Sommer in Sibirien

In Irkutsk scheint die Sonne an über 200 Tagen. Zu Besuch in der Region, die ohne Moskaus Mondäne und die WM auskommt.

Malerisch und schön bunt: Das Zentrum von Irkutsk mit seinen historischen Bauten. Foto: iStockphoto, Getty Images

Malerisch und schön bunt: Das Zentrum von Irkutsk mit seinen historischen Bauten. Foto: iStockphoto, Getty Images

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Felix Baumann trägt Shorts und T-Shirt, dazu ein Strahlen im Gesicht: «Willkommen in Sibirien!» Er steht am frühen Morgen am Flughafen von Irkutsk und verspricht einen heissen Tag, mindestens 30 Grad Celsius. Hitze in Sibirien? Tatsächlich? Hat man von der Gegend nicht ein anderes klimatisches Bild im Kopf? Sieht man nicht ständig Eiszapfen vor dem geistigen Auge, den zugefrorenen Baikalsee, dick eingepackte Menschen?

Der bald 42-jährige Baumann wuchs im Jura auf, in Lausanne studierte er Germanistik, Slawistik und Ethnologie, längst spricht er perfekt Russisch.

Der Jurassier hat sich in Irkutsk eine Existenz aufgebaut. Er ist Mitbegründer der Sprachschule Liden & Denz Intercultural Institute of Languages, die er seit Anfang 2017 führt. Er beschäftigt 25 Lehrer, die Russisch und andere Sprachen unterrichten. Und er ist glücklich: «Ich möchte sicher zehn Jahre lang hier bleiben.» Mit seiner russischen Freundin kann er sich eine schöne Wohnung für 500 Franken Miete leisten. Für viele wäre das nicht erschwinglich: Der durchschnittliche Monatslohn beträgt keine 500 Euro.

Bloss: Wieso Irkutsk? Die Stadt liegt 4200 Kilometer Luftlinie östlich von Moskau, 5½ Flug- oder 72 Zugstunden sind es von der Hauptstadt dahin. Und die Uhr wird 5 Stunden vorgestellt.

Vielleicht ein Spion?

Baumann spürt anfänglich Misstrauen bei den Leuten: ein Schweizer in Irkutsk, erst noch einer, der die Sprache beherrscht – vielleicht ist er ein Spion! «Es war für sie völlig unverständlich. Aber ich suchte etwas Aussergewöhnliches. Und fand es», sagt er, «ausserdem scheint die Sonne oft.» Laut Statistik ist das an mehr als 200 Tagen pro Jahr der Fall. Und die Gegend bietet die Weite, die Baumann so schätzt. Die Verwaltungseinheit Irkutsk ist flächenmässig grösser als Deutschland, zählt aber nur 2,5 Millionen Menschen.

Die Universitätsstadt mit 620'000 Einwohnern hat sich herausgeputzt für die Zeit, in der das Leben im Freien stattfindet. Am Ufer des Angara-Flusses. Im «130-Grad-Viertel» mit seinen historischen Gebäuden und Restaurants. Am Kirowplatz oder auf dem Zentralmarkt, wo der Schlüsselmacher seinen Platz neben dem Metzger hat, der mit einem Beil gerade grosse Fleischstücke zerlegt. Eine Frau hat auf einem Tisch kunstvoll verzierte Löffel ausgebreitet, ihr Nachbar schenkt Kwas aus, ein erfrischendes Brotgetränk.

«Wir sind anders als die Moskauer, wir sind nicht hochnäsig.»Olga Korolenko, Fremdenführerin

Untrennbar verbunden ist Irkutsk mit der Transsibirischen Eisenbahn, die auf dem Weg von Moskau nach Wladiwostok hier haltmacht, und mit dem Baikalsee, der mit 1642 Metern der tiefste See der Erde ist.

«Wir sind Sibirier!»

«Es gibt das Klischee des verschlossenen Russen. Das passt nicht zu uns, wir sind sehr offen, nett und gastfreundlich», sagt Olga Korolenko, die in Deutschland und Österreich studiert hat. Als Fremdenführerin ist sie darum bemüht, Werbung zu machen. Für einen Ort, der zu Russland gehört, der aber so weit weg vom schicken Moskau ist, dass man denken könnte, die Irkutsker würden sich vergessen und verlassen vorkommen. «Nein», winkt Korolenko ab, «aber wir sind anders als die Moskauer, wir sind nicht hochnäsig.» So denkt sie, so redet auch Bogdan Kolchin, ein 21-Jähriger, der tagsüber einer von 120'000 Studenten ist und abends in der Bar Molchanov Getränke mixt. Mit kräftiger Stimme sagt er: «Wir sind Sibirier! Stolze Sibirier!»

«Für einen Schweizer ist es einfacher, sich in Irkutsk zu integrieren, als es für einen Deutschschweizer in den Achtzigern im Jura war.»Felix Baumann

Baumann stellt einen Mentalitätswandel fest. Als er 2004 an der Universität in Irkutsk zuerst ein Jahr als Praktikant und dann bis 2007 als Französischlehrer arbeitete, begegnete er einer Generation von Menschen, die im Kommunismus gross geworden waren und nach dem Zerfall der Sowjetunion litten, «weil sie Komplexe hatten: Im Ausland ist sowieso alles besser.» Die jungen Russen hingegen würden selbstbewusst auftreten und Offenheit gegenüber Neuem, Fremdem zeigen. «Für einen Schweizer ist es einfacher, sich in Irkutsk zu integrieren, als es für einen Deutschschweizer in den Achtzigern im Jura war», sagt er grinsend. Wissen muss Baumann es ja: Seine Eltern zogen mit ihm 1978 von ­Zürich nach Pruntrut.


Bilder: Russlands Jahrhundert-Winter (2012)


Bald beginnt im Land die Fussball-Weltmeisterschaft, ein Anlass von globaler Strahlkraft. Aber davon ist Sibirien ausgeschlossen, gespielt wird im Westen. Überhaupt, sagt Korolenko, würden sich viele fragen: Warum wird so viel Geld für eine Sportveranstaltung ausgegeben? Und warum nicht für Strassen, für das Gesundheitswesen? Barman Kolchin stört sich zwar nicht daran, dass Russland Gastgeber ist, aber seine Erwartung ist bescheiden. Weil die eigene Mannschaft Sorgen macht: «Sie wird von vielen ausgelacht.»

Fussballschauen beim Belgier

Felix Baumann schaut gerne Fussball, er wird während der WM in der Brasserie BBB bei Benoit vorbeischauen, einem befreundeten Belgier und Gastronomen. Aber genauso gerne wird er nach Listwjanka fahren, in dieses malerische 2000-Seelen-Örtchen, das 70 Kilometer südöstlich von Irkutsk am Baikalsee liegt. Manchmal wandert der Auswanderer auf der Trekkingroute das «Heilige Meer» Sibiriens entlang. Oder er wagt sich nach einem Saunagang ins eiskalte Wasser.

Und irgendwann kommt der Tag, an dem es vorbei sein wird mit Sommergefühlen und wieder bittere Kälte dominiert. Im Januar zeigte das Thermometer einmal minus 47 Grad an.

Baumann hat sich an die Temperaturunterschiede gewöhnt – und heute trägt er ja ohnehin T-Shirt und Shorts.

Die Reise wurde unterstützt von Atlas-Reisen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.06.2018, 23:16 Uhr

Irkutsk

Russisch lernen

Anreise Mit Aeroflot via Moskau nach Irkutsk: www.aeroflot.ru

Veranstalter Sibirienprogramme und Transsibirische Eisenbahn buchbar beim Russlandspezialisten Atlas Reisen, Tel. 044 259 80 95, www.atlas-reisen.ch; Sprachaufenthalte bei Linguista, www.linguista.ch

Sprachkurs 2 Wochen Russisch in der Sprachschule Liden & Denz in Irkutsk mit 20 Lektionen pro Woche kosten ab 560 Euro, dazu eine Einschreibegebühr von 120 Euro. Die Unterkunft bei einer Gastfamilie mit ­Frühstück gibt es ab 420 Euro.

Einreisebestimmungen Für Russland ist ein Visum erforderlich. Erhältlich beim russischen Konsulat oder über Atlas Reisen.

Allgemeine Infos www.eu-asien.de

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