Rom wird niemals werden wie Zürich, hoffentlich

Ist die italienische Metropole wirklich eine einzige «Mülldeponie», wie Zeitungen schreiben? Über das Leben in dieser verrückten Stadt.

Rom hat schon bessere Tage erlebt: Passanten schauen über den Fluss Tiber Richtung Petersdom. Foto: Getty Images

Rom hat schon bessere Tage erlebt: Passanten schauen über den Fluss Tiber Richtung Petersdom. Foto: Getty Images

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Bei uns machen jetzt die Männer der G 8 sauber. So heisst die Abteilung der Haftanstalt Rebibbia, die zum Aufräumen in der Hauptstadt eines der reichsten Länder der Welt abkommandiert wurde. Kurz vor der Entlassung stehend, sozial nicht gefährlich, säubern die G-8-Häftlinge die Piazza Vittorio Emanuele II, Roms grössten Platz, gelegen zwischen Bahnhof Termini und Kolosseum. Heruntergefallene Zweige und Äste von den Platanen wegräumen, die Bürgersteige fegen, den Müll aufsammeln, das alles erledigen die Häftlinge, ausserdem sollen sie neue Zebrastreifen und Parkbuchten auf das Pflaster pinseln. Fünf Tage lang, reichen wird das nicht.

Die Piazza Vittorio, wie die Römer sie nennen, ist ein Augiasstall. Knapp 40'000 Quadratmeter, in der Mitte ein kleiner Park mit den Resten eines antiken Aquädukts, einigen esoterischen Figuren aus dem Barock, einem dauertrockenen Brunnen mit Delfinen und Tintenfischen, den alle nur fritto misto nennen. Dazu kränkelnde Palmen, zwei altmodische Kinderkarussells, und fertig ist das römische Sammelsurium, überzogen mit Staub, Blättern vom vorvorletzten Herbst, leeren Bierflaschen und achtlos weggeworfenem Verpackungsmüll. Auf dem Spielplatz ist kein Kind, dafür sitzen oder liegen neun Erwachsene auf den Bänken. Es riecht streng nach Mann oder Hund.

«Ein Römer ist derart deprimiert von dem Chaos, in dem er lebt, dass er den traurigen Zustand seiner Stadt gar nicht mehr bemerkt.»Massimiliano Tonelli, Blogger

Im Park der Piazza Vittorio wird gespielt und geschlafen, gedealt und getrunken, es wird auch getanzt, manchmal sogar Walzer, von rosa gekleideten, chinesischen Frauengruppen, und mehr oder weniger verstohlen gepinkelt. Ich kann das alles aus dem Wohnzimmerfenster sehen, weil ich seit vielen Jahren mit meiner Familie in einem der grossen Gründerzeithäuser wohne, die den Platz säumen, vierter Stock, hohe Decken. An klaren Tagen reicht der Blick bis in die Sabiner Berge, und die Piazza Vittorio sieht von hier oben aus wie eine kunstvoll kombinierte Bühnenlandschaft. Nicht ganz geräuschlos, weil der brüllende Verkehrslärm auch durch die geschlossenen Fenster dringt. Aber wenigstens ohne Gestank.

Die «New York Times» hat kürzlich ausführlich darüber geschrieben, dass Rom nicht gut riecht. Die Stadt sei total heruntergekommen, wie eine riesige Mülldeponie. Der Autor des Artikels liess sich auf seinen Streifzügen von Massimiliano Tonelli begleiten, Roms derzeit bekanntestem Blogger. Tonellis Blog heisst «Roma fa schifo», Rom ist widerlich. Er fragt den amerikanischen Journalisten, was er gerade sehe. «Graffitis und Abfall», antwortet der. Und Tonelli: «Genau. Ein Römer würde das gar nicht mehr sehen. Ein Römer ist derart deprimiert von dem Chaos, in dem er lebt, dass er den traurigen Zustand seiner Stadt gar nicht mehr bemerkt.»

Zerfallende Häuser, verschmutzte Wände: Ein Mann spaziert durch Rom. Foto: Getty Images

Jetzt wollen wir die Kirche doch mal im Dorf lassen. Seit fast dreissig Jahren lebe ich hier, mein Mann schon länger, er ist hier geboren, wie auch unsere inzwischen erwachsenen Kinder. Wir sind Römer. Wir kennen die Restaurants und die Museen, die Polizeistationen und Ämter, die Schulen, die Krankenhäuser, die Friedhöfe sowie natürlich das Fussballstadion. Wir haben die Bekanntschaft von Einbrechern, Fahrraddieben und Autodieben gemacht – allerdings nicht namentlich –, vergessen wie alle anderen manchmal, beim Abbiegen zu blinken, und warten ungern zu lang an der Ampel. Wir sind Römer, verdammt, und wir möchten durchaus nicht im Dreck versinken. Allerdings können wir uns auch nicht daran erinnern, dass man hier mal die Suppe direkt vom Asphalt hätte löffeln können, wie James Joyce von der Zürcher Bahnhofstrasse fantasierte. Rom ist nicht Zürich und wird auch niemals so werden, hoffentlich. Es ist nur so, dass wir wegen ganz anderer Sachen Zustände kriegen als wegen ein paar Flaschenhälsen im Rinnstein und Mülltüten vor der Haustür. Das ist nicht schön. Aber nur ein Problem von vielen.

Der Müll ist nicht lebensgefährlich, die Schlaglöcher können es sein. An manchen Stellen klaffen sie kratertief im Asphalt, etwa in der Via Cernaia, am Hintereingang des italienischen Finanzministeriums. Seit Monaten umkurven wir sie im Slalom, wie alle anderen Autofahrer auch. Die Stadt Rom hat in den ersten sechs Wochen dieses Jahres mehr als 700 Schadensanzeigen erhalten – von Auto-und Zweiradfahrern, die wegen der Schlaglöcher Sachschäden oder gar Verletzungen hinnehmen mussten. Im Vorjahr hat die Versicherung der Stadt 13 Millionen Euro Schadensersatz infolge der defekten Strassen zahlen müssen, für insgesamt 4500 Unfälle. Die alten Römer haben einst halb Europa mit perfekten Strassen überzogen, im modernen Rom ist der Verkehr schon lange ein sozialdarwinistischer Überlebenskampf, bei dem bis dato das Recht des Stärkeren galt. Heute aber kommt keiner mehr voran. Vor den Schlaglöchern sind alle gleich.

Im Moment lässt Rom seine Ratten freundlicherweise an Altersschwäche sterben.

Der öffentliche Nahverkehr ist keine Alternative. Defekte Autobusse – einer brannte im Mai letzten Jahres unweit des Trevibrunnens einfach aus – und Metro-Rolltreppen, die plötzlich ausflippen und damit mal eben eine Station für Monate stilllegen. So geschehen an der Haltestelle «Repubblica», Linie A, eine von zweieinhalb U-Bahn-Linien für knapp drei Millionen Einwohner und 15 Millionen Touristen im Jahr. Seit am 23. November 2018 in dieser Station eine Rolltreppe kollabierte und Dutzende russischer Fussballfans verletzte, die zum Champions-League-Gruppenspiel Roma–ZSKA Moskau angereist waren, hält in «Repubblica» kein Zug mehr.

Mittlerweile sind auch zwei andere Haltestellen im historischen Zentrum einfach geschlossen, wie das Kino «Barberini» am gleichnamigen Platz, ein paar Hundert Meter vom Sitz des Staatspräsidenten entfernt. Im Kinosaal tanzten die Ratten, genau wie in der Metrostation an den Vatikanischen Museen, am Kolosseum und – im Rathaus. Seit zweieinhalb Jahren ist in Rom die derattizzazione blockiert, kein Geld, kein Personal. Wenn man endlich jemanden damit beauftragt, uns von der Rattenplage zu befreien, solle das bitte schön «cruelty free» geschehen, liess die Stadtverwaltung kürzlich wissen. Im Moment lässt Rom seine Ratten freundlicherweise an Altersschwäche sterben. Oder an Fettsucht. Siehe Müll.

Auch die Regierung: nur Müll

Auf der Piazza Vittorio türmen sich die Abfallsäcke neben altersschwachen Containern, von denen sich manche kaum öffnen lassen. Plastik und Metall, Restmüll, Biomüll, Papier, eigentlich ist Trennung vorgesehen. Aber wenn sie niemand abholt, liegen die Säcke wild durcheinander. Eigentlich sollte die Müllabfuhr an den Haustüren klingeln. Hat nicht geklappt. Manchmal klappt noch nicht einmal die ganz normale Entsorgung. Weil Streik ist oder weil die Stadtverwaltung nicht weiss, wohin mit dem Abfall. Die Deponien laufen über, neulich hat eine an der Via Salaria gebrannt, tagelang. Von der Bürgermeisterin kam der Hinweis: Fenster schliessen.

Seit drei Jahren regieren im Rathaus auf dem Kapitol die Fünf Sterne. Aus Prinzip sind sie gegen Müllverbrennungsanlagen, wie überhaupt so ziemlich gegen alles. Die Fünf Sterne sind ursprünglich eine Bewegung von Wutbürgern, initiiert von einem Mailänder Internetunternehmer und dem Entertainer Beppe Grillo aus Genua. Zunächst veranstaltete Grillo über seinen Blog Protesthappenings unter dem Motto «Leckt uns am Arsch». Dann zog er in den Wahlkampf, mit der Ansage, seine Fünf Sterne seien die erste wirklich demokratische Partei Italiens. Alle anderen, von den Linksdemokraten bis zum Medienzar Silvio Berlusconi, sind in ihren Augen gleich korrupte Säulen eines «Regimes», das nur vorgab, im Interesse der Bürger zu agieren, in Wirklichkeit aber das Land ausbeutete.

Ein Problem, mit dem Rom seit Jahren kämpft: Mädchen laufen an stinkenden Abfallbergen vorbei. Foto: Keystone

Inzwischen ist Grillo nicht mehr Anführer, nur noch Markeninhaber der Cinque Stelle. Seine Partei ist urbi et orbi an der Macht, als stärkste Regierungspartei Italiens und als Alleinherrscher in Rom. Die Ergebnisse können sich sehen lassen. Italien ist in die Rezession gerutscht und seine Hauptstadt in die Depression. Eine bleierne Müdigkeit überzieht die prächtigste Stadtlandschaft der Welt wie ein Grauschleier.

Rom weiss gerade nicht, wie es weitergehen soll. Eine ganze Stadt scheint den Kompass für die Zukunft verloren zu haben, weil sie schon mit der Gegenwart hoffnungslos überfordert ist, mit den banalsten Dingen des Alltags. Nichts funktioniert, nichts geht vorwärts. Es ist ein Abenteuer geworden, mit der Metro zu fahren oder mit dem Auto, vom Fahrrad ganz zu schweigen. Der einzige Fahrradweg der Innenstadt am Tiberufer ist in den Wintermonaten mit Schlamm überzogen und im Sommer mit Fressbuden für die Touristen zugestellt. Wer als Innenstädter einen Personalausweis beantragen will, muss ein Jahr warten, wer im Juli die Matura macht, bekommt das Zeugnis mit viel Glück zu Weihnachten. Die Römer sind mit ihrem Alltag allein gelassen und dauerüberfordert. Wenn Rom eine Firma wäre oder auch nur eine Fussballmannschaft, wäre das Management schon längst entlassen.

Durch eine Notverordnung der Regierung liess sich wenigstens die Fassade aufrechterhalten.

Nicht dass die Vorgänger fabelhaft gearbeitet hätten. In meiner römischen Zeit habe ich fünf Bürgermeister erlebt, einen Sozialisten, einen Grünen, zwei Linksdemokraten und einen Ex-Faschisten. Aber auch ebenso viele Regierungskommissare, parteilose Bürokraten oder Polizeipräfekten, die die Hauptstadt führen mussten, weil die Politik wieder mal versagt hatte. Die Kommissare wurden eingesetzt, wenn der Stadtrat sich nach Korruptionsskandalen auflöste oder es sonst einen politischen «Engpass» gab. Über Jahrzehnte wurschtelte sich Rom mehr schlecht als recht voran, mästete eine irre Bürokratie und strich regelmässig durch eine Notverordnung der italienischen Regierung genügend Geld ein, um wenigstens die Fassade aufrechtzuerhalten. Dazu gab es ab und zu neue Museen von internationalen Stararchitekten und ein Kinofestival.

In den letzten Jahren labte sich ein korruptes Kartell aus rechtsextremen Kriminellen und Politikern an den Aufträgen vom Kapitol. Die Ermittler nannten das «Mafia Capitale». Ex-Bürgermeister Gianni Alemanno, in seiner Jugend ein neofaschistischer Schläger, wurde wegen einer tragenden Rolle in der Hauptstadtmafia soeben zu sechs Jahren Haft verurteilt. Der Linksdemokrat Ignazio Marino hingegen musste 2015 vorzeitig gehen, weil er über ein paar zu Unrecht eingereichte Restaurantrechnungen gestolpert war. Die Kellner hatten den Bürgermeister angezeigt, vermutlich weil der schlicht zu wenig Trinkgeld gegeben hatte. Ein kapitaler Fehler.

«So schlimm wie heute war es noch nie»

Die Fünf Sterne traten mit dem Slogan «Onestà» an, Ehrlichkeit. Und wurden in einer Stadt, die in fast 3000 Jahren so ziemlich alles gesehen hat ausser Ehrlichkeit in der Politik, tatsächlich gewählt. Nicht weil die Römer plötzlich naiv geworden wären, sondern weil sie, wie schon so oft, sich vom neuen Wind das grosse Durchlüften versprachen. Avanti il prossimo, der Nächste bitte.

Und so wird Rom zum ersten Mal in seiner langen Geschichte von einer Frau regiert. Virginia Raggi ist eine schmale 40-Jährige, die einen unauffälligen Job als Rechtsanwältin hatte, bevor sie quasi aus dem Nichts Bürgermeisterin wurde. Heute würden die Römer, das zeigen Umfragen, sie nicht mehr wählen. Das Experiment mit den Fünf Sternen ist schon wieder gescheitert, Raggi ging blitzschnell die Puste aus. Sie hat alle gegen sich, die Presse und das Volk, und wieder einmal heisst es: So schlimm wie heute war es noch nie. Das übliche römische Mantra. Man kann den sprichwörtlich skeptischen Römern nicht lange etwas vormachen. Wer Konsuln, Cäsaren und Päpste ertragen hat, weiss, dass Ehrlichkeit und Politik ein Oxymoron sind. Die da oben nehmen alle ihr Stück vom Kuchen, sagt der Volksmund. Aber es sollten wenigstens Profis sein.

Die gewählten Populisten haben Verantwortung. Und sie tun: nichts.

Raggi werden Inkompetenz und Entscheidungsschwäche vorgehalten, von Auftritt zu Auftritt wirkt sie hilfloser. Für den Niedergang macht sie ihre Vorgänger verantwortlich und bemüht die übliche Ausrede: kein Geld. In Wirklichkeit blockiert ihre Administration bockig alle Investitionen, die politisch schwierig werden könnten, allen voran die Bewerbung für Olympische Spiele. Mit der Begründung, grosse Events seien eine Einladung zur Korruption.

Der Furor der neuen Mächtigen konzentriert sich einzig und allein auf politische Gegner und auf Kritiker in den eigenen Reihen. Ideologie statt Ideen, Klischee statt Kompetenz, wer auf dieser Basis agiert, fährt den Karren zwangsläufig in den Sumpf. Und wer nicht begreift, dass der Mächtige von heute in der Ewigen Stadt nur eine Fussnote der Geschichte sein wird, der wird am Ende überhaupt keine Spuren hinterlassen. Die Römer haben ihre Herrschenden immer an sich vorbeiziehen lassen. Gewöhnt, so sagt man, über Strassen zu gehen, die mit den Knochen der Imperatoren gepflastert sind. Avanti il prossimo. Wenn ein Papst stirbt, wählt man den nächsten. Bis die Tage der Fünf Sterne endgültig gezählt sein werden, kann der Rest Europas auf die Urmutter der Städte schauen wie auf ein Politlabor. Populisten, die durch Fundamentalopposition stark geworden sind, haben da Regierungsverantwortung. Und sie tun: nichts.

Hier wurde der Massentourismus erfunden

Nehmen wir die Parks und Grünflächen. Die Aufträge für deren Instandhaltung sind seit zwei Jahren blockiert, nur 180 Stadtgärtner derzeit im Einsatz. Anfang März wurden die Bürger aufgefordert, die Pflege der Bäume selbst zu übernehmen – freilich nur, nachdem sie gärtnerische Fachkompetenz und, sehr handfest, eine Versicherung nachgewiesen haben. Als Rasenmäher will die Stadt allen Ernstes Schafe einsetzen, vielleicht auch Kühe, jedenfalls Viecher, die vielleicht billiger sind als Gärtner, aber nicht nur emsig grasen, sondern auch mindestens so eifrig scheissen. Das Forum Romanum könnte demnächst mit Schafskot überzogen werden wie schon zu Goethes Zeiten. Nur mit ein paar Touristen mehr, die für ein Tagesticket 16 Euro berappen. Von allen Europäern hätten die Römer die ausgeprägteste Vorliebe für Satire, schrieb Stendhal: «Was das Volk vor allem verlangt, das ist, sich über die Machthaber lustig zu machen.» Und lustig sind die Fünf Sterne wirklich.

Es sind schlicht zu viele: Touristen auf der spanischen Treppe in Rom. Foto: Reuters

Im Gegensatz zu den Touristen. Es sind schlicht zu viele, die sich in der Altstadt mit ihren engen Gassen tummeln, die Busse und Trambahnen verstopfen, die Läden und Restaurants. Overtourism nennt man das anderswo, hier wird es noch nicht mal als Problem erkannt. Rom hat den Massentourismus im Mittelalter quasi erfunden, mit dem Heiligen Jahr, das Pilgergeld in die Kassen der Päpste spülen sollte. Seither ist die Sache ein Selbstläufer. Mit den Pilgern kann man nicht mehr den grossen Reibach machen, dafür kommen jetzt die Chinesen. Von Ende Februar bis Anfang November ist die Innenstadt eine einzige Partymeile, in den warmen Sommern wird faktisch durchgefeiert. Für die Minderheit, die noch dort lebt und versucht, ein normales Leben zu führen, ein Albtraum. Wir Römer leben nicht alle vom Tourismus wie die Venezianer.

Die Stadt schottet sich ab

Wohnungen waren in Rom immer irre teuer, heute gibt es kaum noch welche, egal zu welchem Preis. Ganze Strassenzüge bestehen aus Bed and Breakfast. Allein in unserem Haus gibt es neuerdings zwei, dafür null Familien mit Kindern, ausser der aus Bangladesh im unrenovierten dritten Stock. Elf Personen in vier Zimmern, die Frauen schmurgeln zweimal täglich mit so viel Knoblauch, dass es hoch herging bei der letzten Hausversammlung. «Man sollte ihnen schriftlich das Kochen bei offenem Fenster verbieten», verlangte allen Ernstes ein Nachbar, die anderen wollten so etwas aber nicht unterschreiben. Immerhin wurde eine Videokamera am Eingang installiert, zur Überwachung der vielen Ausländer im Gebäude (die Touristen zählen auch dazu). Der Aufzug kann jetzt nur noch mit einem Schlüssel in Gang gesetzt werden, der exklusiv an die rechtmässigen Bewohner vergeben wurde – und wir müssen für jeden Besuch Liftboy spielen.

Übergriffe gegen Roma und Flüchtlinge häufen sich, seit Salvini als Innenminister amtiert.

Rom schottet sich ab, auch das ist neu und gefährlicher als die bizarren Ideen der Fünf-Sterne-Dilettanten. Kürzlich wurde eine junge Frau in der U-Bahn von anderen Passagieren beschimpft und bedroht, weil sie ein beim Stehlen erwischtes Roma-Mädchen gegen Schläge verteidigte. Übergriffe gegen Roma und gegen Flüchtlinge häufen sich, seitdem auf dem Viminalshügel Matteo Salvini als Innenminister amtiert, der offen fremdenfeindliche Chef der rechten Lega. Salvini lässt Flüchtlingslager und Roma-Camps räumen, mit dem Resultat, dass immer mehr Menschen auf der Strasse leben.

Auch bei uns auf der Piazza schlafen die Armen. Manche kennen wir schon seit Jahren, sie sind ins Viertel integriert, werden betreut, so gut es geht. Andere aber, immer neue, kommen dazu. Unter dem Bahnhof Termini schlafen die Menschen in der Absperrungszone zwischen zwei Autotunneln. Ihre zu Lumpen zerfetzten Decken reichen bis auf die Fahrbahn, es ist lebensgefährlich. An manchen Abenden laufen wir unter den Arkaden um unseren Platz quasi Slalom nach Hause. Um die Menschen herum, die dort liegen.

Italien erlebt eine beispiellose Emigrationswelle seiner Jugend.

Weil die Armut überall sichtbar ist, kann Salvini leicht das Märchen von der bedrohlichen Invasion der Fremden erzählen. Tatsächlich leben hier noch nicht einmal siebzehn Prozent Ausländer, ein Viertel von ihnen Rumänen. Seit Ewigkeiten ist Rom eine internationale Metropole, seine Cäsaren stammten aus Nordafrika oder vom Balkan, seine Päpste sind schon seit vierzig Jahren keine Italiener mehr – zuvor waren sie es ein halbes Jahrtausend lang. Die Stadt mit der ältesten Bevölkerung Europas braucht Ausländer. Ohne sie wären wir noch ein wenig älter. Denn diejenigen von uns, die Kinder haben, können diese nicht halten.

Italien erlebt eine beispiellose Emigrationswelle seiner Jugend. Darunter sind viele Akademiker, ein Braindrain, der für die Zukunft besonders bedrohlich ist. In den letzten Jahren gingen jeweils fast 30'000, die wenigsten kommen zurück. Früher war die Emigration ein Problem für den Süden, aus Rom ging eigentlich niemand weg. Aber das hat sich radikal geändert. Auch unseren Kindern bietet Rom no future. Es gibt so viel zu tun, nur leider keine Jobs. Unsere Tochter ist Archäologin, für den Master arbeitet sie gerade in den Ruinen der Kaiserpaläste auf dem Palatin – genau dort, wo die Stadt der Sage nach 753 v. Chr. gegründet wurde. Unsere Tochter gräbt sich buchstäblich durch die Geschichte, dorthin, wo alles begann. Sie birgt die uralten Steine, sie wäscht und katalogisiert sie. Sie lässt sie sprechen.

Die Ewigkeit Roms ist nicht nur ein Klischee, sie schafft ein ganz spezifisches Lebensgefühl.

Rom bietet keine Jobs, aber eine Lebensgewissheit. Wir sind alle Kinder der grössten und herrlichsten Schichttorte der Welt. Die Ewigkeit der Stadt besteht nicht darin, dass sie uralt ist – das sind andere auch. Roms Einzigartigkeit ist die Kontinuität, das Organische, das dem Körper der Stadt diese Lebendigkeit verleiht. Alles fusst aufeinander, alles ist verwoben. Die Peterskirche ist mit dem Marmor des Kolosseums gebaut, in dem sich im Mittelalter die Burg einer Adelsfamilie befand und kurz vor der Französischen Revolution ein Lager für Dung und Jauche für die Salpeterproduktion. Heute ist die antike Arena eine der grössten Touristenattraktionen der Erde und nicht von ungefähr das Symbol Roms. Es geht hier immer weiter, irgendwie. Und es hat weiss Gott grössere Probleme gegeben in den letzten drei Jahrtausenden. Die Barbareninvasionen, den Niedergang im 14. Jahrhundert, als die 50'000 Einwohner viermal in den Circus Maximus gepasst hätten. Den Sturm der deutschen Landsknechte 1527 und die Besatzung durch die deutschen Nazis, die fast alle Mitglieder einer der ältesten jüdischen Gemeinden der Welt in Auschwitz ermordeten.

So viel Geschichte kann erdrückend sein, sie kann aber auch beruhigend wirken. Auf jeden Fall relativiert sie vieles, und sie vermittelt zumindest die Illusion, mehr über die Menschen zu wissen. Die Päpste zum Beispiel mögen für den Rest der Welt entrückte Kirchenväter sein, hier sind sie so vertraut wie die Bürgermeister. Es gibt in dieser Stadt immer noch Leute, die regelmässig in den Vatikan eingeladen werden, weil sie einen Papst oder Kurienkardinal in der Ahnenreihe haben oder gar in der Verwandtschaft. Die Römer fühlen sich als Protagonisten der Geschichte, die Ewigkeit ihrer Stadt ist nicht nur ein Klischee, sie schafft ein ganz spezifisches Lebensgefühl. Das Bewusstsein dafür, an einem einzigartigen Ort zu leben, haben eigentlich alle. Die Frage ist nicht, ob man wegziehen sollte. Ich habe das mal versucht, zwei Jahre auf dem Land, Olivenhain, Gemüsegarten, Tiere. Es war ganz schön, aber bitte: Rom und ich, wir sind noch nicht fertig miteinander. Man flieht nicht vor ein bisschen Müll und ein paar Schlaglöchern. Und mein Mann, der als Wissenschaftler viel unterwegs ist, sagt, wenn er aus New York zurückkommt, erscheint ihm Rom jedes Mal wie eine von diesen klinisch sauberen Schweizer Städten.

Die grosse Schönheit

Bei uns auf der Piazza Vittorio, genau vis-à-vis, lebt Paolo Sorrentino, der Regisseur des 2013 Oscar-prämierten Films «La Grande Bellezza». Für viele ist der Titel längst ein Synonym für Rom. Ein wenig wie früher «La Dolce Vita», Federico Fellinis Film von 1960. Das süsse Leben. Die grosse Schönheit. Wir leben darin, Tag für Tag. Wenn die Abendsonne die Ruinen der Kaiserforen in dunkelorange Glut taucht. Wenn die Schatten der Mauersegler über barocke Kirchenmauern jagen. Wenn der Regen durch die kreisrunde Öffnung in der Kuppel auf den Fussboden des Pantheons fällt. Die grosse Schönheit frühmorgens am Tiberufer und spätnachts am hell erleuchteten Trevibrunnen. In den Bewegungen des Barista Cesare, der geschmeidig all die unterschiedlichen Wünsche seiner Kundschaft für den morgendlichen Cappuccino erfüllt, im Glas, in grosser Tasse, in kleiner Tasse, hell, dunkel, wenig Schaum, viel Schaum, kein Schaum, lauwarm oder kochend, prego signora. Im Gemüse des Markthändlers Fausto, direkt von seinen Feldern an der Via Appia Antica, agretti und carciofi und cicoria, alle Farben Grün.

Wenn man in Rom etwas lernen kann, dann dies: sich selbst nicht so wichtig zu nehmen.

Uralt und doch aufregend modern, familiär und lässig, tolerant und kreativ. So erschien mir Rom, als ich mit vierundzwanzig hier ankam. Viel aufregender als die Metropolen des Nordens. Wie aufgeräumt die Strassen waren und wie voll die Busse – ich habe nicht darauf geachtet. Es ist am Ende auch nicht wichtig. Wenn man in Rom etwas lernen kann, dann dies: sich selbst nicht so wichtig zu nehmen. Und manchmal einfach mit anzupacken. Dauernd bilden sich neue Bürgerinitiativen. Parks säubern, Strassen fegen, Müll wegräumen, Schlaglöcher stopfen. Wenn das erledigt ist, kann man zur Abwechslung mal wieder träumen von einer Stadt, die den weltweit grössten Schatz an Kulturdenkmälern zu nutzen weiss wie die Araber das Erdöl. Die ihren riesigen Grünflächenanteil mit einem vorbildlichen Netz an Fahrradwegen durchzieht. Und deren Nahverkehr total öko ist. Demnächst. (Das Magazin)

Erstellt: 13.04.2019, 14:28 Uhr

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