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Achterbahnfahrt in der Nacht der Nächte

Ins Bett mit 29 Viertausendern: Ein Besuch auf dem 3100 Meter hohen Gornergrat wird zum Fest für die Sinne. Aber der Aufenthalt zerrt auch an den Nerven.

Eine Herausforderung für Flachländer mit Höhensorgen: Das Kulmhotel auf dem Gornergrat ob Zermatt. Foto: Gaudenz Danuser
Eine Herausforderung für Flachländer mit Höhensorgen: Das Kulmhotel auf dem Gornergrat ob Zermatt. Foto: Gaudenz Danuser

Das «Basecamp» auf dem Weg zum Gipfel steckt tief im Nebel. Ausser Weiss sieht man nichts. Das Riffelhaus, ein historischer Bau von 1853, zeigt sich erst, als wir schon vor der Haustür stehen. «Somewhere is the Gornergrat» – irgendwo wirds sein, – vermutet bei unserer Ankunft eine chinesische Touristin. Dort oben im Nebel, auf 3100 Metern über Meer, thront das Kulmhotel inmitten von Eis und Schnee, das höchstgelegene Hotel der Schweizer Alpen.

Hoffentlich ist das Wetter morgen besser, denn auch wir wollen rauf – und hoffentlich überleben wir die Nacht der Nächte, die uns dort oben erwartet. Man hört von Schlaflosigkeit und grausamen Kopfschmerzen. Es geht die Legende, dass manche schon beim Mittagessen unter dem Tisch liegen und Monte Rosa rückwärts buchstabieren. Wers übersteht, hat dafür 29 Viertausender vor der Nase. Nirgends ist man den Kronjuwelen der Schweizer Berge näher als auf dem Gornergrat oberhalb von Zermatt.

Zum Akklimatisieren ist das 600 Meter tiefer gelegene Riffelhaus eine gute Option. Aussen traditionell, innen mit viel Sinn für modernes Design renoviert und auf Viersternlevel gebracht. Gleich beim Eingang erwartet uns eine Lounge mit bequemen Ledersofas, im Cheminée flammts und knisterts. Wir blättern im Gästebuch von 1858. Damals war hier Endstation, die Gornergratbahn wurde erst 40 Jahre später gebaut. Heute ­schaufelt sie jährlich 700'000 Gäste ­hinauf.

In der Nacht ist es sternenklar, der Orion so hell wie lange nicht mehr. Der Morgen wird strahlend schön, draussen nur gleissender Firn. Wir lassen die Gornergratbahn an uns vorbeifahren und schnallen die Schneeschuhe an. Zuerst gehts auf breit gewalztem Fussweg bis Rotenboden, danach auf schmaler Schneeschuhspur. Für 600 Meter Höhendifferenz braucht man etwa drei Stunden – bei gutem Wetter sind es drei herrliche Stunden in grandioser Schneelandschaft weit weg von der Skipiste.

«Omi, bis hier und nicht weiter»

Auf der Terrasse des Kulmhotels ist es mit der Ruhe vorbei, die Bergdohlen kreisen tief über den Spaghetti bolo­gnese. Es hat in den letzten Tagen viel geschneit, und eine Fräse ist ausgefallen. Nun drängt sich bei Sonnenschein alles auf der einen geräumten Aussichtsterrasse. Aggression macht sich breit. Eine Seniorin möchte ihren Stuhl verschieben, doch der junge Mann hinter ihr fährt seinen skischuhbewehrten Fuss aus und meint: «Omi, bis hierhin und nicht weiter.» Die Holländer kippen Appenzeller in den Kaffee, und der junge Japaner macht den Doktor mit seinen Haaren. Immer wieder schmiert er vor dem Handspiegel Gel in die Frisur, bringt sein Bier in Position, grinst, Selfie klick, Selfie klick.

Das Panorama ist tatsächlich fantastisch. Im Rücken das Hotel: ein Bollwerk aus grob behauenem Stein von 1909 mit zwei Rundtürmen. In einem betreiben die Universitäten Bern und Genf ein Observatorium. Dann, in Reichweite, der höchste Schweizer, der Monte Rosa mit der 4634 Meter hohen Dufourspitze und dem wilden Gletscherbruch. Eine gigantische, weisse Arena, die nicht enden will – die Zwillinge Castor und Pollux links von uns sind nur das neckische Vorspiel. Kühn streckt die Dent Blanche ihre mächtige Schaufel in den blauen Himmel, dann übernehmen Weisshorn, Bietschhorn und Dom den Horizont. Das Matterhorn wirkt aus dieser Höhe fast klein, Zermatts brummende Tourismusmaschinerie ist weit weg. Man staunt sich die Augen aus und ist als Unterländerin in der bequemen Position, diese Traumberge nicht begehen zu müssen. Sie werden quasi auf dem Tablett serviert. Der Genuss, diese intensive Beziehung zur Welt, erhält grandiosen Raum.

Leider hat das trutzige Hotel keinen präsentablen Eingang, er wurde beim Umbau vor einigen Jahren nach hinten versetzt und hat Platz gemacht für das Selbstbedienungsrestaurant und ein Shoppingland mit Schoggi, Victorinox und Swatch. Thomas und Nicole Marbach wirten in der siebten Wintersaison. «Wir sind lediglich Pächter», sagt Thomas, «die Burgergemeinde Zermatt, der auch das Riffelhaus gehört, würde so ein Haus nie aus der Hand geben.»

Ein Joint auf der Hotelterrasse

Zweimal pro Tag bringt die Bahn frische Ware aus Zermatt und fährt den Abfall ins Tal. Das Frischwasser wird von einer Quelle auf Riffelberg hochgepumpt, das Abwasser geht durch eine Leitung direkt nach Zermatt. Im Winter kommen die Gäste im Schnitt für drei bis vier Tage, «manche haben Mühe mit der Höhe», sagt der Wirt. «Sie sind nicht akklimatisiert, trinken schon am Mittag zu viel und fallen dann mit dem Kopf in die Suppe.» Eine Sauna gibt es im Hotel nicht, «das wäre auf dieser Höhe zu gefährlich», sagt Marbach.

Dafür fällt man mit den Ski vom Hotel direkt auf die Piste – kein Anstehen, kein Warten. Die Abfahrt nach Riffelberg oder lieber runter bis Furi und dann wieder rauf über Trockener Steg zum Theodulgletscher unter dem Matterhorn. Um 16.30 Uhr machen sich die letzten Skifahrer auf ins Tal, Ruhe breitet sich aus. Auf der Bank unterhalb der Hotelterrasse dreht einer noch einen Joint, er wird eine lustige Abfahrt haben. Dann kommen die Schatten. Der Abend sammelt Licht, wo er es noch finden kann. Im Vis à vis!, der hübschen Holzstube mit dem A-la-carte-Restaurant, schaut der Monte Rosa zum Fenster rein. Ein Gläsli Roter muss heute reichen, zu gross ist die Angst vor Kopfschmerzen.

In unserem Zimmer, wo an der Wand die Höhenkurve eines Bergriesen aufgemalt ist und ein Gipfelstein Originalität demonstriert, macht sich Beklemmung breit: Das Kopfkissen hoch oder besser tief? Fenster auf oder zu? Werde ich meine Lieben zu Hause wiedersehen? Noch schnell den Bankcode auf den Unterarm schreiben, man weiss ja nie, was nach einer Höhennacht vom Gedächtnis übrig bleibt. Ohne Sauerstoff erleide das Hirn auf dem Everest irreparable Schäden, wurde Reinhold Messner gewarnt, bevor er als Erster den Versuch wagte. Und für uns Flachländer sind 3100 Meter nun mal der Everest. Auch das Zimmer wirkt auf einmal kühl und fremd: viel Stein und schlichtes Holz – eine zeitgemässe Formensprache. Bei Sonne betrachtet, ist das völlig in Ordnung. Doch jetzt hätten wir gern eine drei Meter hohe Schaffelldecke und 100 Kissen über uns. Die Nerven fahren Achterbahn in der Nacht der Nächte.

Dann fallen wir endlich in einen unruhigen Schlaf, und der Kopf spielt verrückt. Im Traum steht auf dem Monte Rosa plötzlich ein Schutzengel und winkt. Meint der uns? Er nimmt die Träumenden an der Hand und führt sie leichten Fusses hinauf zum Gipfel. Dort hat er den Schämpis schon kalt gestellt.

Die Reise wurde unterstützt von Zermatt Tourismus.

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