbindet Colombo und Galle – 170 Meter vom Meer entfernt von den Flutwellen mitgerissen. Die Bilder der Waggons, die zwischen Palmen und Hütten lagen, gingen um die Welt. Eine riesige weisse Buddhastatue erinnert heute an die schätzungsweise 1700 Opfer des schwersten Eisenbahnunglücks der Weltgeschichte. Auch unserem Fahrer hat der Tsunami Angehörige genommen – mehr möchte er dazu nicht sagen. Lieber spricht Donald über Schweizer Uhren, zählt jede einzelne Marke auf. Er träumt davon, einmal mit dem Zug durch Europa zu fahren – in seinem Zimmer habe er ein Foto der Rhätischen Bahn aufgehängt.

Die Schweiz und ihre Bevölkerung, so scheint es, haben in Sri Lanka einen guten Ruf. Ganz besonders auch bei Jezima Mohamed, «Batik Artist» steht auf ihrer Visitenkarte. Sie ist der Boss einer kleinen Batikfabrik in Matara, Jezima ist 80 Jahre alt und nach wie vor sehr geschäftstüchtig. Seit 60 Jahren zeichnet sie Muster und Bilder; die Töchter und Schwiegertöchter bearbeiten die Baumwolle und Seide; der Sohn steht im Laden, muss aber jeden Preis von der Mutter absegnen lassen. Die alte Frau schwärmt von den Schweizern, erinnert sich gar an ihre erste Käuferin:«Susanne from Brugg». Auf Einladung von Kundinnen war sie schon in Wernetshausen und Wetzikon zu Gast. Sie weist uns neben sich auf die Couch, lässt scharfen Ingwertee servieren, während die Schneiderin das gewünschte Kleid in Windeseile auf einer uralten Nähmaschine anpasst. Und ja, wenn es die Gesundheit zulasse, würde sie auch uns gerne einmal besuchen kommen . . .

Nicht vergessen werden wir, wie «gwundrig» die Sri Lanker sind: «Where you from?», «First time Sri Lanka?», «How long Sri Lanka?». Diese drei Fragen hat jeder im Repertoire und wendet sie auch fleissig an. «Switzerland? Roger Federer? Very good man!», kommentiert der Kellner. «A silent man», lautet die spezifischere Würdigung unseres Tennisstars. Die Inselbewohner mögen ruhige Menschen, im Reiseführer steht denn auch: Reden Sie leise, werden Sie nie laut. Verlieren Sie bloss nicht die Fassung, das bringt nichts, im Gegenteil.

Wie haben die Einheimischen im ­lokalen Restaurant gelacht, als wir nach der ersten Gabel Curryreis nach Luft schnappen! Hot, hot, hot! Curry zum Frühstück, Curry zum Zmittag, Curry zum Znacht. Fischcurry an der Küste, Chickencurry im Landesinneren, Gemüsecurry überall. Sie ermuntern uns, ebenfalls mit den Händen zu essen – mit der rechten, der sauberen Hand, versteht sich. «Sri Lankan-style», so würden sich die Gewürze besser vermischen und der Geschmack mehr entfalten. Eine neue Erfahrung für uns, ein Gaudi für die Locals.

Kräuter gegen Damenbart

Anfangs amüsierten wir uns über Anju, der sich als Heilpraktiker vorstellte und uns durch das «Lucky Land» in Matale, dem meistbesuchten Gewürz- und Heilkräutergarten Sri Lankas, führte. Besonders die Menschen in den ländlichen Gebieten glauben fest an die Heilkraft aus der Natur. Der feine Saft der orangefarbenen King Coconut zum Beispiel gilt unter den Einheimischen als wahres Wundermittel: A coconut a day keeps the doctor away! Glaubt man Anju, wächst im «Lucky Land» gegen jedes Leiden ein Pflänzchen.

«Kennen Sie, meine lieben Gäste . . .», so beginnt Anju jeden Satz. «Kennen Sie, meine lieben Gäste, Slimfast, Jo-Jo-Effekt . . .» Die Worte «Damenbart», «Besenreiser» und «Bikinizone» beherrscht er ebenfalls. «Kennen Sie, meine lieben Gäste, Aloe-Vera-Öl?» Und schon reibt er das behaarte Bein des Mannes damit ein. Tatsächlich: Nach zehn Minuten ist jedes Härchen weg – «wie Kinderpopo», kommentiert Anju. Er verteilt ein Infoblatt mit all den Wundermitteln: Nelken gegen Zahnweh, Rotöl gegen Hexenschuss, Grünöl gegen Migräne, rote Ananas gegen Übergewicht. Lady Tonic gegen Menstruationsbeschwerden für die Frau und Kamayogi zur Erhaltung der Gliedsteife beim Mann.

Mann mit Zimtrinden. Bild: Moritz Hager

Mit einer kurzen Kopfmassage wird die Führung beendet – und hopp, stehen wir im Shop. Dollar, Euro, Kreditkarten – «no problem», an der Kasse wird alles akzeptiert. «Tschüss», verabschiedet sich Anju, «auf Wiedersehen». Lieber nicht. Denn wir sind voll reingetappt in die Touristenfalle: Die Wundercreme, das Töpfchen für 30 Dollar, entpuppt sich zu Hause als Tiegel mit doppeltem Boden. Das teure Sandelholzöl ist eine klebrige Masse, unbrauchbar. Wir hätten es merken müssen: Sollte das Sandelholzöl doch laut Infoblatt gegen trockene Haut, Akne, Cellulite, aber auch «rasch gegen Tumor» helfen.

Eine beschämende Begegnung

An das Treffen mit Stanley und seiner Familie hingegen denken wir gern zurück: Wir spazierten vom Hotel ins Zentrum von Kalutara, einer Kleinstadt nahe Colombo – es schüttete wie aus Kübeln. Ein älterer Mann winkt uns von der Veranda zu, offeriert uns Unterschlupf in seinem bescheidenen Haus. Stanley, das Familienoberhaupt, spricht als Einziger ein paar Brocken Englisch, seine Frau bringt Tee, die Tochter etwas Süsses – ihre vier kleinen Kinder mustern uns neugierig. Erst aus der Distanz, aber nach einer halben Stunde sitzen wir eng beisammen auf dem schäbigen Sofa.

Auch dieser Familie hat der Tsunami alles genommen, das Häuschen in Strandnähe, einfach weg. Eineinhalb Millionen Menschen haben damals auf der Insel ihr Zuhause verloren. Das neue Haus hätten sie dem Roten Kreuz zu verdanken, «Red Cross from Switzerland», sagt Stanley. Schweizer Touristen möge er deshalb am liebsten. Er verschwindet kurz, kehrt mit einem Riesensack voller Kleider zurück – «my business». Jeden Morgen legt er die T-Shirts am Strand aus, hängt die bunten Tücher an die Äste und hofft auf Kundschaft aus den nahen Hotels. Will er nun etwa mit uns Business machen? War das nette Zu­sammensein bloss geschickte Verkaufsstrategie? Unser Misstrauen beschämt uns im Nachhinein: Stanley beschenkt uns mit einem Shirt (Elefant von vorne, Elefant von hinten) und einem kobaltblauen Sari. «No money, please.» Die Kinder freuen sich über die Biberli aus der Schweiz – und winken uns noch lange nach.

Diese Reise wurde unterstützt von Travelhouse und Anantara Resorts.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.10.2017, 18:39 Uhr

Artikel zum Thema

«Das ist ein langlebiger Mythos»

Interview Hat der Westen ein falsches Bild der Buddhisten in Burma? Religionsexpertin Karenina Kollmar-Paulenz über den Konflikt mit Muslimen. Mehr...

Wem gehört der 3-Meter-Buddha?

Die Winterthurer Stadtpolizei beschäftigt ein rätselhafter Fund. Mehr...

«Wir leben in einem religiösen Vakuum»

Interview Adolf Muschg ist wieder in die Kirche eingetreten. Am Sonntag predigt der Schriftsteller im Grossmünster. Mehr...

Sri Lanka ist ganzjährig bereisbar

Flüge: Keine Direktflüge ab Zürich. Anreise z. B. mit Qatar Airways via Doha nach ­Colombo, www.qatarairways.com

Veranstalter: www.travelhouse.ch

Beste Reisezeit: Sri Lanka kann ganzjährig bereist werden. Die West- und die Südküste vorzugsweise zwischen November und April. Der Nordosten zwischen Mai und Oktober. Die Temperaturen liegen das ganze Jahr um die 30 Grad Celsius.

Allgemeine Infos: www.srilankatourism.org

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Für Selbstständige und KMU

Tragen Sie Ihre Firma im neuen Marktplatz des Tages-Anzeigers ein.

Kommentare

Weiterbildung

Lehrstellen

Sich zu bewerben heisst für sich werben

Die Welt in Bildern

Fruchtige Platte: Ein Hund trägt ein Ananaskostüm an der jährlichen Halloween-Hundeparade in New York (21. Oktober 2017).
(Bild: Eduardo Munoz Alvarez (Getty Images)) Mehr...