Wo das Baguette so alltäglich ist wie der furzende Vulkan

Auf La Réunion erleben Gäste einen faszinierenden Mix der Kulturen – und eine Unbeschwertheit, die ansteckt.

Giftige Tiere gibt es hier nicht: Wanderer können den Dschungel auf der Insel im Indischen Ozean gefahrlos durchstreifenFoto: Bruno Mazodier (Laif)

Giftige Tiere gibt es hier nicht: Wanderer können den Dschungel auf der Insel im Indischen Ozean gefahrlos durchstreifenFoto: Bruno Mazodier (Laif)

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Es riecht nach frischen Pains au Chocolat und Kaffee. Hier kauft der Franzose sein Baguette und beschwert sich über die Regierungspolitik in Paris. Alltag in der Grande Nation. Doch ein Blick aus dem Fenster der Boulangerie reicht, um festzustellen: Mit Europa hat dieser Schauplatz wenig zu tun. Die Insel La Réunion ist zwar Teil Frankreichs, liegt aber auf der anderen Seite der Welt, im Indischen Ozean, mehr als 9000 Kilometer von Paris entfernt.

Die Sonne heizt tropisch ein, das Wasser ist warm, das Essen gut und die lebensbejahende kreolische Kultur wirkt ansteckend. Französisch gilt als offizielle Sprache, bezahlt wird in Euro. Selbstverständlich finanziert Paris die Infrastruktur. Gerade entsteht über dem Meer die teuerste Autobahn der Republik. Trotzdem bewahrt das Übersee-Departement die Authentizität einer Trauminsel.

La Réunion, wie es der Name verrät, wurde zum Sammelbecken der Ethnien, die gelebte kreolische Kultur verbindet. Die Bevölkerung besteht aus Nachkommen früherer Plantagenarbeiter und Siedler, etwa aus China, Indien, der arabischen Welt, den Komoren, Madagaskar, dem afrikanischen Festland und Europa. Nirgends spiegelt sich dieser faszinierende Mix besser wider als in der Zubereitung des Essens. Das traditionelle Cari, bestehend aus Fleisch, Fisch, einer Sause aus Kurkuma und viel Reis mit Bohnen, vereint französische, afrikanische und indische Ingredienzen.

«Wir wissen, wie man zu allem tanzt.»Claude

Wenn die Sonne untergeht, begeben sich die Familien der diversen Ethnien in den nächstgelegenen Park, um dort Cari über einem Lagerfeuer zu kochen und bereitwillig mit den Nachbarn zu teilen. Beim Hafen in St-Pierre im Süden der Insel entsteht so jeden Abend spontan ein regelrechter Karneval mit Tanz und Spiel. Dass dabei die verschiedensten Klänge, von französischem Rap bis zur indischen Tanzmusik, ertönen, stört die Leute wenig. «Wir wissen, wie man zu allem tanzt», sagt Claude und kühlt seine von der Sonne verbrannte Stirn mit einem Dodo, dem lokalen Bier. Angestossen wird hier übrigens mit einem «a zod», was auf Französisch übersetzt so viel wie «aux autres» bedeutet, auf die anderen also, auf alle.

Magische Wasserfälle und beeindruckende Schluchten

Dass für die Réunionaisen Dschungel und Wildnis zum Alltag gehören, merkt man bei einer Wanderung durch die Talkessel der Insel, wo Nebelfetzen ein Versteckspiel mit den grünen Hügeln treiben. Man weiss nie genau, welches Wetter die Wanderer erwartet. Während Touristen mit den neuesten Trekkingschuhen und Laufstöcken antanzen, flanieren Einheimische gemütlich mit Crocs an den Füssen, dem Picknickkorb am Arm, zum nächsten Wasserfall. Die Insel ist frei von giftigen Tieren – das erklärt zum Teil die Unbeschwertheit.

Um in die wilde Natur, die weitgehend geschützt ist, einen optimalen Einblick zu bekommen und die geologische Einzigartigkeit zu erfassen, empfiehlt sich ein Helikopterrundflug. Die Firma Helilagon bietet verschiedene Flüge durch die Talkessel, die der Vulkan Piton des Neiges, mit 3070 Meter über Meer höchster Berg im Indischen Ozean, geformt hat.

«Ein Rundflug ist sicherer als Autofahren in Paris.»Alban Pironneau, Helikopterpilot

Die Reise im Helikopter erlaubt den Blick in die beeindruckenden Schluchten, in die Täler und auf magische Wasserfälle. Sie alle trugen dazu bei, dass fast die Hälfte der Insel zum Unesco-Weltnaturerbe erklärt wurde. Helilagons Piloten lassen sich von den schwindelerregenden Tiefflügen nicht beeindrucken. «Ein Rundflug ist sicherer als Autofahren in Paris», verkündet der in ein blütenweisses Hemd gekleidete Helikopterpilot Alban Pironneau.

Die übrigen Witze kommen während des Fluges kaum an bei den Passagieren – derart atemberaubend ist die Landschaft. Als Highlight erweist sich das Trou de Fer, eine 250 Meter tiefe, kesselartige Schlucht im Nordosten der Insel, deren Inneres sonst nicht zugänglich ist.

Einer der aktivsten Vulkane der Welt

Die überschaubare Grösse von 2500 Quadratkilometern macht es möglich, an einem Vormittag von einer geologischen Besonderheit zur anderen zu gelangen. La Réunion beheimatet etwa auch den Piton de la Fournaise, einen der aktivsten Vulkane der Welt. Dieser wird nach modernster seismologischer Kunst täglich kontrolliert, sodass allfällige Ausbrüche zuverlässig vorausgesagt werden können.

Den Einheimischen bereitet der Vulkan wenig Sorgen. Lakonisch sagen sie, wenn sich im Innern des Riesen wieder mal was regt: «Le volcan pètes» – der Vulkan furzt. Seit 1640 ist der Vulkan über 100-mal ausgebrochen. Und wenn er mal wieder Asche und Feuer speit, werden sich die Angehörigen dieser Regenbogennation abends weiter im Park versammeln, mit einem Dodo anstossen und sagen: «Kein Problem, das überstehen wir locker.»



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Erstellt: 08.12.2019, 17:38 Uhr

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Reiseinfos

Die Reise wurde unterstützt von La Réunion Tourisme

Anreise:Air France ab Zürich oder Genf via Paris, www.airfrance.ch

Reiseveranstalter:Manta, Let's go Tours, Travelhouse und andere

Infos: www.insel-la-reunion.com

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