Kanäle, Kolumbien und das Kreuz des Südens

Die Reisespezialisten der SonntagsZeitung über An- und Abtörner im Reisejahr 2017 und ihre Wunschziele 2018.

Für Reporterin Chris Winteler eine Reise in die Kindheit: Auf dem Katthult-Hof wurde Lindgrens «Michel aus Lönneberga» verfilmt. Foto: Moritz Hager

Für Reporterin Chris Winteler eine Reise in die Kindheit: Auf dem Katthult-Hof wurde Lindgrens «Michel aus Lönneberga» verfilmt. Foto: Moritz Hager

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Chris Winteler: Michel und ein Muscle Car

Eine Reise in die Kindheit, zu Michel aus Lönneberga im Süden Schwedens, wurde zum schönsten Erlebnis 2017. Hier auf dem Katthult-Hof sind die Streiche des strohblonden Buben verfilmt worden: rote Häuschen umgeben von Kirschbäumen. Hier die Fahnenstange, an der Michel seine Schwester, die kleine Ida, hochgezogen hat. Dort das Plumpsklo, wo er seinen strengen Vater eingesperrt hat. Und der Holzschuppen, wo der liebenswerte Bengel seine Strafe absitzen musste und dabei viele, viele Holzmännchen schnitzte. «Sing dudeldei, sing dudeldei . . .» – natürlich waren wir in der Provinz Småland in einem Volvo unterwegs.

Nicht in guter Erinnerung bleibt das Autofahren an der Ostküste der USA. Wie liebten wir doch das entspannte Cruisen im feuerroten Ford Mustang, der uns sicher durch den Wilden Westen brachte. Unser galoppierendes Pferdchen bekam viel Lob on the road, diente als bestes Vehikel, um mit Einheimischen ins Gespräch zu kommen. Jetzt, von Boston bis hoch nach Maine, war alles anders. Der Mann von Alamo drehte uns einen Dodge Challenger an, Farbe Patronengrau. Das hässliche Gefährt passte zur Fahrweise an der Ostküste: kein entspanntes Cruisen, kein Thumbs up für unseren «muscle car». Im Osten steuert man «vernünftige» Autos. Mit diesen fährt man dicht auf und hupt aggressiv – ganz wie daheim.

Mein Wunschreiseziel? Immer das nächste. Also Florida – nach dem Sturm. Das Programm für Clearwater und St. Petersburg am Golf von Mexiko steht. Bloss die Frage nach dem passenden Auto ist noch nicht geklärt.

Christoph Ammann: Passion für Kanäle Kanalfahrt in Schleswig-Holstein. Foto: Shutterstock

Ich oute mich als – Fan von Kanälen. Bin dieses Jahr auf schiffbaren Wasserstrassen in den Niederlanden gefahren und genoss als Höhepunkt des Reisejahres die Passage des Nordostsee-Kanals. Privat weile ich oft im ­Norden von Schleswig-Holstein. Zum Erholungsprogramm gehört ein Spaziergang am Kanal. Für einmal durfte ich unter der berühmten Eisenbahnbrücke von Rendsburg durchfahren, erlebte vom Wasser aus gleich die längste Sitzbank der Welt und mein Lieblings- Eiscafé mit der leckeren Kirschen­glace. War das ein Glück, welches die Offiziere auf der Brücke der MS Europa 2 akustisch mit dem eifrigen Betätigen der Schiffssirene untermalten.

Das schlimmste Reiseerlebnis wiederholt sich, leider, jeden Abend nach Büroschluss: Als Blinder bin ich auf die taktilen Leit­linien in den Bahnhöfen angewiesen – nur fehlen diese auf dem unterirdischen Perron der Sihltal-Zürich-Uetliberg-Bahn am HB Zürich. Es ist für mich praktisch ­unmöglich, im Gedränge der Pendler von Gleis 21 oder 22 aus die Rolltreppen zu finden. Wenn ich mich nicht derart ärgern müsste, würde ich mich fremdschämen für die reiche Stadt Zürich, die hier unten Mumbai oder Maputo gleicht.

Aber es gibt die Aussicht auf neue Reisen 2018: Kanal-Fan Ammann will unbedingt mit einem Flussdampfer den Main-Donau-Kanal meistern.

Daniel J. Schüz: Ballett der Wale Eine Kreuzfahrt in die Antarktis. Foto: PD

Beide Erlebnisse liegen nur zwei Tage auseinander. Ich begleitete als «Bord-Blogger» eine Leserreise in die Antarktis und berichtete in täglichen Online­reportagen über die Expedition. Der letzte Abend im Reich der Pinguine. Die MS Bremen nimmt Kurs auf Kap Hoorn. Da klatscht, nahe an der Bordwand, die Fluke eines Buckelwals aufs Wasser. Auf der anderen Seite taucht ein zweiter prustend auf. Und dort hinten noch einer. Zwanzig? Dreissig? ­Unmöglich, alle zu zählen. Schweigend stehen wir an der Reling. ­Tränen fliessen – und das liegt nicht nur am beissenden Wind. Wir sind mittendrin im wundersamen Ballett, das die Wale uns zum Abschied schenken.

Schon zu Beginn der Reise hat Claude Nicollier – der Astronaut ist als Lektor an Bord – vom Kreuz des Südens geschwärmt, jenem ­legendären Sternbild, das einst den Seefahrern eine wichtige Navigationshilfe war. Doch die Nächte sind kurz – und der Himmel bleibt bedeckt.

Im letzten Moment im Hafen von Ushuaia steht Nicollier winkend am Pier: «Schnell! Kommt alle raus!» Die Wolken haben ein Fenster geöffnet und geben den Blick in den Nachthimmel frei. Als die ersten Passagiere zu ihm eilen, prescht ein Auto heran. Zwei Sicherheitsbeamte steigen aus und schicken uns wild gestikulierend aufs Schiff zurück. Das Kreuz des Südens bleibt ein Wunschtraum. So bleibt mein Wunschreiseziel vage: an Bord eines Schiffs. Am Himmel das Sternenkreuz. Kurs Süd – so weit die Wellen tragen.

Thomas Zemp: Flucht vor Skorpionen Strassenküche in Thailand. Foto: Thomas Zemp

Freunde und Arbeitskollegen erklären mich einmal im Jahr für verrückt: Wenn ich abreise, um in den ­Ferien zwei Wochen in einem Restaurant in Thailand ein Praktikum zu machen. Das heisst: zehn bis vierzehn Stunden Arbeit in einer feuchtheissen Küche mit Temperaturen von weit über 30 Grad Celsius. 2017 gings zu Chef Nhoom nach Udon Thani. Es war schlicht grossartig. Die Freunde wiederum haben sich ­gefreut, als ich zurück war und für sie kochte . . .

Und das schlimmste Reiseerlebnis 2017? Skorpione. Nicht die Tiere an sich, sondern die deutschen Schmachtrocker Scorpions. Auf den Philippinen sind sie ganz grosse Helden. An der Poolbar im ­Limar Beach Resort auf der Insel Negros liefen «Wind of Change», «Rock You Like a Hurricane» und all ihre anderen Hits ohne Unterbruch in voller Lautstärke und beschallten die wenigen Bungalows gleich mit. Das Schlimmste: Es gab kein Entrinnen. Das Kaff selbst war so klein, dass man es in ein paar Minuten gesehen hatte. Und faustgrosse Steine sorgten dafür, dass man kaum ins Meer kam. Blieb der Pool. Mit den grossen Boxen davor.

2018 möchte ich unbedingt mal wieder auf den Pilatus. Eigentlich müsste ich ihn gleich dreimal besteigen. Denn mit 15 Jahren hatte ich beschlossen, den Luzerner Hausberg einmal jährlich zu bezwingen. Die letzten drei Jahre haben ich das irgendwie verpasst.

Brigitte Jurczyk: Glücksgefühle im Eismeer Longyearbyen auf Spitzbergen. Foto: Shutterstock

Das Schiff hatte in Longyearbyen auf Spitzbergen angelegt. Ich lief zum Strand. Dort zog sich einer der mit­reisenden Chinesen die Kleidung aus und schwamm ins Meer hinaus. Ich dachte: «Was der kann, kann ich auch.» Das Wasser war kälter als erwartet. Ab zur nächsten Eisscholle, eine kurze Umarmung fürs Erinnerungsbild und schnell zurück. Beim Nachtessen erfuhr ich: Der Chinese, dem ich nachgeeifert ­hatte, war mal Weltmeister im Eisschwimmen gewesen.

Das schrecklichste Reiseerlebnis 2017 hat indirekt auch mit einem Schiff zu tun: Mit einem ­Kabinennachbarn liess ich die ­Seine-Tour an Deck des Flusskreuzfahrtdampfers Revue passieren. Das Gespräch kam plötzlich darauf, wie leicht es doch wäre, ein Sprengstoffpaket von einer Brücke auf passierende Schiffe zu werfen. Später in der Nacht wurde ich durch einen explosionsartigen Knall aus dem Schlaf gerissen: Jetzt war es also passiert! Aber die MS Seine Comtesse fuhr unaufgeregt weiter. Am nächsten Morgen lag die Erklärung verbeult auf dem Deck: Die Reling war bei der Passage einer der Pariser Brücken gegen den Beton geknallt und abgerissen.

Mein Wunschreiseziel 2018 liegt unterirdisch: Seit 33 Jahren lebe ich in Hamburg, aber ich habe immer noch nicht die Zeit gefunden, die Unterwelt dieser wunderbaren Stadt zu entdecken.

Beat Eichenberger: Skifahren in Kolumbien St. Helena, die Exilinsel von Napoleon. Foto: Shutterstock

Gestrandet auf einem kargen Vulkanüberrest mitten im Süd­atlantik – dieses Gefühl der Abgeschiedenheit bei der Ankunft auf St. Helena war die beeindruckendste Reiseerfahrung des Jahres. Bis anhin war das letzte Exil Napoleons nur alle paar Wochen mit einer fünftägigen Schiffsreise erreichbar. Diese Isolation prägte die äusserst freundlichen Insulaner. Inzwischen haben Linien­flüge den Dienst zum neuen Flughafen von St. Helena aufgenommen, das Postschiff quittiert bald den Dienst – Zeitenwende für das entlegene Eiland.

Für die Enttäuschung des Jahres sorgte Petrus persönlich, der sich zum Saisonbeginn 2016/17 mit Schnee in den Bergen äusserst knausrig zeigte. Da half der Einsatz von Schneekanonen wenig: Aggressive Kunstschneepisten sind nun mal kein Ersatz für genussvolle Freeride-Runs im Pulverschnee.

Der Friedensprozess zwischen der Farc und der aktuellen Regierung in Kolumbien ist zwar noch jung, aber auch für Besucher vielversprechend. Kolumbien ist mein Wunschziel 2018. Dass an der ­Karibikküste die Sierra Nevada de Santa Marta bis 5700 Meter in die Höhe ragt, weckt zudem Gelüste: Sind wohl Skiplausch am Morgen und Strand-Apéro am Nachmittag machbar?

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 29.12.2017, 16:35 Uhr

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