Burgen, Barden und das andere Baltimore

Die 350 Einwohner des Hafenorts im Südwesten Irlands leben heute vom Tourismus. Zum harten Kern gehört auch eine Schweizerin.

Der Beacon, die Säule mit dem Leuchtfeuer, markiert die Einfahrt in den Hafen des Küstenortes. Foto: Andrea Pucci (Getty Images)

Der Beacon, die Säule mit dem Leuchtfeuer, markiert die Einfahrt in den Hafen des Küstenortes. Foto: Andrea Pucci (Getty Images)

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Ronnie Carthy schaufelt den Rest Rührei aus der Pfanne und zieht die Küchenschürze aus. Sekunden später sitzt er im Frühstücksraum des Fastnet House und singt: «Ich liebe den Boden, auf dem du stehst.» Angesichts der Morgenstunde klingt die Stimme des Barden etwas belegt, aber die Gitarrenakkorde sitzen. Und Ronnie singt voller Inbrunst, so wie er das mit den vier Kumpanen seiner Band Open the Taps pflegt, wenn sie abends im Pub aufspielen.

Ronnie ist Ire, vor 63 Jahren in England geboren. Mit seiner Frau Sandra führt er seit 1997 das Bed & Breakfast Fastnet House in Baltimore. Die sechs kuscheligen Zimmer sind in der Sommer­saison hervorragend gebucht. «Viele Gäste kommen jedes Jahr zu uns», versichert Sandra.

Die 55-Jährige spricht lupenreines Züritüütsch, obwohl sie seit 22 Jahren dauerhaft auf der ­Grünen Insel lebt. Die Tochter holländischer Eltern war in Augwil im Zürcher Unterland auf­gewachsen, verlor ihr Herz früh an Irland. Zusammen mit Ronnie gehört Sandra längst zum ­Inventar von Baltimore wie der Beacon. Die Säule mit dem Leuchtfeuer, welche die Engländer 1798 nach der irischen Rebellion errichtet hatten, markiert die Einfahrt in den Hafen des kleinen Küstenorts.

Die Fischer auf dem Rückzug

Die konische Ikone thront auf einem steilen Hügel. «Passt auf, wenn ihr Selfies schiesst», ermahnt Sandra die Mutigen, die zum Beacon emporsteigen. Vor dem Leuchtfeuer stürzt die Klippe jäh ins Meer, Kuhfladen verraten, dass auf der Kuppe furchtlose Rinder grasen. Von hier oben eröffnet sich eine wunderbare Sicht über 100 Inseln in der Roaring Water Bay im Südwesten Irlands. Ein Geländer am Beacon fehlt ebenso wie ein ausgebauter Pfad vom Parkplatz zum Aussichtspunkt. Niemand in der Gemeinde will einer Massenwanderung Vorschub leisten. Sandra und Ronnie wohnen ganzjährig hier, zusammen mit 350 weiteren Einheimischen. Zwischen Ostern und Oktober steigt Rauch aus den Kaminen der Ferienhäuser am Hang; dann drängen sich auch die Jachten im Hafen.

Der Tourismus ernährt den Ort. Einst sicherte die Fischerei die Lebensgrundlagen der Einheimischen. Heute laufen nur noch fünf Kutter aus. Hochgerüstete Fischer aus Frankreich und Spanien bedrängen die irischen Berufsgenossen. Zwei ausrangierte Kähne rosten im Hafen vor sich hin. Das Geld fehlt, um sie abzuwracken. Von Baltimore aus verkehren Fähren nach Sherkin und Cape Clear Island. Und am Pier macht auch Michael Cottrell sein Schlauchboot klar. Etwas besorgt blickt er in den grauen Himmel. «Wird wohl nichts mit der Walbeobachtung heute», sagt der Kapitän und lenkt das Boot am Beacon vorbei ins Insel-Labyrinth.

Eigentlich sollten die Passagiere Pottwale und Delfine zu Gesicht bekommen. Aber die aufziehende Regenfront schickt harschen Wind und Wellen – zu ungemütlich, um sich aufs offene Meer zu wagen.

Statt Wale passiert das Boot eine Robbenkolonie. Lustvoll stürzen sich die Seehunde von einer felsigen Sonnenliege ins Meer. Backbord dümpeln Bojen. «Sie markieren die Hummerkörbe», sagt Michael. Er winkt einem Fischer zu, der gerade einen Berg Krustentiere in seinen Kahn kippt. Das Fanggut wird statistisch erfasst, der Bestand an Hummern streng überwacht.

Von den baumlosen Inseln in der Bucht vor Baltimore sind nur vier bewohnt, nicht mitgezählt ein kleines Eiland, das durch eine Brücke ans Festland gebunden bleibt. Die Trutzburg Kilcoe Castle, die hier thront, stammt aus dem 14. Jahrhundert und dient heute Jeremy Irons, Oscarpreisträger 1991, als Refugium. Der Brite hat viel Geld und Liebe in die Renovierung der alten Gemäuer investiert.

Bewohntes Museum

In der Nähe des Fastnet House steht das Dun na Séad Castle. Es hat eine Vergangenheit als normannische Festung und Verwaltungszentrum des Handelshafens von Baltimore. Patrick und Bernie McCarthy haben es wieder zum Leben erweckt. Der pensionierte Anwalt und die Lehrerin recherchierten, rekonstruierten und restaurierten während zehn Jahren. Nun führen sie Besucher stolz durch ein bewohntes Museum. An den Wänden hängen historische Fotos, aus versteckten Boxen klingt klassische Musik, und im Hintergrund meldet sich ein Baby – die Enkelin der McCarthys.

Mit dem Wiederaufbau rettete der Hausherr sozusagen den Familiensitz. Über Jahrhunderte war das Schloss auch Hort des O’Driscoll-Clans. Patricks Mutter stammte aus diesem Geschlecht, das in Baltimore vor dem Einfall der Engländer Fischerei und Handel kontrollierte. «Wir besuchten in meiner Jugend ein Clan-Treffen», erinnert sich McCarthy, «da beschloss ich, einmal Burgherr von Baltimore zu werden.» Der Hafenort durchlitt übrigens seine dunkelste Stunde im 15. Jahrhundert, alsalgerische Seeräuber Baltimore überfielen, 100 Einwohner raubten und versklavten.

An diesem grauen Vorsommertag fürchtet Kapitän Michael keine Seeräuber, sondern den Sturm. Das Schlauchboot kämpft mit der Gischt und heftigem Wellenschlag. Geschickt manövriert er es zwischen den Inseln durch, bis der Beacon auftaucht und sich die Elemente beruhigen.

Als die Passagiere ihre Schwimmwesten ausziehen, setzt Nieselregen ein. Irgendwie muss das irische Wetter ja seinen Ruf retten. Trotzdem platzt Baltimore in den Sommermonaten aus allen Nähten, auch wegen der vielen Festivals. Beliebtheit erfreut sich der Hafenort in West Cork besonders bei Amerikanern. Viele werden aber bitter enttäuscht. Sie erfahren, dass die Stadt Baltimore in Maryland und das vermeintliche irische Original rein gar nichts miteinander zu tun haben.

Die Reise wurde unterstützt von Rolf Meier Reisen.

Erstellt: 04.07.2019, 18:10 Uhr

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Bed & Breakfast, irische Küche

Anreise: Swiss fliegt viermal wöchentlich von Zürich nach Cork. Mietwagen oder Busverbindung via Skibbereen nach Baltimore.
Reiseveranstalter: Rolf Meier Reisen (RMR), Neuhausen am Rheinfall, ist Irland-Spezialist, mit grosser Auswahl an Unterkünften und Rundreisen, 052 675 50 40; www.rolfmeierreisen.ch
Mietwagen-Rundreise: Die B&B-Tour «Von Cork nach Dublin – Das Beste vom Westen» beinhaltet u.a. einen Aufenthalt im Fastnet House in Baltimore. Total acht Übernachtungen im DZ, Frühstück, Mietwagen, Flüge, ab 1195 Fr. p.P. bei RMR.
Fastnet House: Drei Über­nachtungen im DZ mit Frühstück bei RMR ab 210 Fr. p.P.
www.fastnethouse.com
Essen: Rolf’s Country House
in Baltimore, Auswanderer
aus dem Schwarzwald bieten gehobene irische Küche,
www.rolfscountryhouse.com
Sightseeing: www.baltimorecastle.ie, www.baltimoreseasafari.ie
Beste Reisezeit: April bis
Oktober.
Allg. Infos: www.baltimore.ie; www.ireland.com

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