Ein Stromkonzern baut Natur

An der Mündung der Aare in den Bielersee entsteht ein neues Naturparadies für Fische, Wasservögel und Biber. Die BKW muss einen Teil des alten Hagneck-Kanals renaturieren.

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Am blauen Himmel kreisen still zwei Milane, während vom Bielersee her ein Lastwagen über das steinige Gelände holpert. Hinter dem lärmigen Fahrzeug zieht eine beträchtliche Staubfahne her.

Das Hagneck-Delta zum See hin gleicht einem abgeflachten Steinhaufen. Hier und da stehen ein paar frisch gepflanzte Bäumchen. Ein Maschendrahtzaun schützt sie vor dem Biber, der im nahen Auenwald lebt. Zaghaft spriesst erstes Grün, nahe den neuen Ufern des alten Hagneck-Kanals. Links liegt der See, rechts das alte Wasserkraftwerk. Das neue liegt etwas weiter hinten. Wo heute noch eine grosse Baustelle ist, soll bald ein Naturschutzgebiet sein.

Letzten Herbst haben die Bielersee Kraftwerke, eine Tochterfirma der BKW, ihr neues Wasserkraftwerk Hagneck eingeweiht. Weil das Werk teilweise im Naturschutzgebiet steht, muss die Stromgesellschaft Ersatz leisten, für das, was sie der Natur mit dem Neubau wegnimmt. Sie renaturiert den Kanal zwischen dem alten Kraftwerk und dem Bielersee. Gleichzeitig nutzt die BKW das renaturierte Gebiet zur Stromproduktion. Zwei kleine Turbinen seien darin eingebaut, sagt Projektleiter Thomas Richli nicht ohne Stolz.

Strom aus der Fischtreppe

Doch wie kann es sein, dass ein künftiges Naturschutzgebiet Strom produziert? «Die Fische benötigen eine Strömung, damit sie erkennen, wie sie den Flusslauf hochwandern können», erklärt Daniel Bernet vom kantonalen Fischereiinspektorat.

Damit die Fische den Weg über die sogenannten Fischtreppen in den Kanal oberhalb des Kraftwerks finden, brauchen sie Lockströmungen – Strömungen, die die Fische gut fühlen können. Diese Lockströmung erzeugt die BKW mit zwei kleinen Turbinen. Und mit den Turbinen kann sie gleichzeitig Strom generieren.

«Wir wollten einen möglichst naturnahen Übergang vom Fluss zum See schaffen.»Daniel Bernet, Fischereiinspektorat

Über das ganze Delta der Aare zwischen dem See und den beiden Armen des Hagneck-Kanals unterhalb des alten und des neuen Kraftwerks führen drei naturnahe Fischtreppen beziehungsweise Umgehungsgerinne. Das sind künstlich angelegte Bäche mit rechteckigen Becken. Die Becken bilden eine Art Treppe für die Fische. Diese fühlen sich darin sichtlich wohl. Wer sich eine Minute Zeit nimmt, entdeckt innert Kürze mehrere Tiere auf der Wanderung über das Delta.

Möglichst naturnah

Die Verbindung von Natur und Technik hat in Hagneck eine lange Geschichte. Denn der Hagneck-Kanal wurde im Rahmen der Juragewässerkorrektion Ende des 19. Jahrhunderts von Menschen angelegt. Weil sich die Aare im neuen Flussbett zu tief in den Boden frass, wurde sie schon wenige Jahre nach dem Bau des Kanals an der Mündung zum Bielersee gestaut.

So entstand mit dem Stauwehr die Möglichkeit zur Stromproduktion. Das alte Hagneck-Kraftwerk nahm 1899 seinen Betrieb auf. Wie die Situation vor den Eingriffen durch die Menschen ausgesehen habe, wisse man daher nicht mehr genau, sagt Daniel Bernet vom Fischereiinspektorat.

Klar ist allerdings, dass das ganze Seeland von der Aare wie von den drei Seen immer wieder überschwemmt wurde. Es war eine Auen- und Sumpflandschaft. «Darum wollten wir unterhalb des alten Kraftwerks einen möglichst naturnahen und auenähnlichen Übergang vom Fluss zum See schaffen», erklärt Bernet.

Damit durch die neue Auenlandschaft ein Fliessgewässer fliesst, das mal höher steht und mal tiefer, wird das alte Kraftwerk nicht völlig stillgelegt. Eine von ursprünglich fünf Turbinen soll weiterhin Wasser vom Hagneck-Kanal in den neuen Fluss unterhalb des alten Kraftwerks führen. Dadurch wird noch ein Fünftel der ehemaligen Wassermenge auf diesem Weg in den Bielersee fliessen. Der Hauptteil des Wassers wird aber durch die beiden grossen Turbinen im neuen Kraftwerk geführt.

Eisvogel, Falke und Lachs

Eine Auenlandschaft, wie sie in Hagneck entsteht, bietet zahlreichen seltenen Tieren Lebensraum, erklärt Bernet. In den hohen Kronen des schon bestehenden Auenwaldes nisteten bereits Baumfalken und Schwarzmilane. Aber auch dem seltenen Eisvogel gefalle es in Hagneck. Zugvögel machen auf ihrer Reise halt – oder kommen hierher, um zu überwintern. Tümpel bieten Amphibien und Insekten ein Zuhause. Und diese sind wiederum Nahrung für Fische und Wasservögel.

Viele der Tiere waren zwar schon vor dem Neubau in Hagneck. Doch erhalten sie mit der Renaturierung mehr Platz und unterschiedliche Lebenräume. «Sie haben nun ein kleines Mosaik von verschiedenen Gewässern», sagt Bernet. Ausserdem werden sie das Gebiet ganz für sich allein haben. Das Gelände gehört der BKW und bleibt für die Öffentlichkeit vorerst gesperrt.

Erstellt: 15.08.2016, 08:53 Uhr

Das Kraftwerk der BKW rentiert nicht

Wegen tiefer Strompreise schreibt das neue Wasserkraftwerk Hagneck am Bielersee schon beim Start rote Zahlen.

Die Renaturierung ist die zweitletzte Etappe der Gesamterneuerung des Kraftwerks Hagneck. Nächstes Jahr wird die Zentrale des alten Kraftwerks nach denkmalpflegerischen Kriterien saniert. Sie ist ein Zeuge der Industriegeschichte und darf darum nicht abgerissen werden. Mit Baujahr 1899 ist das alte Kraftwerk eines der frühen Flusskraftwerke in der Schweiz. Es konnte dank der Juragewässerkorrektion gebaut werden. Von den ehemals fünf Turbinen im alten Kraftwerk wird künftig nur noch eine laufen. Sie dosiert die Wassermenge, die in die neue Auenlandschaft fliesst. Zugleich wird auch diese Turbine noch Strom produzieren.

40 Prozent mehr Strom

Die Hauptproduktion von Strom erfolgt aber in den zwei grossen Turbinen im neuen Stauwehr. Zusammen mit zwei kleinen Turbinen, die gewissermassen ins Naturschutzgebiet eingebaut worden sind, laufen im Kraftwerk schliesslich fünf Turbinen. Damit produziert das Werk 40 Prozent mehr Strom als vorher. Trotzdem ist das 162 Millionen teure Werk nicht rentabel. Billiger Kohlestrom aus Deutschland und Subventionen für Sonnen- und Windenergie haben die Strompreise fallen lassen. Warum also wurde das Kraftwerk gebaut?

2004 war die Konzession für das bestehende, über 100-jährige Kraftwerk abgelaufen. Damals seien die Strompreise höher und das Geschäft lukrativer gewesen, sagt Thomas Richli, Leiter des Bauprojekts. Um vom Kanton eine neue Lizenz zu erhalten, mussten die BKW und ihre Partner allerdings eine ganze Reihe Auflagen im Zusammenhang mit Natur- und Denkmalschutz erfüllen. Bis die BKW dem Kanton ein bewilligungsfähiges Projekt vorlegte, vergingen Jahre. 2010 erteilte der Kanton die nötige Konzession, ein Jahr später erhielt die Stromgesellschaft die Baugenehmigung für das neue Projekt.

Sommerserie: D Aare ab



Die Lebensader des Kantons lässt niemanden kalt: In der diesjährigen «Bund»-Sommerserie folgen wir der Aare von ihrer Quelle beim Unteraargletscher bis zur Mündung in den Rhein. Auf den 288 Aare-Kilometern spüren «Bund»-Reporterinnen und Reporter die besten Aare-Stories auf - und werden dabei selbst nass. Ob kälteresistente Aare-Taucher, ungeduldige Fischer oder braungebrannte Marzili-Fanatiker, wir begleiten in den nächsten Wochen «Aare-Spezialisten» an ihren Lieblingsfluss.

www.aare.derbund.ch

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