Wo Christen und Muslime gut miteinander leben

Äthiopien gehört immer noch zu den ärmsten Staaten der Welt. Wer das mystische Land besucht, trifft auf Traditionen und Menschen, die einem ans Herz wachsen.

Die Felsenkirchen von Lalibela wurden vor fast 1000 Jahren in den roten Tuffstein gehauen. Foto: Jon Bratt (Getty Images)

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Wer von den Menschen des Sidama-Stammes zu einer Kaffeezeremonie eingeladen wird, hat schon einmal nichts falsch gemacht. «Bunna agi» sagt Senou Lanissou, die Herrin des Hauses, «lass uns eine Tasse Kaffee trinken», und lädt uns ein in ihr traditionelles Bambushaus, das eigentlich eher eine grosse Rundhütte ist, hier in Yirgalem, rund 500 Kilometer südlich der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba. Über dem offenen Feuer röstet Senous älteste Tochter eine Handvoll frischer Kaffeebohnen. Dann zermahlt sie diese im Holzmörser und reicht eine Probe herum. Es liegt nun an den Gästen, die Arbeit mit einem lobenden «Schmeckt gut, mach weiter!» zu bestärken.

Wenn die Sidama-Gesellschaft auch patriarchalisch funktioniert, so wird die Kaffeezeremonie immer von den Frauen ausgerichtet. Sie kann stundenlang dauern, aber sie zu verlassen, wäre eine ­Unhöflichkeit sondergleichen. Zuletzt giesst Senou den nach türkischer Art in bauchigen Lehmkrügen aufgebrauten Kaffee in kleine Tassen. Sie sind henkellos, damit man die Hitze des Kaffees selbst in den Fingerspitzen noch spürt.

Kaffee, Äthiopiens wichtigstes Kultur- und Exportgut, ist eine der Klammern, die den Vielvölkerstaat zusammenhält, die zweite ist die nationale Fluggesellschaft Ethiopian Airlines. Mit über einer Million Quadratkilometer Fläche und einer Bevölkerung von 100 Millionen Menschen ist dieses ehemalige Kaiserreich am Horn von Afrika dreimal so gross wie Deutschland und hat auch mehr Einwohner als die Schweiz, Österreich und Deutschland zusammen. Vom trockenen Norden an der Grenze zu ­Eritrea bis in den tropischen Süden bei Kenia sind es nahezu 2000 Kilometer.

Es ist eine Entdeckungsreise in ein Land, das seine Reichtümer und Schönheiten nicht ins Schaufenster stellt – im Gegenteil. Wer an Äthiopien denkt, erinnert sich erst einmal an die fürchterliche Hungersnot in den 80er-Jahren zu Zeiten des kommunistischen Mengistu-Regimes. Ausgemergelte Männer, Frauen und Kinder schauten hilfesuchend in die Kamera. Davon ist das Land heute weit entfernt. In den vergangenen Jahren hat sich Äthiopien mit jährlichen Wachstumsraten von rund 10 Prozent als afrikanischer Tiger hervorgetan. Der Tourismus soll dabei eine immer grössere Rolle spielen. Die äthiopische Tourismusministerin hat sich zum Ziel gesetzt, das Land zu einer Top-5-Destination des afrikanischen Kontinents zu machen.

Die Quelle des Blauen Nils

Im kleinen Bombardier-Jet von Addis Abeba nach Bahir Dar im Nordwesten des Landes verschwimmen die Klassenunterschiede für die Dauer des 45-minütigen Flugs. Weil wir in Zürich bereits diesen Inlandflug einchecken konnten, sitzen wir zuvorderst, neben uns ein ­offensichtlich bedeutender Geschäftsmann. Er kommt aus Tigray, der nördlichen Provinz des Landes, und fliegt an ein Business-Meeting in Bahir Dar. Die Schweiz kennt er nicht, aber er ist stolz auf Tigrays Hauptstadt Aksum, die Stadt, in der angeblich die heilige Bundeslade mit den zehn Geboten Moses’ aufbewahrt wird. Die Tigriner, muss man wissen, sind die herrschende Ethnie, auch wenn sie nur 6 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Aber sie führten den Befreiungskampf gegen die allseits verhassten Kommunisten an, in dem sich die Äthiopier 1991 vom Joch des Diktators Mengistu Haile Mariam befreiten. Seither haben sie das Land politisch fest im Griff, was immer wieder zu Spannungen und Reibereien führt.

Nach der Landung in Bahir Dar entfernt sich der tigrinische Geschäftsmann schnell durch den VIP-Eingang, während wir Touristen unter einem warmen Regenguss zum Tourbus eilen. Die quirlige Stadt liegt am Tana-See, dem grössten Binnensee Äthiopiens, in dem unzählige Vögel, Fischarten, Krokodile und Flusspferde leben. Der See gilt als Quelle des Blauen Nils, der sich im Sudan mit dem Weissen Nil vereinigt. Die Äthiopier sind stolz, dass ihr Nil 75 Prozent des Wassers zum «grossen» Nil beiträgt.

Ein Boot bringt uns auf die Zege-Halbinsel, wo in einem mystischen Wald aus Eukalyptus-Bäumen, Bananenstauden und Kaffeesträuchern uralte christliche Klöster und Kirchen versteckt sind. Das Kloster Ura Kidane Meheret etwa geht bis auf das 14. Jahrhundert zurück. Es ist eine typische Rundkirche aus einer Holz- und Lehmkonstruktion, an die 8 Meter hoch und 15 Meter im Durchmesser. Das ursprüngliche Strohdach wurde allerdings durch ein Wellblechdach ersetzt, um die überwältigenden Holzmalereien im Innern der Kirche vor der Witterung zu schützen. Diese farbigen, in naturalistischem Stil ausgearbeiteten Bilder zeigen nicht nur biblische Szenen und äthiopische Heilige, sondern auch Motive aus der Natur, dem Alltag oder der mythologischen Dichtung wie den Menschenfresser Belay, der genüsslich an einem Kinderbein nagt.

Der Mythos Äthiopiens lebt vor allem von seiner uralten  Geschichte als christliches Kaiserreich – weit weg von Europa.

Der Mythos Äthiopiens lebt vor allem von seiner über tausendjährigen Geschichte als zweites christliches Kaiserreich – weit weg von Europa und von diesem kaum wahrgenommen. Aber schon im vierten Jahrhundert nach Christus reiste der griechische Mönch Frumentius dem Nil entlang in den Süden und brachte seine Religion nach Äthiopien. So wurde das damalige Reich von Aksum das dritte christliche Land der Welt, noch vor dem Römischen Reich. Fast ebenso lang ist die muslimische Tradition, denn von Arabien aus gelangten die ersten Anhänger Mohammeds noch zu Lebzeiten des Propheten über das Rote Meer. Heute sind etwa zwei Drittel der Äthiopier Christen und ein Drittel Muslime, die vor allem im Osten des Landes leben.

Mord und Intrige am Kaiserhof

Als eine goldene Zeit des christlichen Reiches gilt die Regentschaft von Kaiser Lalibela, der im 12. und 13. Jahrhundert regierte. Als Baby war er von einem Schwarm Bienen umwölkt, was ihm den Namen Lalibela eintrug, was so viel bedeutet wie «Die Bienen erkennen seine Herrschaft an». Seine Regentschaft begann jedoch ziemlich unchristlich mit Mord und Intrige. Sein Bruder hatte versucht, ihn zu vergiften, doch Lalibela schlief nur drei Tage tief und fest, danach wurde er zum Kaiser gekrönt.

Mit aus dem Schlaf nahm Lalibela einen Traum, in dem ihn Gott beauftragte, ein zweites Jerusalem – die heiligste Stätte der orthodoxen Christen – zu bauen. So begann er, aus dem roten Tuffstein des äthiopischen Hochlandes elf Felsenkirchen herauszuhauen. Die Kirchen von Lalibela zählen heute zu den Highlights Äthiopiens und gelten als elftes Weltwunder. Wie zuweilen Indiana Jones in den Pyramiden taucht man hier ab in ein Universum von mächtigen Gewölben, dunklen Gruften und geheimnisvollen Tunnelsystemen.

Gott als Bauhelfer

«Kaiser Lalibela war der Baumeister und Architekt dieser Kirchen, doch Gott hat ihm geholfen», sagt Abebe Demsash, der seit 22 Jahren Besuchern sein Lalibela zeigt. Mit Hammer und Meissel schlugen der visionäre Regent und seine Handwerker die bis zu 12 Meter hohen Blöcke von oben herab aus dem Stein in die Tiefe. Dann höhlten sie die Quader von innen aus, formten Säulen, Fenster, Kanzeln mitsamt wundervoller Ornamente an Wänden und Decken. 23 Jahre baute Lalibela an den elf Kirchen, «und jedes Fenster, jede Säule, jedes Ornament hat eine symbolische Bedeutung, mit der der Kaiser seine Untertanen in einem Gott wohlgefälligen Lebenswandel unterweisen wollte».

«Wir Äthiopier mögen zu 60 Prozent christlich sein und zu 35 Prozent muslimisch, gut möglich», sagt Demsash, «aber wichtiger ist, dass wir alle tief­gläubig sind, Muslime und Christen.» Tatsächlich bereitet das Zusammenleben der beiden Religionen in Äthiopien kaum Probleme. In Addis Abeba sind Christen und Muslime Nachbarn, gehen zusammen in die Schule und heiraten auch mal untereinander. «Als unter den Kommunisten eine Kirche geschlossen werden sollte, haben sich die muslimischen Nachbarn mit den Christen dagegen gewehrt», erzählt Demsash.

Auf dem Rückweg in die Hauptstadt geht die Fahrt über eine ruppige Landstrasse. Dann und wann steht ein Esel so bockstill mitten auf der Strasse, dass der Fahrer trotz lautem «Quäk, quäk»-Hupen abbremsen muss. In einem Fluss baden nackte Kinder, Menschen in ausgewaschenen T-Shirts und zerlumpten Hosen bieten Bananen, Mais oder Mango durch das Wagenfenster an. Der Abgasgeruch steinbeladener Sattelschlepper weht herein. Äthiopien ist immer noch ein mausarmes Land, auf dem Entwicklungsindex rangiert es auf Platz 174 von 188 Staaten. Doch Fortschritte sind überall sichtbar. Die extreme Armut wurde seit 1995 um ein Drittel gesenkt, die Kindersterblichkeit ist um 60 Prozent gesunken. Vor kurzem wurde eine neue Autobahn eröffnet, chinesische Investoren bauen eine moderne Eisenbahn von Addis Abeba nach Djibouti ans Meer.

Ein Platz für Strassenkinder

Einer, der beide Seiten seines Landes kennt, ist Shewangezaw Lulie. Er ist Managing Director im Kinderdorf Selam in der ausufernden Hauptstadt Addis Abeba, einem von einer Schweizerin mit äthiopischen Wurzeln gegründeten Hilfswerk. Hier erhalten einige Hundert Waisenkinder und Kinder von alleinstehenden Müttern einen Platz, wo sie Fürsorge und Liebe erhalten. «Wir haben über eine Million Kinder, die auf der Strasse leben oder kein geeignetes Heim haben», sagt Lulie, «das ist ein grosses Problem.» Eine Tagesklinik, eine Schule und ein Lehrlingsbetrieb gehören ebenfalls zum Hilfswerk, und die Koch­lehrlinge bieten in einem angegliederten Restaurant exquisite Menüs an – auch für Touristen.

Lulie begrüsst die Anstrengungen, die das Land in den Tourismus steckt, denn für ihn ist er auch ein Mittel gegen die Armut. Doch das sei nicht das Wichtigste. «Wenn Sie ein Land bereisen», sagt Lulie, «besuchen Sie nicht nur Sehenswürdigkeiten und historische Stätten. Sie treffen Menschen, Sie sehen unsere Kinder, Sie schauen ihnen in die Augen und tragen Sie im Herzen nach Hause – und wer weiss, vielleicht kommen Sie zurück.»

Die Reise wurde unterstützt von Travelhouse. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.06.2017, 18:00 Uhr

Äthiopien

Tipps und Infos

Anreise: Mit Ethiopian Airlines über Frankfurt oder Wien, mit Turkish Airlines über Istanbul.

Reiseveranstalter: Travelhouse bietet Flüge, Rundreisen und Unterkünfte in Äthiopien an. Tel. 058 569 95 30, www.travelhouse.ch,

Arrangements: «Kulturschätze Äthiopiens», zehntägige Gruppenrundreise in die ­christlichen Kulturstädte ab/bis Addis Abeba, im DZ mit Vollpension (ausser in Addis Abeba) ab 2765 Fr. p. P. «Expeditionsreise Omo Valley», 13-tägige Gruppenrundreise zu den ursprünglichen Volksgruppen und Nationalparks im Süden, ab/bis Addis Abeba, im DZ mit Vollpension, ab 2717 Fr. p. P.

Hoteltipps: Übernachten in traditionellen Bambusbungalows: Aregash Lodge, Yirgalem, www.aregashlodge.com; hoch über dem Hochplateau: Cliff Edge Hotel, Lalibela, www.cliffedgehotel-lalibela.com

Beste Reisezeit: Von Mitte Oktober bis Ende Mai.

Gesundheit: Informationen zu Impfungen und Malaria: www.safetravel.ch

Einreise: 6 Monate über das Rückreisedatum gültiger Reisepass. Visum bei der Einreise.

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