Behutsam durchs Pfefferland

Exkursionen in die Natur im malaysischen Borneo sind auf den ersten Blick unspektakulär. Was man trotzdem oder gerade deswegen davon hat.

Hohe Luftfeuchtigkeit und ein stetes Sirren und Summen: Nationalpark in der Provinz Sarawak. Foto: Aurora/laif

Hohe Luftfeuchtigkeit und ein stetes Sirren und Summen: Nationalpark in der Provinz Sarawak. Foto: Aurora/laif

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Wer auf Borneo in den Dschungel geht, muss die Vorstellungen, dass hinter jedem Baum ein Tiger wartet, vergessen. Tiere gibt es durchaus, aber es kann auch mal eine Schlange, ein Frosch oder ein Stabinsekt sein, dem man sich vorsichtig nähert – so lange, bis man eine schöne Nahaufnahme im Smartphone hat. Was heisst überhaupt Dschungel? Der Pfad, auf dem wir Guide Ahmad folgen, führt über Laub und Baumwurzeln, durch Pfützen und Schlammlöcher – fast wie zuhause. Anders ist nur die Baumwelt um uns herum, sind die Früchte, die am Boden liegen und auf die Ahmad uns hinweist: «Die da schmeckt säuerlich, die dort süss.» Die eine kann man essen, die andere besser nicht.

Ahmad kennt sich aus, er könnte im Dschungel überleben. Mit manchen Gruppen geht er eine Woche in die Wildnis. Uns reichen zwei Stunden, bergauf, bergab. Wir sind auf 1000 Meter über Meer, im Süden des malaysischen Teils von Borneo, in der Provinz Sarawak, an der Grenze zu Indonesien.

«Achtung», warnt Ahmad: Ich habe fast einen Rattanzweig gestreift, der am Ende eine scharfe Spitze mit Widerhaken hat: Die schlägt er als Rankhilfe in andere Pflanzen – oder eben in die Haut eines unbedachten Wanderers.

Vom heimischen Waldspaziergang unterscheidet sich auch die Luftfeuchtigkeit, die ist so hoch, dass wir unsere Hemden am liebsten ständig auswringen würden. Und die Tonkulisse! Da ist ein ununterbrochenes Sirren und Summen, akzentuiert durch Melodien, deren Urheber uns Ahmad nennt. Auch den Nashornvogel hört er, das Wappentier von Sarawak; zu Gesicht bekommen wir das spektakuläre Tier nicht. Dafür fangen wir uns etliche Blutegel ein. Nicht alle können wir rechtzeitig ablesen; eine harmlose, aber blutige Angelegenheit.

Whale Watching im Kleinen

Tourismus, wie wir ihn auf Borneo erleben, ist defensiv, ja dezent: Man begibt sich in die Natur, ohne zu stören. Man verhält sich ruhig und wartet ab – morgens, in der Abenddämmerung, in der Nacht. Man gleitet in eine andere Zeit hinein. Und dann kann eine auf einem Ast schlafende Engelskopfechse zum Ereignis werden. Oder eine giftgrün leuchtende Viper. Vier, fünf Flussdelphine, die schnell in der Tiefe verschwinden. Oder die orangen Augen eines Krokodils, das vielleicht fünfzig Meter von unserem Boot entfernt gelassen durchs Wasser zieht. Naturtourismus auf Borneo ist wie Whale Watching im Kleinen. Er ist, um zwei Öko-Modetermini zu bemühen, nachhaltig und ganzheitlich.

Weniger scheu sind die Makaken. Vom Balkon unseres Baumhauses auf der Santubong-Halbinsel nördlich von Kuching können wir sie beobachten. Wir sehen erst, wie sich Wipfel biegen, dann die Affen selbst, in grossen Sprüngen von Baum zu Baum. Manche sind richtig frech: Im Sarawak Cultural Village, einem Freilichtmuseum, verwehrt uns ein Makake auf der Treppe eines Langhauses den Eintritt: Er hat es auf einen Sack mit Keksen abgesehen. Als wir ihn verscheuchen wollen, zeigt er die Zähne und faucht.

Wenn man nicht aufpasst, ist der Proviant weg: Orang-Utan im Semenggok-Reha-Zentrum. Foto: Keystone

Näher kommt man auf Borneo den Orang-Utans. Im Semenggok-Rehabilitationszentrum südlich von Kuching werden in Gefangenschaft geborene oder verletzte Primaten wieder an das Leben in freier Wildbahn gewöhnt. Zweimal am Tag ist Fütterungsstunde im Beisein der Besucher. Rund fünfzig warten schon, die Kameras gezückt, dass sich etwas tut. Und bald tut sich etwas: Zwei orangerostrote Gestalten hangeln sich an dicken Drahtseilen heran und herunter, ergreifen die von Rangern hochgehaltenen Bananenbündel und schälen sie in aller Ruhe. Faszinierend, wie sie dabei alle vier Gliedmassen zugleich als Hand und Fuss benutzen und sich dann affenartig schnell wieder davonmachen.

Die Musik des Dschungels

Ahmad hat uns vor dem Besuch streng zur Vorsicht ermahnt. Ein chinesischer Tourist hat sich kürzlich von einem Orang-Utan-Männchen die Provianttüte nicht wegnehmen lassen wollen und wurde tief und schmerzhaft ins Bein gebissen. Der Guide liebt Gruselgeschichten: Im nahen Bako-Nationalpark, der eigentlich mit Pfaden gut erschlossen ist, teilweise gar mit Holzplanken für Sandalentouristen, habe kürzlich ein westlicher Tourist den Weg verlassen, sich verirrt – Tod durch Dehydrierung.Die Augen des Führers holen heran, was wir übersehen hätten. Nicht nur den Gleitflieger, der hoch über uns in einem Baum hockt. Auch eine unscheinbare Baumgruppe lässt uns anhalten: Es handelt sich um eine Pfefferplantage. Richtig, wir sind ja da, wo der Pfeffer wächst. Der Gewürzhandel war im Mittelalter und der frühen Neuzeit ein einträgliches Geschäft. Pfeffer war Gold wert. Lange dominierte Venedig den Handel, ehe die Portugiesen sich in Malaysia festsetzten, später vertrieben von den Holländern, ab dem 19. Jahrhundert hatten die Engländer hier das Sagen, bis 1963. Malaysia ist ein junger Staat mit einer Bevölkerung, die proportional ähnlich verteilt ist wie die Schweizer Sprachen: zwei Drittel Malaien, ein Viertel Chinesen, ein Zwanzigstel Inder.

Zurück zum Pfeffer, eines der Exportgüter des Landes – neben dem Palmöl, aber das ist ein anderes, hochkontroverses Thema. Malaysia ist der fünftgrösste Pfefferproduzent der Welt, und 98 Prozent kommt aus der Provinz Sarawak, wo er erst seit 100 Jahren angebaut wird, aber als besonders aromatisch gilt. Der Pfeffer wächst in traubenartigen Büscheln grün am Ast; rot ist der reife, schwarz wird er, wenn er 14 Tage in der Sonne trocknet. Weissen Pfeffer, den teuersten, erhält man, wenn man die Körner in Wasser einweicht, die Schale und das Fruchtfleisch entfernt und den Kern mahlt.

Pfeffer ist ein naheliegendes Mitbringsel aus Sarawak. Das wichtigste Souvenir aber ist immateriell: die Musik des Dschungels, die wir im Ohr hatten, als wir frühmorgens aus dem Wald auf eine Lichtung traten, deren Böschung 600 Meter tief herabfiel und wir weit hinaus sehen konnten nach Kalimantan, den indonesischen Teil Borneos, Wälder über Wälder, Nebel in den Senken: unberührte Natur, die sehr gut ohne den Menschen auskommt.



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Erstellt: 31.05.2019, 15:50 Uhr

Der Regenwald von Borneo

Borneo: Gehört im Norden zu Malaysia, im Süden zu Indonesien. In einer knappen Woche kann man von Sarawaks Provinzhauptstadt Kuching aus einen guten Eindruck von der Vielfalt des Regenwalds ­erleben, zu den Inseln fahren und baden.
Anreise: Flüge von Kuala Lumpur oder Singapur nach Kuching.
Reiseveranstalter: Die beschriebene Reise wurde von der Münchner Agentur Asien Special Tours organisiert. Partneragentur vor Ort ist Authentic Borneo Tours. www.asien-special-tours.de; www.authenticborneo.com; Die Schweizer Asien-Spezialisten sind Tourasia, Asia365 oder Travelhouse.
Hotels: Hotel Ranee, Kuching; Borneo Highland Resort, prächtige ­Anlage auf 1000 Meter an der Grenze zu Indonesien; www.theranee.com; Permai Rainforest Resort auf der Santubong-Halbinsel, spektakuläres Baumhaus mit allem Komfort auf 10 Metern Höhe; www.permairainforest.com
Beste Reisezeit: Dezember bis April.
Allg Infos: www.malaysia.travel/de; www.sarawaktourism.com;

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