Cancellaras allerletzte Herausforderung

Zum Abschluss seiner Karriere will Fabian Cancellara heute im Zeitfahren eine Medaille gewinnen.

Rosige Aussichten? Fabian Cancellara kämpft heute im Zeitfahren um eine Medaille – die letzte in seiner Karriere. Foto: Urs Jaudas

Rosige Aussichten? Fabian Cancellara kämpft heute im Zeitfahren um eine Medaille – die letzte in seiner Karriere. Foto: Urs Jaudas

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Und plötzlich ist der 10. August da. Ein Datum, das in Fabian Cancellaras Planung lange gar nicht existiert hat, zumindest öffentlich. Der Berner entschied in seiner letzten Profisaison, seine Agenda für sich zu behalten. Er sprach maximal von seinem nächsten Rennen, war nie bereit, den Bogen zu folgenden, allenfalls grösseren Zielen zu schlagen. Er nahm im Frühling Rennen für Rennen, da war zumindest sein Programm klar. Danach schwieg er sich über dieses aus. Ob er zur Tour de France starten würde? Oder gar an den Olympischen Spielen? Cancellara machte ein Geheimnis daraus, obwohl im Hintergrund die Entscheide längst gefällt waren.

Mental zusammengeklappt

Allein seine umfangreichen Forderungen an die Schweizer Delegation zeigten, wie ernst es ihm war mit diesem Olympia-Zeitfahren. Der Grossteil von diesen wurden erfüllt. So muss er keine Kompromisse eingehen wie mancher andere Olympionike. Cancellaras Vertrauensleute gehören zur Schweizer ­Delegation. Nationalcoach Luca Guercilena ist zugleich sein Teamchef bei Trek-Segafredo, sein Trainer und wichtigster Vertrauter in allen sportlichen Fragen. Weitere Trek-Angestellte in der Swiss-Olympic-Delegation sind Mechaniker Roger Theel und Soigneur Josué Arán.

Ausser dass er das Schweizer Trikot trägt, ist für Cancellara also alles wie ­immer. Und trotzdem ist etwas anders in diesem Rennen. Grundsätzlich anders. Es ist das letzte grosse Ziel seiner Karriere. Danach kommt nicht noch ein anderes, auf das er sich konzentrieren könnte. Es zählt dieser 10. August, danach ist die Geschichte realistischerweise vorüber. Klar wird er noch einige Rennen bestreiten, schliesslich steht er noch bis Ende Jahr unter Vertrag. Aber Ziele? Ziele gibt es danach keine mehr.

Der Streckenplan für das Zeitfahren

Mental ist das ein enormer Brocken. Was in seinem Inneren alles an Emotionen vor sich hin brodelt, realisierte Cancellara erstmals an der Tour de France. Nach der Etappe ins Wallis, an deren Ende er wie geplant das Rennen aufgab, klappte er emotional zusammen. «Mir ging der Laden runter. Komplett», sagt er. Im Teambus liefen ihm die Tränen nur so runter, irgendwann konnte er nicht mehr, machte einen Abgang, «ich verabschiedete mich nicht einmal mehr von allen Teammitgliedern, was ich sonst immer mache».

Die Beziehung zu den Spielen ist wohl nicht ganz so eng. Aber so genau weiss man das nicht – Cancellara macht sich vor diesem letzten Rennen rar. Ein paar Sätze hinter der Ziellinie des Strassenrennens, verschwitzt und müde, ist ­alles, was er vor dem Zeitfahren von sich gibt. «Ich habe nichts zu verlieren, ich habe bereits eine Goldmedaille», sagt er. Es ist derselbe Satz, den auch Triathletin Nicola Spirig immer wieder aufsagt, ein Satz wie ein Schutzmechanismus. Er schützt vor den Erwartungen der Öffentlichkeit, und wohl auch vor den eigenen.

Topfavoriten sind andere

Fragt sich nur, wie hoch die sind. Von aussen betrachtet, kann er nicht der Topfavorit sein. Dafür waren Leute wie Tom Dumoulin und Chris Froome zuletzt zu stark. Erst recht auf diesem Parcours mit zwei Steigungen, wovon vor allem die erste sehr steile Partien beinhaltet.

Andererseits zeugen Aussagen von Guercilena von der Akribie, mit der man sich auf dieses Rennen vorbereitet hat. Der Italiener erzählt von der bösen ­Steigung («400 Meter sind es, wir hoffen, dass er sie mit hoher Kadenz überwinden kann»), aber auch von den leicht abfallenden zehn Kilometern danach («da kann er die Differenz machen»). Guercilena erwähnt auch die vier Trainingstage, die die beiden in Bern vor der Abreise noch absolviert haben, ebenso Cancellaras physische Verfassung: 82 Kilogramm wiegt er, nur 82 («genau wie vor vier Jahren in London»).

Es sind alles Aussagen, die zum Träumen einladen. Zum Träumen von einer Medaille, egal aus welchem Metall.

Erstellt: 09.08.2016, 23:37 Uhr

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