Viel mehr als ein Lockenkopf

Jolanda Neff bestreitet an den Olympischen Spielen die Rennen mit dem Mountainbike und auf der Strasse. Heute ist sie erstmals im Einsatz.

Jolanda Neff am Strand von Ipanema.

Jolanda Neff am Strand von Ipanema. Bild: Keystone

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Ein Velorennen ist für den Zuschauer in erster Linie ein grosses Gewusel. Ein Durcheinander von Helmen, Velos, Leibchen, Brillen in allen vorstellbaren Farben. Ganz wenige Fahrer nur schaffen es, aufzufallen. Meist mit kleine Anomalien, einem unorthodoxen Fahrstil, einer besonderen Sonnenbrille oder glänzenden Schuhe.

Jolanda Neff hat in dieser Kategorie gleich mehrere Merkmale, dank denen man sie in ihren Rennen leicht erkennen kann. Da wäre die auffällige Brille ihres Sponsors, der sich für die Olympischen Spiele eine extra-grelle Farbkombination einfallen lassen hat. Oder die blonden Locken, welche in einem knapp gebändigten Busch unter ihrem Helm hervorquellen.

Meist an der Spitze

Alleine ihre Erscheinung macht sie zur Ausnahmefigur, zum bunten Vogel im Feld. Andere Athleten wählen solche Aufmerksamkeit heischende Accessoires sehr bewusst aus. Neff hingegen kann so wenig für die Geschmacksverirrung ihres Sponsors wie die wilde Wuchsrichtung ihrer gekrausten Haare.

Die 23-Jährige fiele auch mit durchschnittlicher Brille und normalen Haaren auf. Die Rheintalerin aus Thal beeindruckt als Sportlerin nicht primär optisch, sondern athletisch. Neff in einem Rennen auszumachen, ist nicht schwierig: Mit grosser Wahrscheinlichkeit findet man sie an dessen Spitze.

So ist das zumindest auf dem Mountainbike, ihrem Sport, mit dem sie gross geworden ist. Neff fuhr von klein auf in der Trainingsgruppe ihres Vaters, er war ihr Mentor, ist es noch heute. Neff gewann bald Rennen, in Serie, das änderte sich auch nicht, als sie grösser wurde und die Konkurrenz internationaler.

Sie gewann WM-Titel im Nachwuchs – in Serie natürlich. Des Siegens wurde sie nicht überdrüssig, das nicht. Aber der Reiz, es endlich mit den Grossen aufzunehmen, war gross. So wechselte sie schon mit 21 Jahren in den EliteWeltcup, statt weiter behütet in der U-23 zu fahren.

Sky is her limit

Wie richtig der Schritt gewesen war, zeigte sich in ihrer ersten Saison: Neff gewann den Gesamtweltcup, mit 21, als jüngste Fahrerin der Geschichte. «Sky is her limit» sagen sie im englischen Sprachraum treffend für Ausnahmefiguren von Neffs Kaliber.

Warum also diesen Himmel nicht zwei Mal berühren? Vor zwei Jahren war es, Neff reiste erstmals nach Brasilien, um die Olympiastadt auszukundschaften. Jenen Ort, wo sie die oberste Stufe ihrer Sportart erklimmen würde, dank Olympiagold. Sie begutachtete den Bike-Parcours und lernte die Stadt mit ihren unzähligen Hügeln kennen.

Sie hörte dabei auch vom Strassenrennen, das über diese führen würde. Von da war es nicht mehr ein allzu grosser Schritt für Nationalcoach Edi Telser, der zum kleinen Vertrauenszirkel der Athletin gehört, Neff für die Idee eines Doppelstarts zu begeistern.

Da war nur noch eine kleine Sache: Sie würde ihren Startplatz erst noch herausfahren müssen. Das war nicht das grösste Problem: Neff liebt nichts mehr als Rennen zu fahren, egal, auf welchem Untergrund. Zu Trainingszwecken hatte sie auf der Strasse auch schon gemischte Wettkämpfe bestritten. Die Stufe zu Frauen-Profirennen nahm sie problemlos. Klar bezahlte sie Lehrgeld, blieb in Rennen, die ihr hätten liegen müssen, mit Defekten zurück, weit vor dem Finale.

Dann kam aber die WM vergangenen Herbst in den USA, und als es um die Medaillen ging, schaffte auch Neff die finale Selektion. Im Sprint war sie zwar chancenlos, kein Wunder gegen Frauen, die fünf, zehn, fünfzehn Kilogramm mehr (Muskeln) auf die Waage bringen. Aber es war die letzte Bestätigung: Sie hatte auch auf der Strasse eine Daseinsberechtigung, konnte mit den Besten mitmischen.

Rückschläge wegen Verletzungen und Krankheiten

Die Olympiasaison startete sie weiter mit diesem Doppelfokus, und man musste zwischenzeitlich fürchten, dass es doch zu viel gewesen war für sie. Im Winter brach sie sich im Training einen Knochen in der Hand. Beim ersten Bike-Weltcup zog sie sich nur Stunden vor dem Startschuss zurück. Wegen Erkältung, Heuschnupfen, so genau mochte sie das nicht erklären.

Dazwischen siegte sie, etwa beim Weltcup in La Bresse, trotz spektakulärem Sturz mitten im Rennen. Doch der Sturz hatte Folgen: Im Juli war sie an der WM sichtlich limitiert, musste ihre Gegnerinnen ziehen lassen, der Rücken schmerzte zu sehr.

Das Problem kriegte sie langsam in den Griff, aber es kostete sie einige Rennen, sprich Siege. Stellte sie deswegen den Doppelstart je infrage? «Nein!», sagt sie am Strand von Ipanema, nur Tage vor ihrem ersten Olympiaeinsatz, dem Strassenrennen von heute.

Die ersten Tage in Rio haben sie sichtlich inspiriert. Als Henne im Korb reiste sie mit den Schweizer Strassenfahrern an. Die nahmen sich ihr an, hielten sich mit Tipps nicht zurück, schliesslich verbrachten sie die ganzen Tage zusammen, assen und trainierten gemeinsam, im olympischen Dorf bewohnen sie eine Maisonettewohnung, mit Einzelzimmern für alle.

Dieses wird Neff am Montag verlassen, um sich in Petropolis, zwei Stunden von der Olympiastadt entfernt, aufs Bike-Rennen vorzubereiten, das erst übernächsten Samstag stattfindet. Einsam wird sie sich auch dort nicht fühlen – die Schweizer Biker reisen auch am Montag an und werden dort ihre Kollegin treffen.

Die Schweizerin freut sich auf die vielen steilen Aufstiege

Sie wird ihnen viele Geschichten erzählen können. Vielleicht auch eine über Edelmetall. Während sich viele Fahrerinnen vor den steilen Aufstiegen des Parcours fürchten, freut sie sich auf diese. Anders steht es um den Wind, der an der Küste wehen kann und dem sie mit ihrem feingliedrigen Körper wenig entgegenzusetzen hätte, sollte er blasen.

Oder einen Endspurt, das weiss sie seit der vergangenen WM. Aber bevor es so weit kommt, müssen sie alle hoch zur Vista Chinesa. Und da müssen die Konkurrentinnen erst einmal Jolanda Neff folgen können. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.08.2016, 09:35 Uhr

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