Die Zeit, die Zeit

Usain Bolt klagte nach dem 200-m-Gold, er werde alt. Nur 2 Leichtathleten aber waren an Olympia erfolgreicher.

Bolts letzter Goldlauf: Die 4x100 Meter Staffel der Männer. Video: SRF.

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Woody Allen sagte einmal auf die Frage, warum viele Komiker sehr alt würden: «Weil sie viel Kindliches in sich tragen.» Auch Usain Bolt kann ein ganz schöner Kindskopf sein. Der Sprintstar erinnert bei seinen Faxen vor und nach einem Einsatz eher an einen Teenager als an einen Mann, der am Sonntag seinen 30.Geburtstag zelebrieren darf. Nach seinem letzten Einzelrennen an Olympischen Spielen, das er über 200 m in 19,78 Sekunden einmal mehr dominierte, aber beklagte er sich bitter über das Älterwerden als Athlet.

Bolt war zwar auch angetreten, um sich sein achtes Gold an Spielen zu ersprinten und damit seine sagenhafte Erfolgsserie zu verlängern. Über seine Lieblingsdistanz aber wollte er sich von Olympia mit mehr als nur dem Titel verabschieden. Eine Zeit nahe oder lieber noch unterhalb seines Weltrekords von 19,19 Sekunden sollte es sein. Darum flitzte Bolt um die Kurve, als gäbe es kein Morgen. Statt auf der Zielgeraden jedoch diesen leichten, ultralangen Schritt auf die Bahn zu zaubern, fletschte er primär die Zähne. Die Zuschauer im Olympiastadion erlebten gar, wie seine Gegner doch tatsächlich noch ein bisschen aufholten.

Bolt weiss, was die Fans wollen

Als sich Bolt über die Ziellinie geworfen hatte und seine Zeit sah, schrie er vor Ärger in die laue Nacht. Schnell fasste er sich, schoss Selfies und machte den Blitz-Bolt, wie es sich für einen Entertainer seines Formats gehört: Er weiss, was die Fans wollen, also gibt er es ihnen. Ein bisschen zur Ruhe gekommen, liess er weit nach Mitternacht dann aber schon noch einmal durchblicken, wie sehr ihn dieser finale olympische 200-m-Lauf beschäftigt. «Ich werde alt. Ich habe mich zwischen Halbfinal und Final offensichtlich nicht mehr so gut erholen können wie an den Spielen zuvor. Darum kam nach 100 Metern, als ich pushen wollte, nichts. Einfach nichts.»

Nun sind 30 Jahre für einen Sprinter noch keine methusalemische Zahl, zumal der Trend in den letzten Jahren zeigte: Auch klar jenseits der 30 sind Bestzeiten möglich. Justin Gatlin, hinter Bolt in Rio die Nummer 2 über 100 m, ist das bekannteste Beispiel. Er lief nach seinem 30. Geburtstag erst seine besten Zeiten, war schneller als mit 22 bei seinem Olympiasieg von 2004. Insofern ist Bolts Klagen zu relativieren.

Biologisch spricht wenig dagegen, dass er seinen Gegnern weiterhin davonlaufen könnte. In den letzten ein, zwei Jahren aber wurde klar, dass ihm dieses mentale Hochschaukeln für die Höchstleistungen immer schwerer fällt. Denn seine Konkurrenten konnten ihn so wenig kitzeln, dass er nach seinem Durchbruch stets auf übergeordnete Ziele angewiesen war: Waren es in den jüngeren Jahren erste grosse Titel und Rekorde, wollte er zuletzt seine Makellosigkeit und damit seinen Status innerhalb der Besten der Besten der Leichtathletik absichern.

Der Atlas der Neuzeit

In Rio hat er diese Legendenverfestigung zementieren, Paavo Nurmi und Carl Lewis mit neun Goldmedaillen aufholen können. Ein Vergleich mit dem Finnen Nurmi ist allerdings nur schon darum schwierig, weil der 9-fache Goldmedaillengewinner in einer anderen Ära der Leichtathletik dauersiegte: von 1920 bis 1928 und dabei als Läufer von einer Disziplinenvielfalt profitierte, wie sie heute nicht mehr existiert. Cross- oder Teamwettbewerbe im Rennen gehörten nur zu den Anfängen der modernen Olympischen Spiele.

Lewis ist die bessere Benchmark, obschon der Amerikaner neben dem Sprint dank seines Weitsprungtalents in einer zusätzlichen Disziplin antreten konnte und seine neun Titel über vier Olympische Spiele hamsterte. Und doch hinkt auch der Vergleich mit ihm, weil Lewis goldig glänzte, als die Leichtathletik in ihrer Blüte stand und er ein Star unter mehreren war. Bolt hingegen trägt seinen Sport, der deutlich an Bedeutung eingebüsst hat, mittlerweile ein bisschen wie ein Atlas.

An ihm hängt also viel mehr. Im Vergleich zu Lewis werden seine Leistungen von den Zeitgenossen auch kritisch analysiert. Der einst romantische Blick von Fans, Medien oder Meetingveranstaltern ist einem nüchternen und realistischen gewichen. Darum ist Usain Bolt zwar bereits eine sprintende Legende, aber sehr wohl auch Mensch geblieben.

Erstellt: 20.08.2016, 06:05 Uhr

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