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Gastkommentar zur Debatte um J. K. RowlingRespekt für Transmenschen umfasst auch die Sprache

Es tut niemandem weh, respektvolle Bezeichnungen für Menschen aller Geschlechtsidentitäten zu verwenden. Statt darüber zu streiten, sollten wir über Wege zur Gleichbehandlung aller debattieren.

Die Community gegen den Hass: Demonstration der Transgender-Gemeinschaft in Zürich.
Die Community gegen den Hass: Demonstration der Transgender-Gemeinschaft in Zürich.
Foto: Thomas Egli

Transmenschen werden diskriminiert, ausgegrenzt, verfolgt – seit Jahrhunderten und immer noch. Andererseits verlieren wir uns in Diskussionen, ob die Trans-Community sich aufregen darf über Bezeichnungen, die sie als nicht respektvoll empfindet. Persönlichkeiten wie J.K. Rowling sehen sich veranlasst, sich über Bezeichnungen lustig zu machen, die neue Wege in der Sprache suchen, um Transmenschen in den Dialog einzuschliessen. Also Personen, deren Geschlechtsidentität nicht mit dem im Geburtsschein eingetragenen Geschlecht übereinstimmt.

Es geht dabei um die Bezeichnung «Menschen, die menstruieren». Rowling hatte sich öffentlich darüber gewundert, warum man Frauen so kompliziert umschreiben sollte. Michèle Binswanger schrieb im «Tages-Anzeiger», die damit losgetretene Debatte zwischen Rowling und der Trans-Community sei ein «Theater». Die Community begehe einen logischen Fehlschluss: «Denn wer Menschen, die menstruieren, als Frauen bezeichnet, sagt damit ja noch lange nicht, dass Menschen, die nicht menstruieren, keine Frauen sind.»

Tatsache ist, dass sich J. K. Rowling über Menschen herablassend auslässt, die neue sprachliche Wege suchen, um Diskriminierungen abzubauen.

Aber den falschen Schluss ziehen der «Tages-Anzeiger» und Binswanger. Denn: Wer «Menschen, die menstruieren» anstatt «Frauen» sagt, der möchte ausdrücken, dass es auch menstruierende Menschen gibt, die nicht Frauen sind, sondern Männer. Also Menschen, die laut Geburtsschein Frauen sind, sich als Männer fühlen, aber sich keiner geschlechtsangleichenden Behandlung unterzogen haben.

Ich sage das nicht als Mitglied der «Trans-Community» (ich bin es nicht), sondern als Ärztin. Ich beschäftigte mich in meiner Arbeit an der Psychiatrischen Uniklink in der Beratung und wissenschaftlich mit Transmenschen. Wer Transmänner kennt, weiss, dass durchaus nicht alle Hormone nehmen möchten oder können. Gerade in Afrika müssen wir davon ausgehen, dass sich viele Betroffene nicht behandeln lassen konnten und sich doch als Männer verstehen, also menstruierende Männer.

Tatsache ist, dass sich Rowling über Menschen herablassend auslässt, die neue sprachliche Wege suchen, um Diskriminierungen abzubauen. Und niemand hat irgendjemandem verboten «Frau» zu sagen. Also wer ist hier die Sprachpolizei?

Verteidiger «freier Meinungsäusserung» regen sich auch über andere Versuche auf, unsere Sprache der neuen Realität anzupassen.

Verteidiger «freier Meinungsäusserung» regen sich auch über andere Versuche auf, unsere Sprache der neuen Realität unterschiedlicher Geschlechtsidentitäten anzupassen. Man schreit auf gegen Sternchen und Unterstriche, als ob die eigene Freiheit bedroht wäre.

Aber wem tut es denn weh, wenn man respektvolle Bezeichnungen verwendet, so wie die Betroffenen sich das wünschen? Warum findet es J.K. Rowling lächerlich, wenn die Trans-Community sich aufregt über Bezeichnungen, die diese als nicht respektvoll empfindet? Wie leicht ist es doch, sich vom hohen Ross der Cis-Community (alle Nicht-Transgender Menschen) lustig zu machen über die «Hysterie» der Trans-Community.

Inzwischen ist es im öffentlichen Bewusstsein angekommen, dass Angehörige ethnischer Minderheiten oder indigene Völker selbst definieren, welche Bezeichnungen sie für sich selbst wünschen und nicht die «weisse» Mehrheit die Definitionsmacht an sich reisst.

Vor allem müssen wir uns die Frage stellen, warum wir überhaupt über diese Dinge diskutieren, anstatt über die eine zentrale Frage: Wie können wir eine Gesellschaft werden, die Diversität bejaht und Menschen jeglicher Hautfarbe, Geschlechtsidentität, sexueller Orientierung und anderer Varianten des menschlichen Daseins einschliesst?