Digitale Nomaden im Realitäts-Check

Sie liegen den ganzen Tag in der Hängematte und verschicken ab und zu eine Mail – das sind die Vorurteile. Uns erzählen sie, wie sie wirklich leben.

Na ja, ist das Leben der digitalen Nomaden wirklich so idyllisch, wie es hier dargestellt wird? Manu und Daniela arbeiten auf dem Liegestuhl. Fotos: PD

Na ja, ist das Leben der digitalen Nomaden wirklich so idyllisch, wie es hier dargestellt wird? Manu und Daniela arbeiten auf dem Liegestuhl. Fotos: PD

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Digitale Nomaden berichten vermehrt, dass über die Berichterstattung zu ihrem Lebensstil oft die Augen verdreht werden. Oft gehe es bloss darum, eigene Thesen zu bestätigen anstatt wirklich zuzuhören und sich zu fragen, was wirklich hinter dem Lebensstil der Nomadinnen steckt.

Im November findet zum zweiten Mal die Digitale Nomaden Konferenz Schweiz statt. Zu diesem Anlass nun vier Geschichten von digitalen Nomaden, die auf der Konferenz eine Keynote oder einen Workshop halten. Sie könnten unterschiedlicher nicht sein. Dies zeigt vor allem eines: Die digitalen Nomaden gibt es nicht.


Virtuelle Assistenz aus dem Zug: Jill Oppliger

«Ich war früher Direktionsassistentin. Mein Chef lebte in England. Ich fragte mich schon damals, welchen Sinn es ergibt, dass nur ich im Büro sitze, während er und das Team meistens unterwegs waren. Seit Februar 2019 bin ich selbstständige virtuelle Assistentin. Das heisst, ich erledige für KMU und andere Unternehmen alle administrativen Aufgaben, arbeite Strategien und Ablagesysteme aus, baue E-Mail-Automationen auf, halte Fäden zusammen – eben das, was eine normale Assistentin auch tut, nur online. Dieser Job ist in der Schweiz, im Gegensatz zu England oder den USA, noch nicht weit verbreitet. Aber langsam kommts, und die Firmen sagen: Lass es uns versuchen!

«Mein Umfeld versteht oft noch nicht richtig, was ich mache.» Jill Oppliger, Digital Nomad

Ich arbeite zwischen Stadt und Berg. Oft auch im Zug. Dann suche ich mir die längsten Verbindungen raus und bleibe sitzen bis zur Endstation. Im Zug und im Schiff kann ich super arbeiten. Im April war ich einen Monat in Bali. Aber ob zu Hause oder im Bündnerland, wo meine Eltern leben: Meine Kunden kriegen nicht mit, wo ich gerade bin. Sie feedbacken mir oft, dass ich so ausgeglichen wirke.

Ich habe zwei Freundinnen, die auch Nomadinnen sind. Mit ihnen kann ich den Lebensstil gut teilen und mich austauschen. Sonst kann es schon einsam werden mit der Zeit. Mein Umfeld versteht oft noch nicht richtig, was ich mache.


«Ich wünsche mir mehr Verständnis in der Gesellschaft für diesen flexiblen Lebensstil»: Jill Oppliger bei der Arbeit.

Ich wünsche mir mehr Verständnis in der Gesellschaft für diesen flexiblen Lebensstil und dass auch mehr Menschen in Festanstellung ortsunabhängig arbeiten können. Es heisst nicht, dass man weniger arbeitet – im Gegenteil. Man hat leider immer noch das Bild des digitalen Nomaden in der Hängematte mit dem Laptop im Kopf, aber das entspricht überhaupt nicht der Realität.»

https://www.mermonta.com/


Das Digitale-Nomaden-Experiment: Daniela und Manuel

«Wir sind kürzlich von unserer 15-monatigen Reise durch 14 Länder in die Schweiz zurückgekehrt. Unterwegs haben wir gearbeitet und bezeichnen den Trip deshalb als Digitales-Nomaden-Experiment. Daniela arbeitet jetzt noch teils ortsunabhängig, weshalb sie per Definition immer noch eine digitale Nomadin ist.

Instagram und die Berichterstattung vermitteln ein falsches Bild davon, was digitales Nomadentum ausmacht. Der Begriff ist recht aufgeblasen. Freiheit war das entscheidende Kriterium für die Entscheidung, das Experiment zu starten. Wir hatten nicht unbedingt geplant, auf Weltreise zu gehen, aber wir wussten, dass wir vorerst unbegrenzt ortsunabhängig leben und arbeiten wollten.

«Die grösste Herausforderung war das Trennen von Arbeiten und Freizeit.»Daniela und Manu, Digital Nomads

Am liebsten wären wir beide Teilzeit in unseren Jobs geblieben. Danielas Arbeitgeber konnte sich dies aber nicht vorstellen, deshalb hat sie gekündigt und unterwegs gefreelanct. Manu war weiterhin 50 Prozent angestellt. Ferien hat er normal bezogen.

Die grösste Herausforderung war das Trennen von Arbeit und Freizeit. Man weiss, dass E-Mails reinkommen und diese bearbeitet werden müssen. Manu musste von Montag bis Freitag verfügbar sein. Die Zeitverschiebung war kein Thema, weil die Arbeit quasi über Nacht erledigt wurde. Das kam sogar gut an beim Arbeitgeber.

So sieht das Klischee aus: Daniela und Manu arbeiten von der Hängematte aus.

Daniela hat ihre Aufträge an die Reiseintensität anpassen können, wenn wir wussten, dass eine Reiseetappe bevorstand. Sie hat sich oft um Organisatorisches gekümmert, wenn Manu viel zu tun hatte. Arbeiten und Reisen hat sich unterschiedlich gut vertragen. In Japan und Neuseeland hatten wir Schwierigkeiten, weil die Infrastruktur zum Arbeiten nicht immer da war.

Das Fazit unseres Experiments? Unsere Erwartungen wurden übertroffen. Wir hätten nicht gedacht, dass es so gut machbar ist, reisen und arbeiten zu kombinieren. 15 Monate würden wir wohl nicht mehr machen, aber wenn wir pro Jahr ein bis zwei Monate im Ausland arbeiten könnten, wäre das sehr cool. Übrigens: Über unsere Erkenntnisse und Erfahrungen haben wir ein Buch geschrieben inklusive Interview mit dem Arbeitgeber und mit Kundenstimmen.»

https://www.rhylocate.ch/


Hosts und Teilzeit-Nomaden: Haz und Fanny

«Wir haben vor drei Jahren den Co-Working/Co-Living-Space Swiss Escape in Grimentz eröffnet. Die Idee kam uns nach vielen Gesprächen mit digitalen Nomaden. Sie erzählten uns, dass die Einsamkeit ihr grösstes Problem sei. Gleichzeitig erfuhren wir, dass die Wintersportgemeinden in der Schweiz Probleme damit haben, den Wohnraum im Sommer zu besetzen. Wir sind in der Schweiz damit gestartet, aber die Idee kann auch in andere Länder übertragen werden.

«Wir lieben es zu reisen, aber wir wollen keine Touristen sein.» Haz und Fanny, Gründer Swissescape

99 Prozent unserer Kunden kommen aus dem Ausland – bis jetzt haben wir erst zwei Schweizer gehostet. Wir haben zwei Arten von Kunden: die Etablierten, die sehr langsam reisen. Und die Neulinge, die alles ausprobieren und noch recht schnell unterwegs sind. Zu uns kommen nur Leute, die sich bereits gefunden haben und sich die Schweiz leisten können. In Thailand trifft man noch auf viele Nomaden, die nur dort sind, weil das Leben so günstig ist. Wir werden bald ein drittes Chalet hier oben eröffnen und können uns vorstellen, irgendwann vielleicht in andere Teile der Schweiz zu expandieren.

Fanny und Haz, die Gründer des Co-Working und Co-Living Chalet «Swissescape».

Wir selbst sind Teilzeit-Nomaden und verbringen sechs bis acht Monate pro Jahr in der Schweiz. Den Rest des Jahres reisen wir an Digital-Nomad-Hotspots und sind Kunden von anderen Co-Living-Spaces. Das gibt uns gute neue Perspektiven auf unsere Arbeit. Wir lieben es zu reisen, aber wir wollen keine Touristen mehr sein. Wir bleiben mindestens einen Monat an einem Ort, richten uns ein, suchen uns ein Yoga-Studio. Langfristig ist es gar nicht möglich, als digitaler Nomade jede Woche den Ort zu wechseln.»

https://www.swissescape.co/


Bereits in 16 Ländern gearbeitet: Michael Hörnlimann

«Im August 2016 war ich glücklich angestellt bei einer Webagentur. Dann ploppte eine Veranstaltung auf Facebook auf: 6 Jahre Weltreisen – die geilste Lücke im Lebenslauf. Ich besuchte den Event und musste mir im Anschluss die Frage stellen: Ist es richtig, so viel Zeit in meine Arbeit zu investieren? Ich kam zum Schluss, dass es mehr gibt, als bloss im Büro zu sitzen, und brauchte rund ein Jahr, um meine Idee umzusetzen.

Im September 2017 nahm ich als Einstieg an der Nomad Cruise teil. Dort hatte ich die volle Ladung zwischen Reisen und Arbeiten – auf einem Kreuzfahrtschiff. Ich wollte mehr darüber erfahren, ob und wie es möglich ist, ortsunabhängig zu arbeiten. Ein Holländer zeigt mir auf dem Schiff, wie ich WordPress-Websites inklusive SEO (Suchmaschinen-Optimierung) für Kunden umsetzen kann. Das war mein grösstes Mitbringsel von der Reise und eine Inspiration für mich.

«Vor Ort versuche ich, in die Kultur einzutauchen und wenn möglich, die Sprache zu lernen.»Michael Hörnlimann, Digital Nomad

Kurz darauf signalisierte ich meinem Vorgesetzten, dass ich meinen Job kündigen möchte. Er fragte mich umgehend, was er denn unternehmen solle, damit ich der Firma erhalten bleibe. Ich entgegnete, dass ich nicht mehr jeden Tag zu fixen Zeiten im Büro arbeiten wolle. Als Test arbeitete ich einige Wochen in Portugal und Spanien.

Nach dem Frühstück ging ich jeweils baden und habe danach voller Energie mit der Arbeit gestartet. Das ist was ganz anderes, als wenn ich mich morgens mit zahlreichen anderen Pendlern in den Zug setze. Parallel baute ich meine Einzelfirma auf und merkte schnell, dass ich mich voll darauf konzentrieren wollte. Seit April 2018 bin ich selbstständig im Haupterwerb.

«Meine Arbeit ist jeden Tag komplett unterschiedlich»: Michael will jetzt aber seinen ökologischen Fussabdruck optimieren.

Im Mai unternahm ich gemeinsam mit meinem besten Freund einen Trip mit der Transsibirischen Eisenbahn von Moskau bis nach China. Wir waren rund einen Monat unterwegs. Das war (arbeitstechnisch) die schwierigste Zeit: In Sibirien hast du im Niemandsland trotz lokaler SIM-Karte einfach keinen Empfang.

Arbeiten unterwegs ist eigentlich nicht möglich, was mich aber auch gar nicht wirklich gestört hatte. Nach diesem Trip habe ich mich einen Monat lang dem «WiFi Tribe» angeschlossen. Mit ihnen bin ich einen Monat lang durch Bolivien gereist. Unter der Woche wird gearbeitet, am Weekend gemeinsam das Land erkundet. Dasselbe habe ich auch in Kolumbien gemacht. Vor Ort versuche ich, in die Kultur einzutauchen und wenn möglich, die Sprache zu lernen und Beziehungen zu Locals herzustellen.

Meine Arbeit ist jeden Tag komplett unterschiedlich. Für Fleissarbeiten sind Cafés in Ordnung, für kreative Arbeiten ziehe ich Co-Working-Spaces oder das Homeoffice vor. Ich liebe die Unabhängigkeit und die Freiheit, mir alles selber einteilen zu können. Am meisten Mühe machen mir jedoch die Einsamkeit und die Tatsache, die zahlreichen schönen Momente nicht teilen zu können. Hier meine ich das persönliche Teilen, nicht auf Social Media.

Ich finde es herausfordernd, jemanden zu finden, der ähnlich denkt und einigermassen nachfühlen kann, was mein Lebensstil bedeutet. Seit April 2019 bin ich nun wieder zurück in der Schweiz und habe zurzeit kein Fernweh. Momentan reduziere ich meinen ökologischen Fussabdruck wieder so gut wie möglich.

Meine Ziele? Ich will nicht primär wachsen oder möglichst viele Kunden gewinnen. Ich möchte den Ausgleich behalten, sodass meine Lebensqualität hoch bleibt.»

https://michaelh.ch/


Ein Beitrag von Travelcontent.

Erstellt: 16.11.2019, 08:43 Uhr

Was sind Digitale Nomaden?

Digitale Nomaden sind per Definition Unternehmer oder auch Arbeitnehmer, die ein eher ortsunabhängiges beziehungsweise multilokales Leben führen und fast ausschliesslich digitale Technologien anwenden, um ihre Arbeit zu verrichten.

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