Er rast mit 100 km/h Steilwände hinunter

Der Walliser Jérémie Heitz war einer der besten Freerider der Welt. Jetzt fährt er Ski, wo andere höchstens klettern.

Als der Film «La Liste» erschien, rieb sich alle Welt die Augen: Dort so runterzudüsen, wo ein Sturz tödlich endet? Video: Vimeo/TimeLine Missions

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Mitte Januar wird Jérémie Heitz am Arlberg eingeschneit. Dort weiss man damit umzugehen. In den Hotelchalets knistern die Kaminfeuer und dampfen die Saunas, in den Bars dröhnen die hausgemachten Après-Ski-Hits. Wirklich zum Skifahren ist Heitz aber auch gar nicht da – einer seiner Ausrüster präsentiert die neue Winterkollektion. Shootings stehen auf dem Programm, und mit einigen Journalisten im Schlepptau soll Heitz ein paar Kurven in den Pulverschnee ziehen. Angesichts des Wetters fällt das jedoch aus, und so sitzt man schon am Nachmittag am wohligen Kaminfeuer und unterhält sich, während vor den Fenstern die Mauern aus Schnee wachsen und wachsen.

Jérémie Heitz gilt als einer der besten Freerider der Welt. Noch vor ein paar Jahren wäre es nicht möglich gewesen, ihn so zu bezeichnen, denn das Free­riden – es steckt im Namen drin – ist eine wilde Sportart abseits von Pisten, Publikum und Mainstream – frei eben. Dann kam die Freeride Worldtour (FWT) auf, jener Contest, der vor allem dank seinem Finale in Verbier bekannt wurde, wo sich die Freerider den bis zu 60 Grad steilen Bec des Rosses hinunterstürzen. Wer jemand sein will im Freeriden, der kommt an der FWT nicht mehr vorbei. Das galt auch für Jérémie Heitz, der als Jugendlicher noch klassische Skirennen fuhr, ehe es ihn weg von der Piste zog.

In der FWT gilt es, an einem ausgesteckten Hang eine spektakuläre Linie möglichst zügig und vor allem flüssig zu fahren. Grosse Sprünge geben eine höhere Punktzahl. Heitz fuhr an der Spitze mit, gewonnen hat er die Tour aber nie. Dieses Jahr legt der 28-Jährige eine Pause ein, nachdem die vergangene Saison sehr durchzogen war. Mal zeichnete er eine kompromisslos schnelle Linie auf den Berg, mal stürzte er und flog, sich hilflos überschlagend, den Hang hinunter. Als ein Reporter einmal im Zielraum wissen will, was schiefgelaufen sei, belässt er es entnervt beim Offensichtlichen: «Ich bin gestürzt.»

Am Kaminfeuer sitzend, fällt es schwer, sich vorzustellen, wie der geduldige Walliser die Nerven verliert. «Ich beendete den Wettkampf, weil ich mich mehr auf meine Projekte konzentrieren möchte», sagt er nun. Die Erfahrungen aus dem Wettkampf seien wertvoll gewesen, eine gute Zeit war es natürlich auch, doch letztlich sei Skifahren für ihn kein Kräftemessen. Diese Erkenntnis war es ja schon, die ihn vom jugendlichen Rennfahrer zum Freerider machte.

Jérémie Heitz am Grand Chavalard im Wallis. Foto: Mika Merikanto (AP)

Er ist also nur konsequent und macht einen Schritt in jene Richtung, wo nur der Berg die Regeln bestimmt und keine Ranglisten existieren. Heitz gehört damit zu den wenigen, die sich ein Profi­leben ohne den Wettkampf leisten können – weil sie ein Alleinstellungsmerkmal besitzen. «Ich habe bald einmal erkannt, dass ich am liebsten schnell und direkt fahre. Andere Athleten sprangen jeweils gern, mit allerlei Tricks – ich machte nur gerade Jumps. Ziemlich schnörkellos.» Tatsächlich hatte Heitz auf der Tour den Ruf des schnellsten Fahrers. Wirklich vom Rest abgehoben hat ihn das jedoch erst, als er seinen Stil auf die grossen Berge übertrug, auf die mächtigen Viertausender.

 «Ich fahre mit Rennmaterial, das eigens für mich konzipiert ist. Es ist super schwer, aber es ist stabil. Denn verliere ich einen Ski, ist es vorbei.»Jérémie Heitz

Im Sommer vor zwei Jahren stieg eine Gruppe Bergsteiger von der Mischabelhütte zum Nadelhorn auf. Noch lag einiger Schnee in den Flanken der Viertausender, der aber schon in der Morgensonne zu Sulz wurde. Die Bergsteiger machten gerade Pause im Windjoch, als im ersten Morgenlicht die Nordostwand der Lenzspitze (4294 m) sichtbar wurde, eine 500 Meter hohe Eiswand, bis zu 55 Grad steil. Mit einer seltsamen Spur darin, einer Sinuskurve mit vielleicht 15 Bögen. Allen war klar, was das sein musste, und doch konnte es keiner glauben: eine Skispur. Das war an sich nichts Besonderes, die steile Wand wurde hin und wieder von wagemutigen Skifahrern heimgesucht – doch dass die Spur nur 15 grosse Kurven aufwies, das war unglaublich!

Rasch wurden Rechnungen über den Daumen gepeilt: Da mussten Geschwindigkeiten von um die 100 Stundenkilometer erreicht worden sein. Die Steilwand wäre damit innert rund einer Minute bezwungen gewesen, mit einem vertikalen Höhenverlust von 10 Metern pro Sekunde! Freier Fall? Die Bergsteiger glaubten schon fast an ein Fabel­wesen, als sie gedankenverloren zum Nadelhorn weiterzogen.

«Ich fahre nie am Limit»

Das Geheimnis wurde ein Jahr später gelüftet, als ein Skifilm herumgereicht wurde, wie man ihn noch nie gesehen hatte: «La Liste». Darin vollzieht Jérémie Heitz eine Revolution des Steilwandskifahrens, das bis anhin jeweils fast mehr nach einem Abstieg als nach einer Abfahrt aussah. Plötzlich rieb sich alle Welt die Augen: Dort so runterzudüsen, wo ein Sturz ziemlich sicher tödlich endet – das geht tatsächlich?

«Eigentlich habe ich Angst»: Jérémie Hitz in in Le Chable, Bagnes, 2015. Foto: Red Pool AP

Normalerweise glaubt man, was man sieht, und zu sehen ist im Film alles: die Perspektive von Heitz, jene aus dem Helikopter, man hört sogar seinen Atem. Am Kaminfeuer muss er dennoch erklären: «Ich fahre mit Rennmaterial, das eigens für mich konzipiert ist. Es ist super schwer, aber es ist stabil. Denn verliere ich einen Ski, ist es vorbei.» Und ja, er erreiche über 100 km/h, das werde ziemlich laut um die Ohren. Bremsen liege dann schon noch drin, es brauche aber viel Platz; er bevorzuge es darum, einen grossen Sprung über den Bergschrund zu machen und im auslaufenden Gelände zu stehen zu kommen. «Ich wäre völlig genervt, wenn ich meine Linie unterbrechen müsste. Ich will schöne Linien an den Bergen hinterlassen, da kannst du nicht einfach unterbrechen. Ich fahre aber nie am Limit.»

Möglich ist das meistens nur im Sommer, wenn keine Lawinengefahr mehr besteht. Doch das bedeutet auch, dass es blanke Stellen in den Wänden haben kann. Eine solche wird Jérémie am Grand Combin zum Verhängnis. «Ich wollte eine eisige Stelle traversieren, dachte, dass es mit genügend Speed geht.» Doch das Blankeis schlägt ihm einen Ski weg. Nur mit viel Glück kann er bremsen. Sofort dreht er eine Eisschraube hinein und sichert sich. Im Film wird einem da erst wieder bewusst, wo er sich eigentlich befindet: in einer Wand, die man normalerweise mit Schrauben gesichert hochklettert.

Die Mahnung im Kopf

Heitz klettert wenn immer möglich selber hoch. «Das ist enorm wichtig: Du musst eine Ahnung haben, wie sich der Schnee anfühlt, wo die Steine rausschauen oder das Eis. Wenn ich oben stehe, kenne ich jeden Meter, der mich erwartet.» Vermutlich wäre er ohne dieses Wissen wie ein Rallyepilot ohne Beifahrer – fährt er die eine Kurve, muss er im Kopf schon bei der nächsten sein. Immer wieder ragen Felsen aus dem Schnee, touchiert er diese, endet es fatal. «Hast du einen Crash wie ich am Grand Combin, dann wirst du das nicht so rasch los; es bleibt und kann dich blockieren. Nachdem du das aber verarbeitet hast, bleibt eine Mahnung zur Vorsicht in deinem Kopf. Das ist positiv.»

Sein Stil an den grossen Bergen hat ihm die volle Aufmerksamkeit der Szene eingebracht. Die Frage ist nun: Was macht man damit? Entsteht eine Erwartungshaltung, die am Ende mehr Fluch denn Segen ist? Muss jetzt eine Steigerung folgen, die nur gefährlich sein kann? Diese Fragen sind unangenehm. Und Abenteurer, ganz egal welcher Couleur, reagieren oft gleich: Sie relativieren. Jérémie Heitz aber ist sich des möglichen Laufs der Dinge bewusst. «Das gibt zu denken, es ist nicht einfach, da standhaft zu bleiben und sich zu steigern, ohne dass man zwangsläufig auch das Risiko steigert.» Und dann klingt es glaubwürdig und seltsam zugleich, als er sagt: «Ich habe eigentlich rasch Angst. Ich war oft froh, hatte ich Sam Anthamatten dabei, der ist Bergführer. Ich betrachte mich in vielen anderen alpinistischen Belangen als Anfänger.»

Diesen Sommer zieht es ihn mit Anthamatten in den Himalaja. Ist es der logische Weg? (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.02.2018, 07:26 Uhr

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Freerider, Skialpinist

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