Die Macht untermauert

Chinas Dominanz im Tischtennis ist erschreckend und provoziert im deutschen Team eine Debatte um Fördermittel.

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Mit quietschenden Sohlen gleiten sie im Eiltempo über das Parkett. Wie angestachelte Fechter flitzen sie die Tische entlang. Ihre Waffe ist aber weder Degen noch Säbel, sondern ein mit Gummi beschlagener Holzschläger. Im Sternschritt tänzeln sich die Tischtennisspieler in Position und streifen den kleinen Ball mit einer Beschleunigung, die auf der Gegenseite kaum zu kontrollieren ist. Drei- oder viermal zischt die weisse Kugel übers Netz, zum Schluss folgen ein erfolgreicher Schlag, ein Schrei und die geballten Fäuste vor der Brust.

Fast jeder Punkt wird hier in der Messehalle abseits des Olympiaparks vom Publikum frenetisch gefeiert. Tausende sind diese Woche zum Abschluss der ­chinesischen Festspiele gekommen, um den 3:1-Sieg der Männer im Teamfinal gegen Japan zu beklatschen. Die rot gefärbte Tribüne wirkt wie eine unverrückbare Mauer und steht für die Dominanz der Pingpong-Prominenz aus dem Reich der Mitte.

Im chinesischen Tischtennis ist wahrlich alles Gold, was glänzt. Fünf goldene Sterne stechen aus dem Fahnenspiel der Zuschauer hervor. Golden schimmert auch der Drachen auf dem Dress der Athleten, die in ihrem Land wie Götter verehrt werden. In der olympischen Geschichte gingen im Tischtennis von 28 Goldmedaillen 24 an China. Und auch in Rio gewannen die chinesischen Männer und Frauen im Einzel und im Team alle Goldmedaillen. Einzig der Schwede Jan-Ove Waldner, der «Mozart des Tisch­tennis», vermochte 1992 mit seinem Olympiasieg in Barcelona als erster und bisher letzter Europäer die asiatische Vormacht zu durchbrechen.

Einer seiner grössten Widersacher war damals auch Jörg Rosskopf, der in Rio de Janeiro als Trainer das deutsche Team wie schon in London 2012 zu Bronze führte. Vier Jahre zuvor verloren die Deutschen erst im Final von Peking – natürlich gegen China. «Die Chinesen stehen verdient da oben, weil sie über Jahre hinweg hart arbeiten», sagt Rosskopf. «Es gibt zwar Rezepte, um die Chinesen zu schlagen, uns fehlt jedoch das Geld, um da mitzuhalten.»

Doping für den Schläger

Eindrücklich und erschreckend zugleich ist der Blick auf die Weltrangliste. Ma Long ist die herausragende Figur, der mit seiner Eleganz und Explosivität diese Saison alle grossen Wettbewerbe gewonnen hat – auch das Einzel in Rio. Der 27-Jährige führt die Weltrangliste vor drei weiteren Chinesen an. Erster Europäer auf Rang 6 ist der gleichaltrige Deutsche Dimitrij Ovtcharov. Auch er erklärt die chinesische Dominanz mit den finanziellen Ressourcen. «Tischtennis hat in Asien eine ganz andere Dimension. In China werden schon die Kinder professionell geführt. Unsere Fördermittel sind viel bescheidener», sagt Ovtcharov und verweist auf die chinesische Entourage, die als Heer von Physiotherapeuten, Fitnesscoaches, Videoanalysten und Privattrainern angereist ist. «In China ist der Trainer fast höher angesehen als der Spieler», sagt Timo Boll. Der sechsfache Europameister sieht in China in erster Linie die Millionen von Spielern als Erfolgsfaktor. Entscheidend sei aber auch das Material. Jüngst hat er eine Debatte zum Doping für den Schläger angestossen und behauptet, die Chinesen behandelten ihre Beläge mit einer chemischen Substanz, die dem Ball eine grössere Geschwindigkeit verleihe.

Obwohl die Rackets vor den Wettkämpfen kontrolliert werden, gab es in Rio noch keine Regelverstösse zu verzeichnen. Die Anstrengungen des Internationalen Tischtennisverbands, das Spiel etwas langsamer und somit attraktiver zu machen, führten bisher nur zu grösseren Bällen und einem Frisch­kleberverbot. Bisher ohne Erfolg. Ohne Umschweife sagt Boll deshalb auch: «Tischtennis wird immer schneller, härter und brutaler.»

Ein neuer Held in Brasilien

Dennoch oder vielleicht gerade deshalb erfreut sich Tischtennis in Rio grosser Beliebtheit. Den Funken für das Feuer der Begeisterung ausgelöst hat ein junger Mann namens Hugo Calderano. Der 20-jährige Brasilianer stürmt bis in den Achtelfinal und sorgt für ­brasilianische Gesänge auf den vollen Rängen. «Hugo, Hugo, Hugo», skandieren die Fans in der Endlosschlaufe und pfeifen seine Gegner sogar während der Ballwechsel aus. Dass die Brasilianer an diesen Spielen die Etikette des Sports verletzen, mag zu Beginn einige Athleten verstört haben. «Es war ein extremer Hexenkessel. Die Stimmung war toll, auch wenn das als Spieler nicht immer einfach ist», sagt Boll, der im Einzel zeitgleich wie Hugo überraschend gegen einen Nigerianer verlor und dabei nicht nur mit brasilianischen Jubelstürmen zu kämpfen hatte. «Der Wind kam von draussen durch das Belüftungssystem, und die hohe Feuchtigkeit machte die Schläger nass.»

Bolls letzter Anlauf 2020

Auch als Anführer der deutschen Mannschaft lief es dem 35-Jährigen zunächst nicht viel besser. Nach dem Aus im Halbfinal gegen Japan war er dann aber mit zwei Siegen im Bronzespiel gegen Südkorea der Matchwinner – trotz einer ­Blockade im Nacken, die er während des Doppels mit mehreren Spritzen behandeln lassen musste. «Mein Körper steckt das alles nicht mehr so leicht weg», sagt er. Für Tokio 2020 will der deutsche Fahnenträger dennoch den letzten Anlauf starten, um die Chinesen zu schlagen. «Wenn mein Körper dann noch mitmacht. Zumindest im Bank­drücken bin ich gleich stark wie die Chinesen», scherzt Boll und vergisst dabei, dass China in Rio auch im Gewichtheben den Medaillenspiegel mit fünfmal Gold anführt.

Erstellt: 19.08.2016, 08:02 Uhr

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