Die auffällige Russin

Darja Klischina durfte als einzige russische Leichtathletin an den Spielen starten, weil sie in den USA trainiert. Als Verräterin hat man die Weitspringerin zu Hause bezeichnet.

Darja Klischina musste sich ihren Start kurz vor der Qualifikation beim Sportgerichtshof erkämpfen – jetzt steht sie im Weitsprungfinal. Foto: Phil Noble (Reuters)

Darja Klischina musste sich ihren Start kurz vor der Qualifikation beim Sportgerichtshof erkämpfen – jetzt steht sie im Weitsprungfinal. Foto: Phil Noble (Reuters)

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Nach den turbulenten letzten Tagen war ihr Trainer skeptisch, ob Darja Klischina überhaupt den Weitsprungfinal erreichen würde. Die Russin war vom Internationalen Leichtathletikverband (IAAF) zwar als Einzige ihres Landes zu den Spielen zugelassen worden. Kurz vor der Qualifikation am Dienstag aber aberkannte er ihr die Starterlaubnis, weil neue Informationen zeigten: Auch Klischina soll wie alle anderen russischen Leichtathleten vom systematischen Staatsdoping tangiert gewesen sein. Zumindest habe man manipulierte Dopingproben von ihr gefunden, sagte die IAAF. Klischina opponierte vor dem Sportgerichtshof und bekam recht, durfte also doch teilnehmen.

Klischina dürfte wissen, wie sich ihre russischen Kollegen in Form brachten.

Dass sie sich angesichts der miesen Vorbereitung in den Final von heute Nacht sprang, wertete ihr Coach Loren Seagrave darum als grossen Erfolg. Der Amerikaner zählt zu den erfahrensten Leichtathletiktrainern, weil er seit rund 30 Jahren mit mancher Grösse des Sports zusammengearbeitet hat und in Florida regelmässig die Form vieler Topathleten aus zahlreichen Ländern veredelt.

Model und Mediendarling

Als ihm im Herbst 2013 die damals 22-jährige Klischina aus Moskau gemeldet wurde, dachte er sich: «Mein Gott, jetzt muss ich mich auch noch mit einer Diva abgeben.» Klischina fiel nicht nur als supertalentierte Nachwuchsspringerin auf, die 2009 Junioren-WM-Gold ­geholt hatte und mit 19 Jahren bereits 7,04 m gesprungen war, sondern auch als Model. Mit ihren 1,80 Metern und den langen, eleganten Beinen wurde die Blondine in Russland rasch zum (Medien-)Darling. Der US-Sportagentur-Gigant IMG nahm sie darauf als erste russische Leichtathletin unter ­Vertrag. In dessen Sportakademie ist Seagrave angestellt.

So gar nicht wie das Klischee

Er hat eine Klischina kennen gelernt, die sein Vorurteil rasch zerstörte: Sie sei natürlich, professionell und begierig, als Weitspringerin dazuzulernen. Denn dem grossen Versprechen missriet der Übergang in die Elite: An der WM 2011 verletzte sich Klischina, für die Spiele 2012 vermochte sie sich nicht zu qualifizieren, und an der Heim-WM 2013 in Moskau reichte es ihr «nur» zu Platz 7. Ihr Umfeld fand darum, es sei notwendig, dass sie den Kopf lüfte, ­Englisch lerne und in der Sonne von Florida von einem Weltklassetrainer profitiere. Die drei Monate gefielen ­Klischina so gut, dass sie im Frühling 2014 in die USA zog. So erzählen zumindest sie und Seagrave die Geschichte.

Angesichts der jüngeren Ereignisse um den russischen Sport und des Wissens um das systematische Staats­doping ist eine erweiterte Lesart möglich: ­Klischina wollte sich auch aus diesem Würgegriff lösen. Dafür sprechen zwei Dinge: An ihre Weiten, die sie als 19- und 20-Jährige in Russland erreichte, ist sie in diesen knapp drei Jahren unter Sea­grave nicht herangekommen. Und: ihr Werdegang.

Mit 13 Jahren das Elternhaus verlassen

Mit 13 Jahren wurde Klischina von einer Moskauer Leichtathletiktrainerin an einem regionalen Wettkampf entdeckt. Darauf verliess das Mädchen sein Elternhaus, das rund 150 km von Moskau entfernt steht, um sich in der Hauptstadt zu professionalisieren. Bereits mit 15 Jahren konzentrierte sich Klischina aufs Weitspringen (und Gelegenheits­modeln).

Als talentierteste Weitspringerin des Landes durchlief sie alle Förder­stufen und kam damit rasch in Kontakt mit den besten Leichtathleten anderer Disziplinen. Insofern muss man davon ausgehen, dass Klischina im Minimum wusste, wie sich ihre Kollegen und Kolleginnen abseits der Trainingsanlagen zusätzlich in Form brachten. Zumal sie in einem der grössten Sportclubs des Landes (ZSKA) trainierte.

Intime Einblicke ins System

Damit sei keineswegs gesagt, dass ­Klischina je betrogen hat. Dafür gibt es keine Belege. Allerdings können wegen ihres sportlichen Werdegangs zugleich wohl nur die kühnsten Optimisten glauben, sie habe nie intimste Einblicke in ein System erhalten, das mittlerweile zweifelsfrei als dopingverseucht entlarvt ist. Wenig überraschend hat sich die clevere Klischina nie zu ihrer Vergangenheit geäussert – und wird in Russland trotzdem massivst kritisiert. Nachdem die IAAF sie als einzige Russin für startberechtigt erklärt hatte, wurde sie von Athleten, Funktionären und Online­kommentatoren gar als «Verräterin» ­verunglimpft.

Obschon sie sich in den USA so gut wie möglich aufs Weitspringen konzentrierte, entgingen ihr diese Schlagzeilen in der Heimat natürlich nicht. Dass sie die letzten Monate darum als die schwierigsten ihres Lebens bezeichnete, ist da sehr verständlich. Eine auffällige russische Leichtathletin ist sie gleichwohl geblieben – in und neben der Weitsprunggrube.

Erstellt: 17.08.2016, 23:24 Uhr

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