Zum Hauptinhalt springen

Ermittlungen gegen LuftretterinRega-Konkurrentin kassiert Anzeige, weil sie Heli gleich in Zürich parkiert hat

Die Alpine Air Ambulance fliegt im Kanton Zürich Rettungseinsätze – und hat nun Probleme, weil sie ihren Helikopter ohne Absprache mitten in der Stadt stationierte.

Richtig stationiert: Der gelb-blaue Helikopter der AAA auf seiner Basis im aargauischen Birrfeld.
Richtig stationiert: Der gelb-blaue Helikopter der AAA auf seiner Basis im aargauischen Birrfeld.
Foto: Chris Iseli, aufgenommen am 1. Juni 2018

Die Retter aus der Luft sind nicht mehr zwingend Rega-rot. Immer öfter erscheint am Unfallort ein blau-gelber Helikopter der Alpine Air Ambulance, kurz AAA. Die private Firma hat ihre Basis im aargauischen Birrfeld und fliegtwie es üblich istvon dort an Unfallorte, ins Spital und wieder zurück. Eigentlich.

Im August stationierte die AAA ihren Helikopter an sechs Tagen auf der Werft der Zürichsee-Schifffahrtsgesellschaft in Wollishofen. Sie flog von dort aus Rettungseinsätze und Patientenverlegungen.

Geplant war ursprünglich ein Porträt über die AAA verbunden mit einem Besuch in Wollishofen. Es kam anders. Denn wie sich jetzt herausstellt, waren die rund zehn Einsätze möglicherweise nicht rechtens.

Die AAA hat die Werft mitten im Wohngebiet als «situative Stationierung» genutzt. Sozusagen als «Tagesbasis»: Der Helikopter flog zur Werft und nahm von dort aus Einsätze an. Das zeigen die Flugbewegungen des Onlinediensts Flightradar. Die Nachtstunden verbrachte er auf der Basis in Birrfeld.

Im Notfall darf ein Rettungshelikopter grundsätzlich überall landen und starten, es geht schliesslich um Leben und Tod. Das war hier aber nicht der Fall. Die Landungen von AAA in der Werft hätten laut Gesetz im Voraus mit der zuständigen Behörde in diesem Fall dem Amt für Verkehr abgesprochen werden müssen. Einerseits geht es dabei um Sicherheitsaspekte, andererseits können betroffene Gemeinden so Einwände oder Auflagen beispielsweise betreffend Lärm einbringen.

Nur: Die AAA hat das Amt für Verkehr nicht vorgängig informiert. Nach Recherchen dieser Zeitung und Hinweisen von Dritten hat der Kanton nun Anzeige gegen sie erstattet. «Wir haben in den Flugbewegungen der besagten Maschine Unregelmässigkeiten festgestellt», schreibt das Amt für Verkehr. Nun wird beim zuständigen Bazl ermittelt. Die AAA muss eine Stellungnahme abgeben. «Wir klären derzeit ab, ob ein Administrativ- oder gar ein Administrativstrafverfahren eröffnet wird», schreibt ein Sprecher des Bazl. Die AAA hat den Heli mittlerweile abgezogen.

Waren die Aktionen der AAA tatsächlich nicht rechtens, droht ihr eine Busse von bis zu 20’000 Franken, bei groben Verstössen sogar bis zu 40’000 Franken. Die AAA schreibt auf Anfrage, man habe alle nötigen Bewilligungen eingeholt.

Der nächste Heli darf fliegen

Doch warum will die AAA mitten in Zürich einen Helikopter stationieren? Sprecherin Petra Seeburger schreibt: «Der Helikopter wurde und wird situativ im Grossraum Zürich je nach Einsatzaufkommen temporär stationiert, um möglichst schnell beim Patienten zu sein.»

Das klingt einleuchtend. Allerdings muss man wissen: Im Kanton Zürich gilt seit 2018 das «Next-Best-Prinzip». Derjenige Helikopter, der am schnellsten am Unfallort sein kann, bekommt den Auftrag.

Die Basis der AAA in Birrfeld ist rund 30 Kilometer von der Stadt Zürich entfernt. Klar: Ein Heli kann diese Distanz in wenigen Minuten zurücklegen. Bei einem Rettungsaufgebot entscheiden aber Sekunden.

Mit einer «situativen Stationierung» mitten in einem Wohngebiet, im grössten Ballungsraum der Schweiz, ist man in bester Position, für Rettungseinsätze aufgeboten zu werden.

Seit 2018 sind neben der Rega auch die AAA und die deutsche DRF in Zürich tätig. Man steht in Konkurrenz, auch wenn man das nicht so sagen will. Alle Rettungsdienste – dazu gehören beispielsweise auch Ambulanzen und Feuerwehrautos – werden zentral von Schutz und Rettung Zürich aufgeboten. Diese disponieren auch für Schaffhausen, Zug und Schwyz.

Für Schutz und Rettung ist das Next-Best-Prinzip ein «Erfolg». In Notfällen sei man in verschiedenen Gemeinden deutlich schneller vor Ort, schreibt ein Sprecher.

Das Problem mit der Kostenübernahme

Für Rega-Gönnerinnen heisst das aber: Wenn sie verunfallen, kann es sein, dass sie auf ihren Kosten sitzen bleiben. Sofern die Versicherung oder Krankenkasse nicht für die Einsatzkosten aufkommt, kann die Rega ihren Gönnern die Kosten erlassen – aber nur, wenn sie den Einsatz auch geflogen ist oder ihn organisiert hat.

Ein Rega-Helikopter im Einsatz auf dem Dach des Stadtspitals Triemli. Die Rega war lange die einzige Helifirma in der Schweiz, die Luftrettungen durchführte.
Ein Rega-Helikopter im Einsatz auf dem Dach des Stadtspitals Triemli. Die Rega war lange die einzige Helifirma in der Schweiz, die Luftrettungen durchführte.
Foto: Rega

Das zeigt ein Beispiel aus dem Kanton Aargau: Dort musste ein junger Mann ins Spital geflogen werden, er verstarb jedoch. Die Eltern bekamen laut der «Aargauer Zeitung» eine Rechnung über 1500 Franken. Weil die Einsatzzentrale damals die AAA aufgeboten hatte, kam die Rega trotz Gönnerschaft nicht für die Kosten auf.

Für die Rega, die massgeblich durch ihre 3,5 Millionen Gönner finanziert wird, ist die Situation «unbefriedigend», wie Sprecher Adrian Schindler sagt. In den letzten beiden Jahren habe man «in weniger als 20 Fällen» Gönnerinnen eröffnen müssen, dass man für die Einsatzkosten der AAA nicht aufkommen könne.

Die Rega hat eine ihrer Basen auf dem Flugplatz in Dübendorf, optimal gelegen für Einsätze im Kanton. Zur Wollishofer Stationierung der AAA sagt Schindler nur: «Es ist nicht an uns, über die Richtigkeit und Sinnhaftigkeit eines zusätzlichen Rettungshelikopters auf Zürcher Kantonsgebiet zu urteilen.»

Der bunte Track-Record der AAA

Das Vorgehen der AAA in Wollishofen passt ins Schema ihres Gründers und Inhabers Jürg Fleischmann. Der 57-Jährige ist eine illustre Figur: ehemaliger Rega- und Swissair-Pilot mit über 15’000 Flugstunden auf über 100 Helikopter- und Flugzeugtypen.

Er nahm an Luftrennen teil und gewann mit spektakulären Filmeinsätzen sogar einen Emmy. In den 80ern flog er laut NZZ ranghohe Politiker und Promis im Privatheli ans WEF. Mit Mitte 20 gründete er die Lions Air, aus der 2011 dann die AAA hervorging. Auf der Firmenwebsite gibt er sich als Selfmademan, der mittlerweile ein Flugunternehmen mit rund 200 Angestellten, elf Helikoptern und fünf Flugzeugen führt.

Jürg Fleischmann, Gründer und Inhaber der Lions Air, zu der die AAA gehört, während einer Präsentation auf der Basis in Birrfeld. Im Hintergrund der gelb-blaue Rettungshelikopter.
Jürg Fleischmann, Gründer und Inhaber der Lions Air, zu der die AAA gehört, während einer Präsentation auf der Basis in Birrfeld. Im Hintergrund der gelb-blaue Rettungshelikopter.
Foto: Chris Iseli, aufgenommen am 1. Juni 2018

Das Unternehmen war allerdings bereits mehrfach mit den Behörden im Clinch.

Zum Beispiel in Liechtenstein: Seit Ende 2018 ist Fleischmann auf dem Heliport Balzers aktiv. Dort beschwerten sich zahlreiche Anwohnerinnen, dass Routen und Flughöhen von Piloten oft nicht eingehalten würden. Ein Liechtensteiner Politiker kritisierte die vielen Nachtflüge, die oft keine Krankentransporte oder Katastropheneinsätze in der näheren Region betreffen würden. Er forderte eine Neuprüfung des Betriebsreglements. Das Bazl sagte damals, die Situation in Balzers sei «sehr schwierig». Seit einigen Monaten läuft beim Bazl ein Verfahren, unter anderem betreffend Nachtflügen.

Diesbezüglich sagt Sprecherin Seeburger: «Auch Organtransporte, bei denen jeweils höchste Dringlichkeit geboten ist, sind gemäss Luftrecht medizinische Notfälle.» Zudem seien ihre Helikopter von den Beschwerden betreffend Routen und Flughöhen nicht betroffen. Das Bazl schreibt: «Das Verfahren ist nach wie vor hängig und wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen.»

In der Branche ist Fleischmann, der lange im Zürcher Unterland lebte, für sein wenig zimperliches Vorgehen bekannt. Personen, die mit ihm zu tun hatten, beschreiben ihn als gewinnenden Typen, der im Ernstfall aber schnell sich selbst der Nächste sei. Ein Gespräch mit ihm kam nicht zustande.

Probleme gibt es auch bei der Stationierung auf dem Spital Limmattal in Schlieren. Die AAA nutzte seit Mitte März dessen Landeplatz «situativ» für Corona-Patientinnen. Der Heli flog vormittags aufs Dach und startete von dort aus Einsätze in der Region. Am Abend verliess er ihn wieder in Richtung Aargauähnlich wie auf der Werft in Wollishofen.

Wie die «Limmattaler Zeitung» berichtete, beschwerten sich die Anwohner heftig über den Lärm. Der Helikopter fliege an einzelnen Tagen so viel wie vorher in einem ganzen Jahr. Die Spitalverantwortlichen gaben schliesslich ein Lärmgutachten in Auftrag. Bis dieses abgeschlossen ist, darf der AAA-Heli nur für Rettungseinsätze auf dem Spitaldach landen.

Mitarbeit: Pia Wertheimer