Von Beruf Kreuzfahrer

Schiffstester Matthias Morr urteilt auf Youtube über Kreuzfahrtdampfer. Er hat ein grosses Publikum.

Über 360'000 Views: Matthias Morr testet die Aida Luna. Quelle: Youtube/Schiffstester

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Der Mann erregt Aufsehen, wie er übers Pooldeck der MS Europa 2 läuft. Matthias Morr trägt in einigem Abstand zum Körper eine seltsame Konstruktion vor sich her: zwei Kameras, durch ein Gelenk verbunden, die eine nach vorne, die andere im 180-Grad-Winkel auf ihn gerichtet. Er spricht ins Mikrofon und lässt sich von den neugierigen Blicken der Passagiere, die sich in Wolldecken gehüllt auf den Liegen räkeln, nicht beirren.

Matthias Morr hat einen Traumjob. Der 41-jährige Hamburger ist Schiffstester. Mindestens 60 Tage pro Jahr verbringt er auf Kreuzfahrtschiffen und berichtet via Youtube über die schwimmenden Hotels. «Die Zuschauer sollen sich ein neutrales Bild von einem Schiff machen können», sagt Morr. «Ich lobe und kritisiere – als Entscheidungshilfe für den Konsumenten, damit er das passende Schiff bucht.»

Einmannunternehmen

Auf der Europa 2 ist Morr während fünf Tagen unterwegs. Das Vorzeigeschiff von Hapag-Lloyd schwimmt von Hamburg nach Oslo und Göteborg und fährt auf der Rückreise durch den Nordostseekanal. Der Tagespassage zwischen Kiel-Holtenau und Brunsbüttel widmet Morr einen eigenen Film. Die ganze Reise verewigt er in sechs Videos, die in einigem zeitlichem Abstand im Netz landen.

Ein Film dauert in der Regel sechs Minuten und wirkt professionell, wird aber ohne grossen technischen Firlefanz produziert. Bei den Schiffsrundgängen switcht Morr zwischen Bildern der Kamera, die Kabinen, Restaurants, Open-Air-Decks oder maritime Shoppingwelten zeigen, und Aufnahmen der persönlichen Kamera. Der Schiffstester führt auch Interviews oder filmt, wie der Bug beharrlich durchs Meer pflügt. «Ich bin als Einmannunternehmen unterwegs», erzählt der Gutgelaunte.

Matthias Morr, Youtube-Schiffstester. Foto: PD

Planung und Nachbearbeitung geschehen an seinem Arbeitsplatz in einem Grossraumbüro am Hamburger Axel-Springer-Platz. Pro Jahr werden Morrs Filme sechs Millionen Mal angeklickt; die Resonanz steigt monatlich. Der Schiffstester wird wie Reisejournalisten zwar von den Reedereien zu Kreuzfahrten eingeladen, pekuniären Ertrag bringen indes ein Deal mit einem Webportal für Cruises, das in den Filmen genannt wird, sowie die Einnahmen aus der Google-Werbung.

Fünfmal durchs Mittelmeer

Im deutschsprachigen Raum ist Matthias Morr Marktleader seines Genres. «Trotzdem rennen mir die Reedereien nicht gerade die Tür ein», sagt er. «Ich muss mich um die meisten Kreuzfahrten aktiv bemühen und in Kauf nehmen, fünfmal nacheinander durchs Mittelmeer zu gondeln.» Neben der Berichterstattung von hoher See stellt der Hamburger auch Servicegeschichten ins Netz; jeden Donnerstag und Sonntag geht er von neuem auf Sendung. Mit der Kreuzfahrtbranche hat sich Matthias Morr ein boomendes Business ausgesucht. Allein die deutschen Player Aida und TUI Cruises nehmen jährlich neue Meeresgiganten in Betrieb. Die Nobelreederei Hapag-Lloyd Cruises renovierte im Herbst ihre Paradeschiffe Europa und Europa 2 und sticht 2019 mit zwei neuen Expeditionsschiffen in See.

Die Liebe zum Meer wurde dem Schiffstester nicht in die Wiege gelegt. Er wuchs als Landratte in Wolfenbüttel in Niedersachsen auf, arbeitete als Printjournalist und für das NDR-Radio und interessierte sich vor allem für Freizeitparks. Irgendwann packte ihn die Passion für die Kreuzfahrerei: «Sogar die Ferien verbringe ich regelmässig an Bord.» (SonntagsZeitung)

Erstellt: 18.12.2017, 10:34 Uhr

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