Die «Sprünge des Todes» blieben unbelohnt

Zwei Turnerinnen wagten im Sprung-Finale den halsbrecherischen Produnowa. Sie standen die Übung. Dass sie dennoch ohne Medaille bleiben, freute viele in der Halle.

Todesmutige Inderin: Dipa Karmakar springt den Produnowa, den Trainer verbannen wollen. Foto: Dmitri Lovetsky (AP)

Todesmutige Inderin: Dipa Karmakar springt den Produnowa, den Trainer verbannen wollen. Foto: Dmitri Lovetsky (AP)

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Gespenstische Stille in der Turnhalle von Rio de Janeiro, Dipa Karmakar blickt hochkonzentriert, verzieht keine Miene vor ihrem zweiten und finalen Auftritt am Sprung im olympischen Finale. Die Anzeigetafel zeigt den Ausgangswert 7,0 an – jeder hier weiss: Die erste indische Turnerin der Olympia-Geschichte wagt jetzt den Produnowa, auch «Sprung des Todes» genannt. Dieser Name ist keine Übertreibung – der Sprung ist tatsächlich spektakulär, furchteinflössend und gefährlich.

Am Ende jubelten andere. Die 19-jährige US-Turnerin Simone Biles feierte mit 15,966 Punkten ihren dritten Olympiasieg in Rio vor der Russin Maria Passeka (15,253) und der Schweizerin Giulia Steingruber (15,216). Karmakar überstand den Sprung, belegte am Ende Platz vier.

Der jungen Frau aus Indien hätten zwar viele Zuschauer und Experten eine Medaille gegönnt, es herrschte aber auch Erleichterung, dass sie es nicht auf das Podest geschafft hat. Das lag nicht an ihr selbst, sondern an ihrem zweiten Sprung. Die Diskussionen um den Produnowa sind in vollem Gange. «Ich schaue da mit Angst zu», sagt Ulla Koch, Cheftrainerin der deutschen Frauen.

Bei der Landung wirkt das doppelte Körpergewicht

Erstmals war dieser Wahnsinnssprung, ein Handstandüberschlag mit Doppelsalto vorwärts, 1999 der russischen Turnerin Yelena Produnowa gelungen. Mit einem Ausgangswert von 7,0 ist er das Schwierigste, was die Turnerinnen am Sprung zeigen können. Nur wenige Sportlerinnen aber haben ihn jemals im Wettkampf präsentiert. Das Risiko ist vielen einfach zu gross. Der Druck auf die Beine ist bei der Landung ungefähr das doppelte des Körpergewichtes; wer es nicht schafft, irgendwie auf den Füssen zu landen, knallt mit dem Rücken oder Nacken auf die Matte – das wäre fatal.

«Ich bin dafür, ihn zu verbannen, weil man erstens Talent braucht wie Produnowa – doch sie war einmalig», sagt Koch. «Wir hätten auch zwei Sportlerinnen, die von der Stützkraft und Drehgeschwindigkeit das Potenzial hätten. Bei dem Sprung muss man aber ausserdem im Kopf immer so klar, so fit, so gut drauf sein, dass man ihn gar nicht täglich trainieren kann. Die Möglichkeit einer Querschnittslähmung ist zu gross.» Auch ihre US-Kollegin Maggie Haney sowie Olympiasiegerin Biles schrecken nicht nur vor dem Sprung zurück, sondern lehnen ihn auch ab.

Das Publikum in Rio hielt den Atem an

Im olympischen Finale aber verblüfften gleich zwei Frauen mit der Ankündigung, das Risiko eingehen zu wollen. Die erste, bei der das Publikum den Atem anhielt, war Oksana Chusovitina, die vor acht Jahren in Peking noch Silber für Deutschland gewonnen hatte. In Rio trat die in Bergisch Gladbach lebende Turn-Legende wieder für ihre Heimat Usbekistan an.

Und sie wagte den Produnowa. Mit 41 Jahren, bei ihren siebten Olympischen Spielen. «Ich habe gesehen, wie Oksana ihn trainiert. Sie bekommt ihn auf die Füsse, hat absolute Orientierung, wo sie ist», sagt Koch, «aber Oksana und Dipa landen beide in einer solch tiefen Hocke, dass man es eigentlich nicht zählen kann.»

Chusovitina, das 1,50 Meter grosse und 43 Kilogramm leichte Kraftpaket, lief an, drehte blitzschnell in der Luft – und landete tatsächlich in extrem tiefer Hocke. Sie konnte die Vorwärtsrotation jedoch nicht stoppen, kippte nach vorne über und machte noch eine Rolle vorwärts. 14,933 Punkte erhielt sie, landete insgesamt auf Platz sieben und verabschiedet sich dann mit Handküssen in den sportlichen Ruhestand.

Karmakars Versuch sah ähnlich aus: blitzschnelles Drehen, Landung in extrem tiefer Hocke – doch sie kippte weder nach vorne noch nach hinten. Die Frage aber lautete: War es wirklich noch eine extrem tiefe Hocke oder doch schon ein Sturz? Minuten vergingen, bis die Wertung auf der Anzeigetafel aufblinkte: 15,266 Punkte – kein Sturz. Die 23-Jährige landete nach zwei Sprüngen auf Platz vier.

Von führenden Turn-Nationen ignoriert

Manche sagen: zum Glück. Es geht um die Sicherheit der Athletinnen, darum, dass es auch in einer Sportart wie Turnen, die vom Spektakel lebt, Grenzen geben muss. Ein Risiko bleibt immer, auch bei vermeintlich leichten Elementen. Aber muss man die Gefahr derart suchen? Die beiden Sportlerinnen fühlen sich sicher bei diesem Sprung. Gelingt er, sind sie der Medaille sehr nahe – egal, welchen zweiten Sprung sie zeigen. Ulla Koch sagte vor dem Finale: «Für die Entwicklung unserer Sportart wäre es das beste, die beiden machen ihren Sprung gut, aber dass sie keine Medaillen gewinnen, damit man nicht noch mehr Turnerinnen davon überzeugt, diesen Sprung zu üben.»

Auffallend: Jene Nationen, die mannschaftlich vorne sind, zeigen den Produnowa nicht. «Die Amerikanerinnen könnten es sich leisten. Sie sind muskulär vorbereitet, sind schnell und explosiv – aber wenn meine Kollegin sagt ‹nie›, stimme ich ihr voll zu», sagt Koch.

Die Diskussionen um Sicherheit und Risiko werden weitergehen. Für das kommende Jahr hat der Weltverband FIG schon reagiert. «Wenn die Füsse knapp vor dem Po aufkommen, wird der Sprung nur noch als EIN Salto gezählt», berichtet die deutsche Cheftrainerin. Dann hat er nur noch einen Ausgangswert von 4,6 und nicht mehr 7,0. Koch: «Dann lohnt es nicht, dass man ihn springt.» Der Grad zwischen halbwegs kontrolliertem Risiko und gewollter spektakulärer Show einerseits und unangebracht hohem Risiko mit zu viel Gefahr andererseits ist schmal.

Erstellt: 15.08.2016, 12:11 Uhr

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