Zusammen trotzen Hotels dem Strukturwandel

Kooperationen unter Hotels in Privatbesitz sind selten in der Schweiz. Dabei profitieren sie nicht nur finanziell, wie Beispiele aus drei Bergregionen zeigen.

Dank Zusammenarbeit erfolgreich: Das Hotel Nest- und Bietschhorn in Blatten VS. Foto: PD

Dank Zusammenarbeit erfolgreich: Das Hotel Nest- und Bietschhorn in Blatten VS. Foto: PD

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Brigitte Lehner und ihre Schwester Marie-Madlen Rieder besitzen das Hotel Breithorn am Dorfeingang von Blatten im Lötschental. Das feine Haus mit acht Zimmern ist vor zwei Jahren für 650'000 Franken umgebaut worden. «Eigentlich ist es gar kein Hotel», lacht Brigitte Lehner, «jedenfalls laut der Gesellschaft für Hotelkredit (SGH). Denn gemäss dieser unterschreitet unser Haus die kritische Grösse.» Deshalb gäbe es eigentlich keinen SGH-Kredit und damit auch keine Unterstützung durch den Kanton.

Dass es trotzdem geklappt hat, ist der engen Kooperation zu verdanken, die das Breithorn mit dem Hotel Edelweiss und dem Nest- und Bietschhorn unter dem Namen «Die Lötschentaler» eingegangen ist. «Weil die Kooperation als Ganzes betrachtet wurde und nicht unser Betrieb für sich allein, konnten wir günstige Kredite für den Umbau erhalten», erklärt Brigitte Lehner. Nicht nur das Breithorn wurde erneuert; auch in das Edelweiss wurden 1,25 Millionen Franken investiert und ins Nest- und Bietschhorn 1,38 Millionen.

Die Lötschentaler: Helene Bellwald, Esther Bellwald, Brigitte Lehner und Lukas Kalbermatten (v. l.). Foto: PD

Mit Unterstützung durch die Walliser Wirtschaftsförderung und das Bundesamt für Wirtschaft (Seco) gründeten die drei Betriebe 2013 die Lötschental Tourismus AG. In der AG werden das Kostenmanagement, die Investitions- und Finanzplanung sowie das Marketing gebündelt. Voraussetzung dafür, dass die Lötschental Tourismus AG funktioniert, sei die totale Transparenz, sagt VR-Präsidentin Helene Bellwald. Jeden Monat werden alle Zahlen auf den Tisch gelegt. Dafür bringt die Kooperation monetäre Vorteile. Dank gemeinsamem Auftritt können die drei Betriebe zum Beispiel rund 30'000 Franken Versicherungsprämien im Jahr sparen.

«Ein kleines Wunder»

Jede und jeder setzt die spezifischen Fähigkeiten ein: Lukas Kalbermatten, der das Edelweiss besitzt – den grössten Betrieb in Blatten – und der zum Zeitpunkt des Zusammenschlusses auch Gemeindepräsident war, kümmerte sich zu Beginn um die Finanzen und den Umgang mit Behörden. Heute ist die junge Nest- und Bietschhorn-Chefin Esther Bellwald dafür zuständig wie auch für den Onlinebereich sowie Print und Grafik. Kalbermatten kümmert sich um die Gesamtadministration sowie die Aussenbeziehungen. Er politisiert inzwischen auf kantonaler Ebene. Die Breithorn-Hotelière Brigitte Lehner erledigt die Buchhaltung und schreibt Sitzungsprotokolle. Helene Bellwald schliesslich verfasst eine Gästezeitung und hat 2018 zum 150. Geburtstag des Hotels Nest- und Bietschhorn ein reich illustriertes, gut dokumentiertes Buch herausgegeben.

Dass es diesen Zusammenschluss überhaupt gibt, ist ein kleines Wunder: «Man sagt ja, der Neid und der Föhn seien die zwei ältesten Walliser. Noch unter unseren Eltern mochte man einander nichts gönnen», sagt Breithorn-Chefin Lehner. Das hat sich inzwischen radikal geändert, wie Helene Bellwald bestätigt: «Zwischen uns gibt es absolut keinen Neid und keine Missgunst.» Wie wichtig die Kooperation ist, drückt Esther Bellwald aus, die ihrer Mutter Helene als Gastgeberin im Nest- und Bietschhorn gefolgt ist: «Ich glaube kaum, dass mein Mann und ich den elterlichen Betrieb übernommen hätten, wenn es die Kooperation nicht gäbe.»

Gärtchendenken überwinden

Nach dem Vorbild von Blatten und Grächen, wo eine ähnliche Vereinigung existiert, haben sich auch im Berner Oberland zehn private Betriebe zur Hotelkooperation Frutigland zusammengeschlossen. Auslöser war 2013 ein neuer Tourismusdirektor, Urs Pfenninger. Für ihn sei bald klar geworden, dass man etwas unternehmen müsse, weil die Betriebe sonst «im Strukturwandel zu verschwinden drohten», sagte Pfenninger in einem Interview. «Damit Kooperation funktioniert, muss man erkennen, dass man selbst profitiert, wenn es anderen gut geht», sagte Pfenninger. Dafür war die Überwindung des Gärtchendenkens notwendig.

Für Hotelier Andreas Fetzer (62), ein wichtiges Mitglied der Hotelkooperation Frutigland, hat alles in Kandersteg begonnen. Das ist zwar Adolf Ogis Heimat, aber nicht die erste Destination, die einem in den Sinn kommt, wenn man Ferienpläne schmiedet. Fetzer wuchs im Hotel Adler auf, das seinen Eltern gehörte und heruntergewirtschaftet war, wie er erzählt. Für den Jungen war klar: Er musste Vollgas geben. Schon mit siebzehn kellnerte er in den USA, dann absolvierte er eine Hotelfachschule, und mit erst zwanzig Jahren übernahm er den Betrieb.

Den zündenden Funken jedoch hatte er 2001: Er realisierte im Adler in Kandersteg eine verrückte, weltweit einzigartige Idee, die sofort zündete, ihm neue Gäste brachte und nicht nur das Hotel rettete, sondern ihm auch die finanzielle Freiheit verschaffte, um weitere Betriebe in Faulensee direkt am Thunersee zu erwerben: zuerst das Dreisternhaus Seeblick, dann die nahe Seerose.

Zimmer mit ausfahrbaren Whirlpools im Seeblick in Faulensee. Foto: PD

Fetzers Idee war, Zimmer mit Whirlpools auszustatten, die man, wenn man einmal drinsitzt, hinaus auf den Balkon fahren kann. Und das bei Sonne und bei Schneefall, denn man ist ja vom warmen Wasser umhüllt – was man natürlich mit Vorliebe zu zweit geniesst, weshalb die Zimmer «Love Rooms» genannt werden. Andreas Fetzers Söhne, welche die Betriebe in Kandersteg und Faulensee inzwischen übernommen haben, können insgesamt dreissig dieser «Love Rooms» anbieten.

Die Vorteile der Kooperation sieht Andreas Fetzer unter anderem im Einkauf: Wenn sie gemeinsam auftreten, können die beteiligten Betriebe bessere Konditionen aushandeln. Man nutzt auch andere Synergien: Wenn ein Betrieb zum Beispiel ein brauchbares Hygienekonzept erarbeitet hat oder über bewährte Sicherheitsstandards verfügt, können das andere übernehmen. Beim komplexen Thema Energiemanagement spannt man ebenfalls zusammen: Von den Rückerstattungen und Prämien, welche die ENAW (Energieagentur der Wirtschaft) für Mitglieder einholt, hätte man, weil zu klein, allein nicht profitieren können; zusammen jedoch ist man gross genug.

«Lugano à la carte»

In anderen Destinationen, zum Beispiel in Pontresina im Engadin oder in Lugano, arbeiten Hotels auf einer informelleren Ebene ebenfalls eng zusammen: 2018 lancierten die vier Fünfsternhäuser in Lugano ein neues Projekt namens «Lugano à la carte», das dank Grosserfolg auch 2019 weitergeführt wird. Gäste verbringen zwei Nächte in einem der vier exklusiven Häuser und nehmen dort ein Gourmet-Abendessen zu sich. Für das zweite Diner werden sie in eines der drei anderen Häuser chauffiert. Beteiligt sind das Grand Hotel Villa Castagnola, das Splendide Royal, die Villa Principe Leopoldo und The View.

Die in der Hotelleriesuisse Pontresina zusammengeschlossenen Hoteliers treffen sich ihrerseits viermal jährlich zur Mitgliederversammlung, daneben wenn erforderlich zu weiteren Sitzungen. Besonders wichtig sind Präsident Andrea Isepponi die Mitgliederausflüge zweimal im Jahr, welche zum informellen Austausch anregen und den Zusammenhalt stärken. Wert legt Hotelleriesuisse Pontresina auch darauf, dass neue Hoteliers oder Hotelbetriebe integriert werden.

Produktive Diskussionskultur

Ursin Maissen, Geschäftsleiter von Pontresina Tourismus, hebt die Stammgästeanlässe besonders hervor, bei denen jedes Hotel seine Stammgäste zu einem gemeinsamen Event ausserhalb des Engadins einlädt. So war man etwa im November 2018 mit rund 500 Gästen in Basel. Ein weiteres Beispiel für die Kooperation unter den Hotels ist das «Pontresiner Schlemmerkarussell»: Halbpensionsgäste können abends auch in den Restaurants der anderen Hotels speisen.

Neben einer produktiven Diskussionskultur ist es für Pontresina wichtig, dass in der Politik keine Ortsparteien existieren, sondern sogenannte Ortsgruppierungen wie Hotelleriesuisse Pontresina, der Handels- und Gewerbeverein (HGV Pontresina) oder die Impiegos da Puntraschigna (frei aus dem Rätoromanischen übersetzt etwa Mitarbeitervereinigung von Pontresina). Diese Gruppierungen sind sowohl im Gemeindevorstand als auch im Tourismusrat vertreten, was entscheidend ist für einen Ort wie Pontresina, der, anders als etwa Lugano, fast ausschliesslich vom Tourismus lebt. (Travelcontent)

Erstellt: 08.08.2019, 16:18 Uhr

Hotelkooperationen

Frutigland: Adelboden: Alpina, Des Alpes und Kreuz; Frutigen: Elsigenalp und National; Kandersteg: Adler, Alfa Soleil und Victoria; Seeblick Faulensee; Kreuz Leissigen: www.swissalpinehotels.ch

Lötschental: Nest- und Bietschhorn, Breithorn, Edelweiss und Campingplatz Fafleralp: www.dieloetschentaler.ch

Grächen: Hannigalp, Desirée und Grächerhof: www.matterhornvalleyhotels.ch/

Lugano à la carte: Villa Castagnola, Splendide Royal, Principe Leopoldo und The View: www.luganoregion.com/de/

Pontresina Tourismus: www.pontresina.ch

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