Das angebliche Auslaufmodell ist ausgebucht

Das Ziel: Hamburg. Das bevorzugte Verkehrsmittel: der Nachtzug. Das Unterfangen: beinahe unmöglich.

Kurz vor 20 Uhr am Hauptbahnhof Zürich: Der Nachtzug nach Hamburg steht bereit. Foto: Reto Oeschger

Kurz vor 20 Uhr am Hauptbahnhof Zürich: Der Nachtzug nach Hamburg steht bereit. Foto: Reto Oeschger

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Der Plan scheint bestechend einfach: ein Kurztrip nach Hamburg, spazieren am Elbstrand, ein oder zwei Astra trinken im Schanzenviertel, Fischbrötchen am Hafen, St. Pauli. Die Anreise: per Schlafwagen ab Zürich Hauptbahnhof. Ohne mühsame Sicherheitschecks, erholsam und erst noch umweltfreundlich. Billette für den Nachtzug zu bekommen, sollte kein Problem sein. Schliesslich gilt dieser als Auslaufmodell, mangels Nachfrage. Diese x-fach wiederholte Botschaft hat sich in den letzten Jahren eingeprägt, auch wenn man sie bedauerte.

Doch der Plan scheitert an einer überraschenden Tatsache: Der Nachtzug nach Hamburg ist chronisch ausgebucht. Möchte man im April zu zweit im Schlafwagen reisen, wird das fast unmöglich. 98 Prozent der Betten sind ausgebucht, nur drei Daten sind noch verfügbar – und ­natürlich sind es keine Wochenenden, wie eine TA-Datenauswertung der Angebote auf der SBB-Website von Ende März ergeben hat. Das wäre mit dem Flugzeug anders.

Auch wer erst im Sommer eine Reise zu zweit nach Hamburg plant, ist für den Nachtzug fast schon zu spät dran. Bis Ende Juni sind rund 80 Prozent aller Schlafwagen ausgebucht, an Wochenenden hat es nur noch an einem Freitag und einem Samstag Platz. Bis Ende August sind 60 Prozent der Tage ausgebucht und 80 Prozent der Wochenendverbindungen.

Eher ältere Semester

Kurz vor 20 Uhr am Zürcher Hauptbahnhof, der dunkelblau gestrichene Zug auf Gleis 15 füllt sich auch an diesem Abend – obwohl es unter der Woche ist, ausserhalb der Schulferien. Es sind nicht etwa bewegte Klimademonstranten, die zusteigen, sondern eher ältere Semester. Die einen haben schon im Dezember gebucht, um sich einen Platz zu sichern, andere im Januar. Mangelnde Nachfrage? «Von wegen!», stellt eine Frau klar, die sich gerade routiniert im Abteil für die fast zwölfstündige Reise einrichtet. «Das Elend ist: Es hat nach Hamburg nur einen einzigen Schlafwagen.» Das heisst: 36 Betten. Hinzu kommen gut 100 Pritschen in zwei Liegewagen. Der Rest: Sitzplätze.

Chronisch ausgebucht: Angebote im Schlafwagen von Zürich nach Hamburg. Bild: Christian Beutler/Keystone

«Ja, tut mir leid, wir sind komplett ausgebucht», bestätigt der freundliche Schaffner mit dem imposanten Schnurrbart, ein stolzer Vertreter der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB). Diese betreiben den Nachtzug von Zürich nach Hamburg, nachdem die Deutsche Bahn (DB) ihre City Night Line 2016 aufgegeben hat – von 30 Millionen Franken Defizit war damals die Rede. Die SBB stiegen schon Jahre zuvor aus dem Geschäft aus. Das Ende kam wenig überraschend. Bereits um die Jahrtausendwende war das Geschäft mit den Nacht­zügen defizitär. Die Billigfliegerei boomte, weil nicht nur schneller, sondern oft auch preiswerter. Die Nachtzugverbindungen Richtung Süden wurden eine nach der anderen gestrichen. Im ­Dezember 2012 verliess letztmals ein Hotelzug mit dem Namen Pau Casals den Zürcher HB in Richtung Süden. Das Ziel: Barcelona.

Zahl der Passagiere steigt

Es nützte nichts, dass Schweizer Verkehrs- und Umweltorganisationen gegen das Aus der Nachtzüge protestierten und Unterschriften sammelten. SBB-Verwaltungsratspräsidentin Monika Ribar sagte 2017 in der «Zeit»: «So gerne ich Bahn fahre, aber wenn es heute diese günstigen Flüge gibt, dann sind wir mit Nachtzügen nicht konkurrenzfähig.» Die Bahn könne international nur mithalten, wenn die Reise tagsüber stattfinde und nicht länger als sechs Stunden dauere. «Ein guter Nachtzug, mit einem grosszügigen Abteil, einem Speisewagen, in dem ich etwas essen und ein Glas Wein trinken kann – ein Traum, jedoch unbezahlbar.»

Der Nachtzug nach Hamburg ist kein Samt behangener Orient-Express, aber funktional und sauber.

Der ÖBB-Nachtzug nach Hamburg ist kein Traum auf Rädern, kein samtbehangener Orient-Express, aber funktional und sauber. Der Zugbegleiter verteilt gerade Bestellzettel fürs Frühstück und deutet auf das Präsent, das auf dem Bett liegt: «Hier haben Sie Prosecco – ist alles inklusive.» Damit haben die beiden älteren Frauen nicht gerechnet, die zusammen nach Hamburg reisen. Dass ihre Wahl auf den Zug fiel, hatte praktische Gründe: «Ich fliege einfach nicht gern, da habe ich den Bammel.» Das Klima war auch eine Überlegung. «Fliegen wäre wahrscheinlich günstiger.» Im ÖBB-Nachtzug nach Hamburg kostete die einfache Fahrt ohne Ermässigung 220 bis 300 Franken – je nachdem, ob man das Abteil für sich allein will oder es mit anderen teilt.

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Zürcherinnen und Zürcher können vom HB aus mit dem Nightjet nicht nur nach Hamburg fahren, sondern auch nach Wien, Graz, Berlin, Prag, Zagreb und Budapest. Für die ÖBB scheint das Geschäft zu funktionieren. «Die Verbindungen von und nach Zürich werden von unseren Fahrgästen sehr gern und oft gebucht», sagt ein Sprecher. Die Fahrgastzahlen gäben allen Grund zur Zufriedenheit. Konkret heisst das: Den ÖBB gelang es im vergangenen Jahr, die Zahl der Passagiere im Nightjet europaweit von 1,4 Millionen auf 1,6 Millionen zu steigern.

Politik macht Druck

«Besonders stark ist die Nachfrage im Schlafwagen, der gern von Geschäftsreisenden genutzt wird – zum Beispiel zwischen Zürich und Wien», sagt der ÖBB-Sprecher. Wie hoch die Auslastung einzelner Linien ist, will er nicht verraten, aus «wettbewerbstechnischen Gründen». Die TA-Auswertung zeigt, dass die Züge nach Wien oder Berlin weniger stark ausgebucht sind als jene nach Hamburg. Dennoch sind im April auch schon über 70 Prozent aller Schlafwagenangebote für eine gemeinsame Reise vergriffen, nach Berlin sind es über 60 Prozent.

Betreiben die Nachtzüge: Die Österreichischen Bundesbahnen, kurz ÖBB. Bild: Reto Oeschger

Obwohl die Klimadebatte dazu führen könnte, dass die Leute ihr Reiseverhalten überdenken, haben die SBB derzeit kein Interesse, wieder ins Nachtzug-Geschäft einzusteigen. Sie unterstützen die ÖBB in der Schweiz, zum Beispiel im Marketing, bei der Zugbegleitung oder beim Rangieren der Kompositionen. Die Grünen wollen das ändern. Gemeinsam mit der Klimastreikbewegung haben sie im März ein Vorstosspaket geschnürt. Teil davon ist die Forderung nach SBB-Nachtzügen. Auch die Grünliberalen reichten im Nationalrat einen Vorstoss ein. Sie wollen vom Bundesrat Antworten darauf, ob die SBB in ihrer neuen Strategie Nachtzüge vorsehen und ob sie den Bedarf danach abgeklärt haben. Bestünden keine entsprechenden Pläne, wollen die Grünliberalen solche mit einer verpflichtenden Motion einfordern.

Erstellt: 07.04.2019, 21:11 Uhr

Über die Auswertung

Der TA hat sich die Nachtzug­angebote auf der SBB-Website bis Ende August angeschaut. Die Abfragen fanden am 26. und 27. März statt. Analysiert wurden die verfügbaren Schlafwagenverbindungen zum Normalpreis von Zürich HB nach Hamburg, Berlin und Wien, wenn zwei Personen gemeinsam reisen möchten. In den Liege- und Sitzwagen ist die Auslastung geringer als beim Schlafwagenangebot. (sip)

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