Eine exklusive Reise mit der schlanken Dame

Die neu getaufte MS Thurgau Karelia eignet sich hervorragend für Fahrten auf Flüssen und Seen im Norden Russlands.

Zwischenhalt auf der Wolchow: In Staraja Ladoga liegt die MS Thurgau Karelia direkt neben einer Klosteranlage. Foto: Markus Dütschler

Zwischenhalt auf der Wolchow: In Staraja Ladoga liegt die MS Thurgau Karelia direkt neben einer Klosteranlage. Foto: Markus Dütschler

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wenn das nur gut geht! Das wünschen sich die beiden Frauen, die am Moskauer Flughafen Scheremetjewo die Schweizer Gäste abholen. Die Russinnen sind jung und arbeiten zum ersten Mal als Betreuerinnen für den Veranstalter Thurgau Travel auf dem umgebauten Schiff Thurgau Karelia. Bestimmt sind die meist älteren Gäste aus der Schweiz sehr fordernd, weil sie schon überall waren, denken die Russinnen. Mit heller Stimme lesen die Frauen die für sie fremd klingenden Schweizer Namen von einer Liste ab, doch im Lärm der Flughafenvorfahrt hört man fast nichts.

Darum nimmt Urs das Heft in die Hand. Der Schweizer Gast mit Militärerfahrung ruft laut die Namen aus, hört ein «hier!» und hakt die Teilnehmer auf der Liste ab. Am Retschnoi Woksal, am «Flussbahnhof» im Norden Moskaus, liegt die A.S. Popow vor Anker, benannt nach Ale­xander Stepanowitsch Popow (1859–1906), Physiker und Pionier der Funktechnik.

Getauft von der Apfelkönigin

Anderntags vor der Abfahrt zum Weissen Meer wird sie auf einen zusätzlichen Namen getauft: Die Thurgauer Apfelkönigin Melanie Maurer aus Sulgen wurde extra eingeflogen, um eine Flasche Schampanskoje an der Schiffswand der MS Thurgau Karelia zu zertrümmern.

Das Schiff ist das Werk solider DDR-Wertarbeit. In der volkseigenen Werft in Wismar lief es 1961 vom Stapel. Die Schiffsmotoren wurden vor 30 Jahren ausgetauscht. In weniger als einem Jahr hat es die in Nischni Nowgorod (früher Gorki) ansässige Reederei Gama durchgreifend erneuert. Enge Mehrbettkajüten wurden zu grosszügigen Kabinen mit modernen Nasszellen zusammengelegt. In 69 Kabinen finden heute 138 Passagiere Platz. Zum Glück ist die Pracht des alten hölzernen Interieurs nicht der Erneuerung zum Opfer gefallen, etwa im Oberdeck-Restaurant oder im Captain’s Corner.

Das erste Nachtessen an Bord steht an. Wieder sind die Crew-Mitglieder aufgeregt: Mögen die Schweizer die Kost, die der Chefkoch zubereitet? Die Mannschaft hat geprobt, damit die Gerichte einen russischen Charakter behalten, aber auch den Erwartungen der westlichen Gäste entsprechen. Ein Gerangel am Buffet entfällt, das Essen wird serviert.

An einem Tisch im unteren Restaurantteil findet mehrmals täglich ein schweizerisch-russisches KMU-Treffen statt. Das 96 Meter lange Schiff gehört dem Reeder Dimitri Galkin, der mit Frau und Tochter die Jungfernfahrt seines renovierten Schiffs mitmacht. Die Familie lebt in Nischni Nowgorod, vier Zugstunden von Moskau entfernt. Galkin gilt als erfolgreicher Unternehmer, der mit seiner Familie in einem russischen Business-Magazin kürzlich als erfreuliches Beispiel abgefeiert wurde. Mit einem einzigen gecharterten Schiff hatte Galkin vor 25 Jahren begonnen, inzwischen durchpflügen neun Gama-Dampfer die Wellen auf diversen russischen Strömen.

Sein Schweizer Gegenüber ist der 71-jährige Hans Kaufmann. Schon früh entwickelte dieser ein Faible für den Osten. Der Spross einer Bähnlerfamilie befuhr die Transsib in den 70er-Jahren. In den wilden postsowjetischen Zeiten der 90er-Jahre schaffte es Kaufmann als Kadermann eines Thurgauer Reiseunternehmens dank guter Verbindungen, den Orient-Express aus der Belle Epoque auf der russischen Breitspur verkehren zu lassen. Nach dem Konkurs seines Arbeitgebers machte sich Kaufmann selbstständig und gründete zusammen mit Gattin Ernestine 2001 in Weinfelden Thurgau Travel. Auch sie reist mit, ebenso Sohn Peter, der sonst in Burma die Thurgau-Travel-Flotte betreut. Kaufmann senior vertieft sich immer wieder in Landkarten und grübelt darüber nach, ob auf den blauen Linien auch eines der von ihm gecharterten Schiffe verkehren könnte.

Die Thurgau Karelia ist lediglich 14,3 Meter breit, weshalb die schlanke alte Dame die eng dimensionierten Kanäle und Schleusen des russischen Nordens befahren kann – laut Kaufmann eine Exklusivität im Markt. Der wortkarge Kapitän, dessen Gesundheit tagtäglich vom Schiffsarzt gecheckt wird, bietet jedes Mal sein ganzes Fingerspitzengefühl auf, damit das Schiff die Schleusenwände ohne Kratzer passiert. Die Thurgau Karelia gleitet aber auch über gigantische Gewässer wie den Ladoga-See. Er ist 33-mal so gross wie der Bodensee.

Böse Erinnerung an Stalin

Bei der Reise nach Norden über elf Flüsse und sieben Seen zum Weissen Meer befährt das Schiff auch den Weissmeer-Ostsee-Kanal. Man wird hellhörig, wenn man vernimmt, dass dieser bis 1961 Stalin-Kanal hiess. In der Tat war diese Wasserstrasse eines der vielen gigantomanischen Bauwerke, für die der Tyrann bedenkenlos Menschenopfer in Kauf nahm. Auf Schwarzweissbildern aus den frühen 30er-Jahren sieht man Gulag-Häftlinge, die mit simplen Schaufeln die Fahrrinne in den Granit-Untergrund graben. Es erstaunt nicht, dass sich die Zwangsarbeiter, denen pro Tag eine Elendsration von 1200 Kilokalorien zustand, zu Tode malochten.

Unterwegs ragt aus einer grossen Wasserfläche ein Kirchturm. Viele Dörfer wurden zugunsten von Stauseen geflutet – getreu nach Lenins Motto: Kommunismus, das ist Sowjetmacht plus Elektrifizierung. An einem anderen Reisetag legt das Schiff im Dorf Staraja Ladoga direkt neben einer Klosteranlage an. Die Glocken im Kirchturm bimmeln auf diese typisch russische, leicht scheppernde Weise. Ein weiter Himmel überspannt die Landschaft.

Und: Ging nun alles gut auf der langen Reise? Ja! Die junge Crew bot eine beglückende Begegnung mit einem für viele Passagiere bisher unbekannten Russland.

Die Reise wurde unterstützt von Thurgau Travel.

Erstellt: 11.07.2019, 18:49 Uhr

Artikel zum Thema

Verführerische Natur

Fjorde, Fjells und Fossen: Mit der MSC Meraviglia unterwegs zu den Schönheiten Westnorwegens. Mehr...

Wenn der Tourismus seine eigenen Grundlagen zerstört

Diese 12 beliebten Ferienziele bringt der Massentourismus an den Rand des Kollapses. Mehr...

Burgen, Barden und das andere Baltimore

Die 350 Einwohner des Hafenorts im Südwesten Irlands leben heute vom Tourismus. Zum harten Kern gehört auch eine Schweizerin. Mehr...

Flussreise in Russland

Kreuzfahrt: Zweiwöchige Reise «Über elf Flüsse und sieben Seen zum Weissen Meer» mit der MS Thurgau Karelia *** von Moskau nach St. Petersburg ab 20. 7. und 17. 8., in Gegenrichtung ab 3. 8. und 31. 8. Arrangement: Aeroflot-Flüge Schweiz–Russland u. retour, Unterkunft in Zweibett-Standardkabine ab 3390 Franken pro Person, inkl. VP und Ausflüge. Thurgau Travel: Tel. 0800 626 550 www.thurgautravel.ch

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Reparaturen am Schiff: Ein Mann arbeitet auf einer Werft entlang des Buriganga Flusses am südlichen Rand der Stadt Dhaka in Bangladesch. (15. Oktober 2019)
(Bild: Zakir Hossain Chowdhury/NurPhoto/Getty Images) Mehr...