Rumlümmeln im Luxushort

Hauseigener Aquapark, Ruhezonen mit Wasserbetten und täglich Kuchen à discrétion. Ferien im Edel-Familienhotel in Südtirol verheissen Genuss rund um die Uhr. Mit ein paar Ausnahmen.

Für jeden etwas: Spielgeräte für die Kleinen, Liegestühle für die Grossen. Foto: Holger Salach

Für jeden etwas: Spielgeräte für die Kleinen, Liegestühle für die Grossen. Foto: Holger Salach

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«Wow! Das Hotel besitzt eine Kinder-­Kino-Sauna!» Mein Mann und ich können uns gar nicht sattsehen an den «Schmankerln», die das Sonnwies auf seiner Website präsentiert wie ein leckeres Menü für ausgehungerte Erholung­suchende: ein De-luxe-Wellnessbereich, Weindegustationen, 5-Gang-Dinner mit Produkten aus der Region, eine Hausbar mit offenem Kamin – und 70 Stunden Kinderbetreuung pro Woche.

Vorfreudig reisen wir in Richtung Süd­tirol vorbei an Ortschaften mit Namen wie Zirl-West, Grins und Motz-Reutte über den Brennerpass hinunter nach Brixen. «Wann sind wir dort?», ruft der Jüngere zum gefühlt hundertsten Mal vom Rücksitz nach vorn. «In einer halben Stunde», antwortet der Fahrer. Auf einer Passstrasse schlängeln wir uns hinauf ins Eisacktal nach Lüsen. Weite Wiesen, gespickt mit Löwenzahnblüten, tun sich auf, am Horizont ragt ein erster Dolomitengipfel mit schneebedeckten Flanken in den Himmel. «Wann sind wir dort?» «In 25 Minuten!» Oh, ja! Eine Pause ist bitter nötig.

Delfin auf Etage Rot

Das Sonnwies liegt ganz hinten im Tal. Ein stattlicher Holzbau, brandneu. Wir sind beeindruckt von den Dimensionen – und erschrecken beim Anblick des Parkplatzes. Alles belegt. Beim Fantasieren über unsere Luxusferien haben wir völlig ausgeblendet, dass wir das Haus nicht für uns alleine haben werden. Es ist ausgebucht. Das bedeutet, wir machen zusammen mit 90 Erwachsenen und ebenso vielen Kindern Ferien. Egal. Erst mal einchecken.

Beim Öffnen der Zimmertür stellt sich Erleichterung ein. Gleichgültig, wie proppenvoll das Hotel sein mag: Hier drin lässt es sich wunderbar relaxen. Liegt nicht nur an der Grösse des Raums (allein im Badezimmer könnte eine dreiköpfige Familie einziehen), sondern auch am Duft. Die Wände sind mit Bergfichte und Zirbelkiefer verkleidet. Der Geruch soll für besonders beruhigenden Schlaf sorgen, heisst es im Hausprospekt. Einmal einatmen, und wir sind schon im Wachzustand tiefenentspannt.

Die Kinder nehmen sofort ihr Quartier in Beschlag: eine gemütliche Schlafkoje, die sich mit einer Schiebetür vom Rest des Raumes abtrennen lässt. Ein Extra, über das sämtliche Zimmer des Hauses verfügen. Überhaupt zeigt sich an allen Ecken und Enden, dass das Label Familotel hier Programm ist. Im Bad steht ein Töpfchen für die ganz Kleinen, und für die etwas Grösseren gibts einen Toilettenring. Die Stockwerke sind nicht nur nummeriert, sondern in verschiedenen Farben gehalten, damit sich auch Dreikäsehochs selbstständig zurechtfinden. Unsere Suite befindet sich beispielsweise auf Etage Rot und hat einen Delfin auf dem Nummernschild.

Einmal desinfizieren, bitte

Beim Abendessen zeigt sich die gewöhnungsbedürftige Seite der Ferien im Familienhotel. Vor den Speisesälen sind Desinfektionsmittel-Dispenser angebracht. Man solle sich doch bitte vor dem Essen damit die Hände einreiben, steht auf fein säuberlich laminierten Schildchen zu lesen. Das ist zwar befremdend, dürfte aber bei der vermutlich hohen Bakterien- und Virendichte bei dieser Anzahl Kinder durchaus Sinn machen – zumindest wenn alle der Bitte entsprechen würden.

Drinnen ergiesst sich bereits ein Schwarm hungriger Familien über das Buffet. Es herrscht ein Treiben wie kurz vor Weihnachten im Franz Carl Weber. Irgendwo schreit ein Kind. «Nicht unseres», sagt ein Vater in der Warteschlange zu seiner Frau, nachdem er kurz durchgezählt hat. «Toll», raunt mir mein Mann zu, «wir machen Ferien im Hort.» Ob es denn immer so laut sei, will ich leicht beunruhigt von dem Serviceangestellten wissen, der stoisch Pasta à la minute für die Kleinen auf die Teller schöpft. «Immer am Anfang des Abends.»

Im Speisesaal herrscht beim Abendessen ein Treiben wie kurzvor Weihnachtenim Franz Carl Weber.

Tatsächlich: Nach einer Dreiviertelstunde ist das Chaos vorüber. Die Kinder sind satt und verschwinden auf dem riesigen Spielplatz vor dem Haus oder im Indoorkinderclub mit mehreren Spielzimmern, einer Turnhalle und allerlei Schnickschnack für Grosse und Kleine. Alles bestens gesichert und betreut. Wir Eltern können uns derweil beruhigt den nächsten vier Gängen des Menüs widmen – Gerichte übrigens, die an Köstlichkeit kaum zu überbieten sind und nun auf Tellern serviert werden.

Unsere beiden Buben sind derart ins Spiel vertieft, dass wir uns nach dem Essen noch einen Drink auf der Terrasse des Hotels gönnen. Genüsslich nuckle ich an einem Sonnwies Basil. Auf welches Zimmer die Getränke gehen, will die Bardame wissen. «Delfin!», antwortet mein Mann und prostet mir fidel mit seinem Aperol Spritz zu.

Am nächsten Tag gehts sofort in den hauseigenen Aquapark mit mehreren Wasserrutschbahnen und Schwimm­becken, einem Aussenpool mit Sprudelliegen und etlichen Wasserspielsachen. Damit es die Eltern beim Beaufsichtigen der badenden Kinder schön bequem haben, stehen gepolsterte Sitzbänke mit Zierkissen in allen Variationen bereit und dazu herrlich grosszügige Liege­nischen. Hier kann sich die Familie nach extensivem Planschen ausrollen.

Abtauchen im Dampfbad

Rasch wird klar, dass wir im Grunde genommen den Rest der Ferien im Spassbad verbringen könnten. Die Jungs kriegen gar nicht genug davon. Dummerweise gibt es just hier keine Fremdbetreuung. Also wechseln sich die Eltern ab, damit Mama und Papa auch die Vorzüge des kinderfreien Spa-Bereichs geniessen können. Etwa Abtauchen im Dampfbad mit Bergkräutern oder in der Sauna mit frischen Tannenzweigen und danach ab aufs Wasserbett vor dem Cheminée im Ruheraum. Man könnte sich glatt daran gewöhnen.

Rumlümmeln ist das Credo der Erwachsenen, rumtollen jenes der Kleinen im Sonnwies. Und weil es sich zwischen Loungesesseln, Liegen, Spielplatz und Spassbad so wunderbar aushalten lässt, beschränken sich unsere Ausflüge auf einen sehr kurzen Wanderversuch beim Weiler Flit oberhalb von Lüsen und eine Fahrt durchs nahe gelegene Villnösstal entlang der Geislergruppe der Dolomiten – ein grandioses Erlebnis, allein der Passstrasse zum Würzjoch und des Kaiserschmarrns in der Edelweisshütte wegen.

«Im schönsten Hotel der Welt»

Als wir zurück im Hotel sind, gibts Kuchen, Kaffee und verschiedene Getränke von der Saftbar à discrétion. Niemand muss sich hier Gedanken darüber machen, wann man wo welches Essen für die hungrige Kinderschar jagen muss. Es steht immer von allem genug bereit. Sogar Babybrei. Und tobt irgendwann mal ein Kind herum, empfinden die anderen Gäste eher Mitleid für die Eltern als Ärger über die Ruhestörung. Kein Wunder also, laufen die meisten Erwachsenen mit einem zufriedenen Lächeln herum. Nur die Mamis und Papis von Babys sehen etwas zerzaust aus. Ihre Nächte sind kurz – Zirbelkiefer hin oder her.

Beim Check-out ist den meisten anzusehen, dass sie gerne noch etwas länger bleiben würden. Auch mein Mann hat sein Urteil von «nur noch vier Tage, dann können wir wieder gehen» nach dem ersten Abendessen in «lass uns hier wieder mal hinkommen» geändert. Der ältere Sohn ist davon überzeugt, dass wir «im schönsten Hotel der Welt» waren, und der jüngere würde «am liebsten hier wohnen». Ich selbst kann mich nicht so recht damit anfreunden, mit fast 200 Personen unter einem Dach Ferien zu verbringen. Mir wären etwas weniger Menschen lieber. Aber so ist es halt mit schönen Orten: Da wollen alle hin.

Erstellt: 01.06.2016, 22:50 Uhr

Familienferien in Südtirol

Tipps und Infos

Angelika und Johann Hinteregger haben 1999 den 4-Stern-Familienbetrieb Sonnwies in Lüsen gegründet. Nach einem Um- und Ausbau im vergangenen Jahr eröffneten sie diese Saison neu auf 4-Stern-Superior-Niveau. Zum Hotelareal gehören unter anderem ein Bio-Bergbauernhof mit über 30 Haus- und Nutztieren und ein Reitplatz. Das Sonnwies ist Mitglied von Familotel, einer Kooperation für Familienhotellerie. Ihr gehören 54 Hotels in fünf Ländern an. Familotel hat sich ganz auf die Ferienbedürfnisse von Familien spezialisiert mit alters­gerechter Betreuung für Kinder von 0 bis 16 Jahre. Fünf Betriebe der Kooperation liegen in Südtirol. Die italienische Provinz gilt als besonders familienfreundlich.

Anreise: Mit dem Auto via Innsbruck über den Brenner nach Brixen und weiter nach Lüsen. Mit dem Zug via Innsbruck nach Brixen, weiter mit dem Bus nach Lüsen.

Reisearrangement: Eine Woche all-inclusive im Hotel Sonnwies kostet im Juni 2016 für eine Familie mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern im Alter zwischen 3 und 7 Jahren je nach Zimmergrösse zwischen 2448 und 3430 Euro.

Ausflüge: Das Angebot reicht von Pony­reiten über Wandern und Biken bis hin zu Skifahren und Langlaufen. Treibt das Wetter Kapriolen, gibts zahlreiche Burgen zu besichtigen. Hinzu kommen Highlights wie das Ötzi-Museum in Bozen oder Reinhold Messners neuster Streich: das Corones-Museum auf dem Kronplatz von Stararchitektin Zaha Hadid, in dem vor grandioser Berg­kulisse die Geschichte des Alpinismus zu erleben ist.

www.sonnwies.com; www.familotel.com

Allgemeine Infos: www.suedtirol.info

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