Wie Touristen helfen, Tiere zu schützen

Wer rücksichtslos mit Delfinen schwimmt, schadet ihnen. Dennoch ist es sinnvoll, wenn Touristen zahlen, um Wildtiere zu erleben.

Es ist mehr als nur ein Geschäft – wenn es richtig betrieben wird: Eine Touristin taucht mit einem Delfin. Foto: George Karbus (Keystone)

Es ist mehr als nur ein Geschäft – wenn es richtig betrieben wird: Eine Touristin taucht mit einem Delfin. Foto: George Karbus (Keystone)

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Der Kapitän des Bootes steht unter Druck. Seine Gäste haben für ein besonderes Erlebnis gezahlt: Schwimmen mit Delfinen. Er fährt die Stellen ab, wo die Meeressäuger üblicherweise anzutreffen sind. Die Touristinnen und Touristen haben keine Ahnung, dass es deren Ruhezonen sind.

Kaum hat der Touranbieter die Delfine gesichtet, springen die Gäste ins Wasser, bewaffnet mit Unterwasserkameras. Die Tiere flüchten und versuchen, ihre Jungen zu schützen. Manche Bootsführer machen dann regelrecht Jagd auf die beliebten Fotosujets und schneiden ihnen den Weg ab. So oder ähnlich laufen zahlreiche Touren im Roten Meer ab, zum Beispiel von Hurghada aus. Sie bedienen den Massentourismus.

Angela Ziltener, Verhaltensforscherin der Universität Zürich, arbeitet seit zehn Jahren in Ägypten, erst in Hurghada, jetzt in El Gouna. Die Biologin erforscht die Delfine und setzt sich für ihren Schutz ein. In Workshops versuchte sie die Anbieter dieser «Schwimmen mit Delfinen»-Touren zu überzeugen, dass sie mit ihren Methoden die Delfine vertreiben und durch den anhaltenden Stress letztlich töten. Die Einsicht war mässig. Ziltener setzt seither vermehrt darauf, die Touristen zu sensibilisieren.

Darf man als Tourist also überhaupt noch seltenen Tieren in ferne Weltregionen nachreisen? Buckelwalen in Australien, Meeresschildkröten in Oman, Berggorillas in Ruanda? Die Antwort ist ja: Denn diese einzigartigen Naturerlebnisse können gefährdeten Arten sogar nützen.

Wichtige Einnahmequelle für Einheimische

Erstens schützen Menschen vor allem das, was sie kennen und lieben gelernt haben. Dabei sensibilisiert die Beobachtung gefährdeter Tiere direkt in der Wildnis noch stärker für deren fragile Existenz als ein Besuch im Zoo beim Sibirischen Tiger oder ein Film über das Südamerikanische Wasserschwein. Wer das einmal erlebt hat, setzt sich auch zu Hause für den Artenschutz ein. Zweitens gibt ein sorgfältig betriebener Tiertourismus den bedrohten Arten direkt vor Ort einen Wert – ideell und finanziell.

Ein Beispiel sind die Berggorillas bei den Virunga-Vulkanen im Grenzgebiet von Ruanda, Uganda und Kongo-Kinshasa. Fast drei Viertel dieser Berggorillas sind an Menschen gewöhnt. Sie bekommen täglich eine Stunde Besuch von Touristen. Damit sind sie eine lukrative Einnahmequelle für die Einheimischen. Wildhüter, die heute dafür bezahlt werden, die Touristen herzuführen, waren früher zum Teil Wilderer. Nun bringen ihnen und den umliegenden Dörfern die Touristen nachhaltig mehr ein als zuvor die makaberen Trophäen eines toten Gorillas: Köpfe, Hände, Füsse.

Was heisst das nun für die Delfine in Ägypten, im Roten Meer, einem Reiseziel vieler Schweizerinnen und Schweizer? Touristen, welche die Meeressäuger in freier Wildbahn beobachten möchten, müssen sich die Anbieter sorgfältig aussuchen. Es gibt Touren, bei denen die Gäste die Delfine vom Boot aus beobachten. Wer unbedingt mit den Tieren schwimmen möchte, findet Projekte mit Schutzzonen für die Meeressäuger, wo die Besucher nicht hindürfen. Wenn sich dann ein Delfin einem merkwürdig zappelnden Zweibeiner nähert, tut er das, weil er es will. Ein Erlebnis für beide Seiten.

Angela Ziltener referiert am Sonntag, 3. November, um 14 Uhr über Delfin- Forschung und -Schutz im Audimax der ETH Zürich an der Rämistrasse 101. www.treffpunkt.ethz.ch

Erstellt: 30.10.2019, 18:38 Uhr

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