Fester Boden unter den Füssen

Die Ultra-Trail-Läuferin Anne-Marie Flammersfeld will die höchsten Vulkane aller sieben Kontinente bezwingen.

Mit 5604 Metern höchster Vulkan Asiens und höchster Berg des Iran: Mount Damavand. Foto: Getty Images

Mit 5604 Metern höchster Vulkan Asiens und höchster Berg des Iran: Mount Damavand. Foto: Getty Images

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Die Besteigung des Ojos del Salado in Chile begann für Anne-Marie Flammersfeld im eigenen Bett. Zur Vorbereitung auf den höchsten Vulkan der Welt (6893 Meter über Meer) hatte die Ultra-Trail-Läuferin aus St. Moritz ein Höhentrainingszelt aufgestellt und sich so Nacht für Nacht sorgfältig an die Höhe akklimatisiert. Zu sehr steckte ihr die Erfahrung vom Pico de Orizaba in Mexiko in den Knochen.

2016 hatte sie bei der Besteigung mit Übelkeit, Kopfschmerzen und Atemnot gekämpft. «Man kann sich noch so gut an theoretische Vorgaben aus der Höhenmedizin halten. Wie der Körper unter realen Bedingungen reagiert, ist schwer einzuplanen», erinnert sich die gebürtige Deutsche. Am Schluss kam Flammersfeld kaum noch voran. «Zwei Schritte vorwärts, einen Schritt rückwärts», erzählt die gross gewachsene Sportlerin mit den blonden Haaren. Also musste sich Anne-Marie Flammersfeld eine andere Strategie überlegen, um ihr Ziel «Bottom up Seven Volcanic Summits» zu erreichen – vom tiefsten Punkt des jeweiligen Landes zum Gipfel des höchsten Vulkans aller sieben Kontinente mit reiner Muskelkraft: zu Fuss, auf dem Velo, mit dem Kanu oder mit Ski.

Alles begann in Ascona

Auf die Idee für diese Challenge ist sie mit ihren italienischen Trail-Partnern Giuseppe Mila­nesi und Alessio Piccioli gekommen, als sie 2013 zusammen inner halb von fünf Tagen vom tiefsten Punkt der Schweiz in Ascona (193 Meter über Meer) zum höchsten auf die Dufourspitze (4643 Meter über Meer) radelten und rannten. Die 41-jährige Diplom-Sportwissenschaftlerin mag Herausforderungen. Dabei ist die selbstständige Personal Trainerin und Fachreferentin erst vor wenigen Jahren, als sie nach St.Moritz zog, zum Extremsport gekommen.

Seit 2012 nimmt sie erfolgreich an internationalen Wettkämpfen im Ultra-Trail-Running und an Etappenwettkämpfen teil. Als erste Frau weltweit gewann sie das 4 Deserts Race. 1000 Kilometer durch die extremsten Wüstenlandschaften der Welt: von der Sahara über die Wüste Gobi und die Atacama-Wüste bis in die Antarktis. Berechtigter Stolz kommt auf, wenn Flammersfeld davon erzählt. «Ich liebe es, mir immer wieder neue Ziele zu setzen.»

Anne-Marie Flammersfeld am Mount Damavand. Foto: All Mountain Fitness

Ihr aktuellstes Projekt will sie ganz ohne Wettkampfgedanken erreichen. «Es geht mir um das Erleben in der Gruppe. Bei meinen Wettkämpfen bin ich allein unterwegs. Bei diesem Projekt darf ich aber alles zusammen teilen: gute und schlechte Momente.» Nur das Velofahren ist für sie nicht gerade eine Lieblingsdis­ziplin: «Ich muss festen Boden unter den Füssen spüren.»

Technisch sind die Vulkane zwar weit weniger schwierig zu besteigen als Berge. «Aber auch auf Lava und Geröll kann es sehr anstrengend werden.» Die grösste Herausforderung ihres Projekts ist die Logistik vor Ort. Im Vorfeld rekognosziert das Team die Strecke auf Google Maps, soweit das möglich ist. «Doch wie der Zustand von Strassen und Trails ist, erfahren wir erst, wenn wir unterwegs sind.» Der Reiz sei auch, dass sie immer wieder auf unerwartete Probleme stossen. Die Wahl-Engadinerin erinnert sich an eine Episode am Pico de Orizaba, als Kollege Beppe auf einer Bergetappe einen Defekt am Veloschlauch beklagte. «Die Reparaturaktion hat uns einen halben Tag Zeit gekostet, weil wir das Loch im Schlauch nicht finden konnten. Wir wurden schliesslich in ein Bergdorf zu zwei Kindern geführt, die das Loch flickten», erzählt sie lachend.

Lava und Geröll als Herausforderung

Weil die Trail-Runnerin inter­national gut vernetzt ist, kann sie auf Freunde vor Ort zählen. Sie kehrt in Gedanken ins Jahr 2014 zurück, als die Bezwingung des Mount Damavand im Iran anstand. «Freunde haben uns Unterkünfte, Essen und Route organisiert und uns auf dem Trip begleitet.» Froh seien sie um die Tipps gewesen, weil der Weg auf den Vulkan mit kleinen Kratern übersät war. Aber auch die schwefelhaltige Luft hatte dem Trio zu schaffen gemacht. «Man riet uns, Limetten unter die Oberlippe zu stecken.»

Es ist einerseits der sportliche Aspekt, der Anne-Marie Flammersfeld am Vulkane-Projekt reizt. «Auf der andern Seite lerne ich die Länder dadurch mit ganz anderen Augen kennen.» Bei dieser Form des Reisens sei man stark auf die Hilfe Einheimischer angewiesen. Flammersfeld: «Das ist sehr spannend, weil man einen kleinen Einblick in das Leben anderer Kulturen bekommt.» Zum Beispiel in Tansania, wo das Trio den Kilimandscharo bestieg.

2015 rannte die Ultraläuferin Anne-Marie-Flammersfeld in 8 Stunden und 32 Minuten auf den Kilimandscharo. Video: Duesudue, Bearbeitung: Tamedia

Doch manchmal drückt der Wettkampfgeist durch. Als sie den höchsten Berg Afrikas bezwang, stellte sie nebenbei einen Speed-Rekord auf, indem sie von 1800 bis auf 5890 Meter über Meer in 8,5 Stunden lief. Dieser Rekord sei aber schon wieder gebrochen worden, meint die Läuferin und lacht. «Es ist zwar nicht mein primäres Ziel, irgendwelchen Rekorden hinterherzurennen, aber wenn es sich ergibt, packe ich die Chance schon.»

Nach Damavand, Kili­man­d­scharo, Pico de Orizaba und Ojos del Salado steht für 2020 der nächste Vulkan an: der Elbrus in Russland, den Anne-Marie und die beiden Kollegen vom Schwarzen Meer aus besteigen wollen – die ersten 600 Kilo­meter per Velo, anschliessend zu Fuss. Doch angesichts der ak­tuellen Klimadebatte stelle auch sie sich die Frage, ob solche Projekte ethisch noch vertretbar seien. Kein Zweifel: Die Extremsportlerin wird den richtigen Weg finden.

www.allmountainfitness.ch; www.annemarieflammersfeld.blogspot.com

Erstellt: 24.10.2019, 17:39 Uhr

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