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«Kuoni ist der Mercedes der Reisebranche»

Dieter Zümpel, Chef von DER Touristik Suisse, über Badeferien in Albanien, ökologisches Reisen und Billig-Airlines.

Christoph Ammann
«Unsere Branche hat auch eine gesellschaftspolitische Verantwortung»: Dieter Zümpel will die Marken Kuoni und Helvetic Tours wieder auf Kurs bringen.

Sind Sie der Retter von Kuoni?

Der Reiseveranstalter schrieb zwischen 2013 und 2015 jährlich Millionenverluste. Bei meinem Amtsantritt 2016 waren die Mitarbeiter total verunsichert. Dass Kuoni Reisen von einem deutschen Konzern übernommen wurde, hinterliess Fragezeichen. Und dann kam auch noch ein deutscher CEO. Ich bin aber sicher nicht der einzige Retter von Kuoni. Wir erbrachten eine Teamleistung.

Die aktuelle Lagebeurteilung des deutschen Chefs?

Die Mannschaft hat längst erkannt, dass DER Touristik Kuoni gerettet hat. Die deutsche Mutter engagiert sich in der Schweiz strategisch, mit langfristigen Zielen. Sie hat den Betrieb während dreier Jahre sichergestellt. Heute sind die Verluste fast ganz abgebaut. Hätten wir nicht kräftig investiert, wäre eine schwarze Null bereits 2018 Tatsache geworden.

Wie stehen die Aussichten für das laufende Jahr?

Obwohl die Buchungen noch etwas verhalten eintreffen, spricht nichts dagegen, dass wir in diesem Jahr den Turnaround definitiv schaffen werden.

«Warum sollen wir den Kunden nicht die Koffer packen oder das Haus hüten?»

Wie positioniert sich DER Touristik Suisse im Vergleich zu den Mitbewerbern?

Wir haben Marktanteile gewonnen und sind auf bestem Weg, den Ruf, den Kuoni einst besass, zurückzugewinnen. Aber wenn wir in drei bis fünf Jahren nicht erneut in schwieriges Fahrwasser geraten wollen, müssen wir jetzt die Zukunft gestalten.

Welche Themen setzen Sie auf die Agenda?

Mitentscheidend für unseren Erfolg werden Beratung und Betreuung der Kunden sein. Wir müssen über unser Dienstleistungsportfolio nachdenken und über Zusatzangebote. Warum sollen wir unseren Kunden nicht die Koffer packen oder während der Reise das Haus hüten? Und natürlich muss der Gast über unsere App die besten Vorschläge für Ausflüge und den Besuch von Events an der Destination bekommen.

Haben Pauschalreisen im Onlinezeitalter überhaupt noch eine Chance?

Wir müssen die Vorteile von Pauschalreisen deutlicher kommunizieren. Jede Airline-Pleite, die gestrandete Passagiere hinterlässt, verdeutlicht die Vorzüge einer Veranstalterreise.

Werden Sie die Marken Kuoni und Helvetic Tours ändern?

Nein. Standardisierte Pauschalreisen von Helvetic Tours müssen sich in Konkurrenz mit den Mitbewerbern behaupten, sie sind wenig beratungsintensiv und sollen sich über kurz oder lang vor allem online verkaufen. Kuoni dagegen ist Anbieter von Luxus-Pauschalreisen und Bausteinen, mit denen man individuelle Reisen zusammenstellt. Die Marke Kuoni gehört zu den bekanntesten der Schweiz, gilt aber zu Unrecht als zu teuer. Dank der Synergien mit unserem Mutterhaus und dessen Einkaufsmacht sind Kuoni-Reisen günstiger geworden. Wir haben Kuoni einem breiteren Publikum zugänglich gemacht.

Kuonis Portfolio umfasst nun auch Viersternhotels: Werten Sie die Marke ab?

(reagiert heftig) Kuoni ist der Mercedes der Reisebranche. Uns wirft man vor, die Marke Kuoni zu verwässern. Bei Mercedes hingegen stört sich niemand an der günstigeren A-Klasse.

Bereitete Ihnen der Job bei DER Touristik Suisse vom Start weg Spass?

Angesichts der Fülle an Baustellen dachte ich nach zwei Wochen in Zürich: Warum tust du dir das nur an! Aber je mehr sich meine Mitarbeitenden und ich mich ins Zeug legten, umso besser wurde es. Wichtig war, den Mitarbeitenden wieder Halt und Vertrauen zu geben. Heute kann ich sagen: Wir haben alle Ziele erreicht.

Wie lange werden Sie das Schiff in Zürich noch lenken?

Ich habe eben für drei weitere Jahre zugesagt. Ich möchte mithelfen, DER Touristik Suisse in die Zukunft zu führen.

Und wie bringen Sie das Sommerferiengeschäft wieder in Schwung?

In der Tat registrieren wir eine spürbare Zurückhaltung. Offenbar erinnern sich die Leute an den wunderbaren Sommer 2018 und warten mit Buchen ab. Vielleicht spielen auch die unsicheren Wirtschaftsprognosen eine Rolle.

Welche Destinationen schwächeln, welche boomen?

In den vergangenen drei Jahren schnellten die Buchungszahlen im westlichen Mittelmeer in die Höhe, etwa in Spanien und Italien. Das belastete, gerade auf Mallorca, die Infrastruktur über Gebühr; die Preise stiegen. Im Gegenzug verloren Destinationen im östlichen Mittelmeer und in Nordafrika Gäste, vor allem aus politischen Gründen. Jetzt erleben wir eine Gegenbewegung. Ägypten und die Türkei legen massiv zu, Mallorca läuft weniger gut als im Vorjahr.

Dabei hat sich in der Türkei wenig geändert, Erdogan gibt weiter den Autokraten.

Offenbar gewöhnt sich der Feriengast an diese Umstände, wobei sich die Türkei seit dem Putschversuch gegen Erdogan stabilisiert hat. Der Gast will sich das unschlagbare Preis-Leistungs-Verhältnis in der Südtürkei nicht entgehen lassen.

Was halten Sie von der neuen Destination Albanien?

Die Strände sind schön, an Infrastruktur und Service muss man jedoch noch arbeiten. Albanien kommt mir vor wie Kroatien vor zwanzig Jahren.

«Langfristig sehe ich einen Trend in Richtung ökologisches Reisen.»

Wie gehen Sie mit den Veränderungen im Airline-Markt um?

Das Thema beschäftigt uns sehr; die Branche steckt in einem Konzentrationsprozess. Wir halten aber etwa an der Zusammenarbeit mit der Germania Flug AG fest, die nun zu hundert Prozent in Schweizer Hand und unabhängig ist von der gegroundeten Germania in Deutschland. Wir hoffen, dass unser Vertrauen belohnt wird.

Klimawandel ist das Thema der Stunde. Spüren Sie Auswirkungen auf das Reisegeschäft?

Kurzfristig nicht, langfristig sehe ich einen Trend in Richtung ökologischeres und nachhaltigeres Reisen. Die Kunden fragen zunehmend nach dem ökologischen Fussabdruck. Das begrüsse ich sehr.

Haben Sie aufgeatmet, als der Nationalrat die CO2-Abgabe auf Flugtickets versenkte?

Aus betriebswirtschaftlicher Sicht war ich froh. Die Abgabe hätte das Reisen verteuert. Aber als gesellschaftspolitisch interessierter Mensch stelle ich schon Fragen: Warum bleibt Kerosin als einzige Energieart steuerfrei? Und was ergeben Flugtickets für zwanzig oder fünfzig Franken für einen Sinn? Unsere Branche hat auch eine gesellschaftspolitische Verantwortung und muss sich den Diskussionen um ökologischere Reiseformen, Overtourism oder Lowcost-Airlines stellen.

Werden Sie eine moralisch vertretbare Untergrenze für Last-Minute-Angebote festsetzen?

Wir befinden uns in einem harten Wettbewerb. Einerseits gibt es immer mehr Leute, die auf Pauschalreisen verzichten und sich im Netz Billig-Airlines und Hotels suchen. Auf der anderen Seite haben wir Kontingente für Flugsitze und Hotelzimmer gesichert, die wir absetzen müssen. Wenn wir aus moralischen Gründen die Preise verteuern, fliegen wir aus dem Markt.

Was tragen Sie bei zu einer besseren Welt?

Als Unternehmen stecken wir gerade in einem Zertifizierungsprozess. Wir bemühen uns um ein international anerkanntes Nachhaltigkeitssiegel. Eine Auswahl der Massnahmen: Wir verwenden Sparlampen im Büro, trennen Abfall, wenden nachhaltige Kriterien bei der Auswahl von Hotels an und verzichten auf Programme, die nicht dem Tierwohl dienen, etwa auf Delfinshows.

Wie spürt der Kunde die Bemühungen?

Wir werden ihn noch aktiver auf die Möglichkeit einer CO2-Kompensation aufmerksam machen. Natürlich können wir nicht die ganze Welt retten, aber sich als Unternehmen auf den Weg zu mehr Ökologie zu begeben, ist schon einmal ein Bekenntnis. Nachhaltigkeit ist eines unserer wichtigsten strategischen Zukunftsziele.

Werden Sie auf Städteflüge nach New York mit verheerendem ökologischem Fussabdruck verzichten?

Wir schreiben den Kunden nicht vor, was sie zu tun haben. Wir wollen sie bestmöglich beraten.

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