Der Sport hat ein Frauenproblem

Beim 800-m-Lauf starten gleich drei Athletinnen, die ein Frauenbild jenseits der Norm verkörpern. Das steht auch für Nöte.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Was hat sich Caster Semenya über die Jahre alles anhören müssen: Ein Mann sei sie, eine vermännlichte Frau oder ­zumindest ein Mannsweib. Denn als die Südafrikanerin 2009 als unbekannter Teenager an der WM in Berlin zu 800-m-Gold rannte, fiel sie auf. Sie war muskulös, hatte kaum Brust, dafür eine tiefe Stimme und sehr breite Schultern. ­Sieben Jahre nach ihrem turbulenten Durchbruch steht sie erneut in den Schlagzeilen. Semenya startet heute als Favoritin ins 800-m-Turnier. Sie ist ­dabei eine von drei Athletinnen, welche das durchschnittliche Frauenbild erweitern. Dazu gehören auch Francine ­Niyonsaba (Burundi) und Margaret Wambui (Kenia), die ebenfalls für Medaillen schnell genug sein könnten.

Auch Caster Semenyas Konkurrentinnen Francine Niyonsaba (M.) und Margaret Wambui stellen den Sport vor eine grundsätzliche Frage. Foto: Getty Images

Dass man über Semenya intimste ­Details kennt, hängt mit dem Versagen der Leichtathletikwelt in ihrem Fall ­zusammen und der Schwierigkeit, wie mit solch speziellen Menschen umzugehen ist. Semenya zählt zu einem sehr ­geringen Anteil, man geht von 0,2 bis 1,6 Prozent aus, den Wissenschaftler als «Intersexuelle» bezeichnen. Solche Personen können nicht eindeutig dem weiblichen oder dem männlichen Geschlecht zugeordnet werden, aus genetischen, hormonellen und/oder anatomischen Gründen. Denn das Geschlechtsorgan entsteht beim weiblichen wie beim männlichen Embryo aus denselben ­Anlagen.

Nicht nur eine Frage der Biologie

Im Fall von Semenya weiss man, dass sie weder Gebärmutter noch Eierstöcke aufweist, dafür nie komplett ausgebildete Hoden, die im Körperinnern liegen. Diese Eigenschaften machen sie trotzdem nicht zum Mann, weil die Kategorien Mann und Frau keineswegs nur von der Biologie her definiert werden. Im Englischen existieren darum die ­Begriffe «sex» (biologisches Geschlecht) und «gender» (soziologisches Geschlecht). Diese Differenz kennt die deutsche Sprache nicht.

Menschen wie Semenya können also soziologisch gesprochen Frauen sein und sich von klein auf ganz selbst­verständlich als Mädchen bzw. später Frauen fühlen, sich starr biologisch ausgelegt aber doch zwischen den klar definierten Geschlechtern befinden. Darum die Bezeichnung «Intersexuelle».

Die Bedeutung von Testosteron

Die diffizile Diskussion darüber, was Menschen trennt bzw. wie sie «klassifiziert» werden können, wäre für den Sport unwichtig, würde er nicht zwischen «Frau» und «Mann» unterscheiden, also anhand des biologischen ­Geschlechts zwei Kategorien bilden. Er tut dies, weil jeder Teenager erfährt: ­Sobald die Hormone im Körper so richtig zu fluten beginnen, sorgt primär das Geschlechtshormon Testosteron dafür, dass ältere Mädchen gegenüber älteren Buben im sportlichen Wettstreit plötzlich chancenlos sind. Davor sind oft die Mädchen besser.

Frauen also gegen Männer um Medaillen kämpfen zu lassen, wäre aus biologischer Sicht unfair. Bloss zwingt diese Kategorisierung den Sport dazu, zu definieren, was er unter «Frau» versteht. Weil er sich aus allen soziologischen ­Diskussionen zu Recht heraushält, wählte er eine sehr enge Definition, die selbst von Experten kritisiert und doch akzeptiert wird, weil nach dem aktuellen Stand der Forschung keine bessere vorhanden ist. Vereinfacht gesagt, lautet sie: Männer verfügen über viel Testosteron, Frauen über wenig. Hier beginnt nun das Problem, denn Intersexuelle wie ­Semenya haben einen um circa ein bis drei Prozent höheren Testosteronspiegel als die Durchschnittsfrau.

Der Einspruch der Richter

Was unbedeutend klingt, bringt Frauen wie Semenya allerdings einen Leistungsvorteil, womit der Sport zu seiner ­Gretchenfrage kommt: Schützt er die durchschnittliche Topathletin und ­damit die «Kategorie Frau», die er ja ­gerade bildete – oder gewichtet er das Recht von Athletinnen wie Semenya ­höher, auch abseits der Norm in der Frauen-Kategorie dabei sein zu können.

Der Leichtathletik-Verband sowie das IOK haben sich in einer «Lex Semenya» für einen Kompromiss entschieden und einen Testosterongrenzwert festgelegt, den keine Frau überschreiten darf, will sie in der Frauen-Kategorie teilnehmen. Er ist dreimal höher als der Wert, den eine durchschnittliche Frau aufweist. Wer als Athletin darüberlag, hatte zwei Möglichkeiten: den Testosteronwert unter das Limit zu drücken, durch Chemie und/oder einen Eingriff – oder auf einen Start zu verzichten. Semenya entschied sich für einen Start und wurde in der Folge ein bisschen weniger kantig – vor allem aber langsamer.

Sie hat nicht wählen können, wie sie ist

Hatte sie in ihren besten Jahren jeweils Zeiten von deutlich unter 2 Minuten erreicht, lief sie nun klar darüber und erst auf diese Saison hin wieder unschlagbar schnell. Der Grund ist auf einen Entscheid des Internationalen Sportgerichtshofs von 2015 zurückzuführen, der den Testosteronansatz nach einer Klage einer indischen Sprinterin aufhob. Es sei wissenschaftlich nicht ausreichend belegt, dass die Menge an Testosteron der primäre Leistungstreiber sei, argumentierten die Richter. Training, Ernährung oder andere Faktoren könnten ebenso wichtig sein. Darum muss der Leichtathletik-Verband bis 2017 beweisen können, dass er die Testosteronstrategie fahren darf, ansonsten fällt der Passus weg.

In der Zwischenzeit sind Intersexuelle wie Semenya nicht mehr darauf angewiesen, ihre Testosteronwerte künstlich zu drücken. Sie darum zu kritisieren, ist falsch. Sie hat schliesslich nicht wählen können, wie sie sein will. Sie ist schlicht, wie sie ist. Der Sport hingegen befindet sich in einer enorm schwierigen Situation: Erst zum Schutz der Frauen führte er die Frauen-Kategorie ein, nur um inzwischen zu erfahren, dass er damit im Moment die durchschnittliche Spitzensport-Frau benachteiligt.

Erstellt: 16.08.2016, 23:43 Uhr

Artikel zum Thema

Als Frau zugelassen

Caster Semenya löste die Debatte aus, wie der Sport das Frausein definiert. Die Diskussion dürfte wieder aufleben: Die 800-m-Läuferin aus Südafrika nähert sich ihren besten Zeiten. Mehr...

Die Olympischen Sommerspiele früher und heute

Einfacher Sprung vs. Doppelsalto: Die Leistungssteigerung der Athleten über die letzten 60 Jahre ist enorm. Der Direktvergleich im Video. Mehr...

Speedsmile – witzeln über Bolts Zielfoto

Wie muss das für seine Gegner demütigend sein! Usain Bolts Schmunzler nach 100 Metern wird vom Netz gefeiert. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Ein Märchen aus Lichtern: Zum ersten Mal findet das Internationale Chinesische Laternenfestival «Fesiluz» in Lateinamerika, Santiago de Chile statt. Es dauert bis Ende Februar 2020. (3. Dezember 2019)
(Bild: Alberto Walde) Mehr...