«Es ist eine Schande für den Golfsport»

Der Spanier Sergio Garcia bedauert, dass die vier weltbesten Golfer alle fehlen, wenn die Sportart ab Donnerstag erstmals seit 112 Jahren wieder olympisch gespielt wird.

«Ich bin froh, dass ich nach Rio gekommen bin»: Sergio Garcia.

«Ich bin froh, dass ich nach Rio gekommen bin»: Sergio Garcia.

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Sergio Garcia ist einer der beliebtesten Golfer und gehört zu den Stars, wenn morgen Donnerstag Golf nach 112 Jahren in den Kreis olympischer Sportarten zurückkehrt. Der 36-jährige Spanier wird als Nummer 11 der Welt zum engsten Favoritenkreis gerechnet, fehlt doch mehr als die Hälfte der Top-10-Spieler (Day, Johnson, Spieth, McIlroy, Scott und Grace). Trotz der Absenzen ist der 29-fache Profiturniersieger Garcia überzeugt, dass das olympische Comeback seiner Sportart zum Erfolg wird. Dazu wolle er seinen Teil beitragen, sagt er im aufwendig ­dekorierten Haus, das sein Schweizer Vertragspartner und Olympia-Zeitmesser Omega am Ipanema-Strand gemietet hat. Dafür wäre er selbst bereit, eine Erkrankung durch das ­Zika-Virus hinzunehmen.

Das dominierende Thema im Golf vor Rio war Zika. Viele Spitzen­spieler sind angeblich deswegen nicht gekommen, darunter die Top 4. Was sagen Sie dazu?
Es ist eine Schande. Ich werde Sie nicht belügen und sagen, dass es das nicht ist. Aber letztlich ist jeder frei, zu entscheiden, wie er es für sich am besten hält. Persönlich hatte ich das Gefühl, dass ich hier sein wollte, mein Land repräsentieren, dass ich diese ganze Erfahrung ­machen wollte. Ich möchte sehen, ob Rio helfen kann, das Spiel, das ich so liebe, noch grösser zu machen, als es schon ist. Andere fehlen leider – aber ich bin froh, dass ich gekommen bin.

Hatten Sie keine Angst vor dem Zika-Virus?
Ich lüge auch jetzt nicht: Ich war schon besorgt. Man hört so viele Dinge. Wir versuchten, uns so gut zu informieren wie möglich. Ich sprach auch mit anderen Athleten und Freunden, die schon in Brasilien waren. Und alle sagten, es sei nicht anders als überall. Es ist nicht so, dass man aus der Tür läuft, und es warten 300 Millionen Moskitos auf dich.

Haben Sie überhaupt schon welche gesehen?
Schon. Aber du wirst nicht von einem riesigen Schwarm verfolgt. Ich sorge mich nicht. Was passiert, passiert. Und sollte ich das Virus einfangen, werde ich mich behandeln lassen, ganz einfach.

Denken Sie, dass das Golf durch die vielen Absenzen eine grosse Chance verpasst und Gefahr läuft, bald wieder aus dem olympischen ­Programm gestrichen zu werden?
Diese zwei Olympischen Spiele (Rio und Tokio 2020) sind eine Testphase für uns. Das IOK wird seine Entscheidung treffen. Aber ich denke, dass man die Qualität der angetretenen Spieler anschauen und erwägen wird, wie gut das Turnier war. Wenn wir eine gute Show bieten und es den Leuten gefällt, dürften diese vier, fünf Spieler, die fehlen, nicht gross ins Gewicht fallen.

Es sind aber über ein Dutzend.
Nun ja . . . Aber es gibt auch in anderen Sportarten Absenzen. Im Golf waren das einfach die grösseren News, weil die Sportart brandneu ist an Olympia. Trotzdem kommt eine Gruppe hervor­ragender Golfer zusammen. Ich denke, dass alles gut herauskommen wird.

Es kam auch schon die Kritik auf, dass Golfer gierig seien und nur dort antreten würden, wo es viel Geld zu verdienen gibt. Was sagen Sie zu diesem Vorwurf?
Natürlich hört man das jetzt. Aber ich sage: Alle, die hier sind, gehören nicht dazu. Wir spielen hier, weil wir die Olympischen Spiele und den Sport lieben. Und weil wir die Möglichkeit wahrnehmen wollen, diese Erfahrung zu machen und hoffentlich Gold zu gewinnen.

Pflege muss sein: Der olympische Golfplatz. Foto: Getty Images

Gemäss den Buchmachern sind Sie der zweite Favorit, hinter Henrik Stenson und vor dem Trio Rose, Fowler und Watson. Einverstanden?
Danke. (lacht) Es ist nett, dass sie das so sehen. Aber letztlich muss ich es auf dem Platz zeigen. Ein Favorit der Buchmacher zu sein, garantiert mir nichts und versenkt keine Putts. Aber es zeigt, dass die Leute mir viel zutrauen. Erarbeiten muss ich mir alles selber.

Was würde Ihnen eine Goldmedaille bedeuten?
Ich weiss es nicht, bevor es passiert ist. Ich habe es noch nicht erlebt, und auch kein anderer Golfer der Gegenwart kann es uns sagen. Wir gewannen zwar andere Turniere und wissen, dass Olympia mehr bedeuten würde als ein normaler Wettkampf. Wir wissen auch, dass der Gewinn des Ryder-Cups über vielen anderen Titeln steht. Aber persönlich weiss ich auch nicht, wie es ist, ein Major­-Turnier zu gewinnen, weil ich das noch nicht geschafft habe (Garcia beendete bisher 12 Majorturniere in den Top 5). Aber ich hoffe, dass ich Ihnen am Sonntag erzählen kann, wie es ist, eine olympische Medaille zu gewinnen.

Ist das Olympiaturnier für Sie ein Anlass wie jeder andere?
Keineswegs. Ich kann kaum erwarten, dass es losgeht. Denn dies ist eine wunderbare Gelegenheit, etwas Grosses zu ­erreichen, wenn ich gut spiele. Ich freue mich darauf, es dürfte ein Spass werden. Meine Erfahrungen in Rio waren schon bisher grossartig, und ich hoffe, dass sie sogar noch besser werden.

Sie wirken sehr motiviert.
Das bin ich wirklich. Ich war schon ­immer ein grosser Olympiafan.

Was ist Ihr Eindruck vom Golfkurs, der für Olympia neu erstellt wurde? Haben Sie ihn schon bespielt?
Ich habe ihn bisher noch nicht gesehen, aber von anderen Spielern gehört, dass er in einem sehr guten Zustand sein soll. Er ist ziemlich offen von den Abschlägen aus und befindet sich an einem Ort, wo es sehr windig sein kann. Es ist ein Platz, an dem man mit dem zweiten Schlag sehr präzise sein muss, das ist das ­Anspruchsvollste hier. Wenn du gute ­Annäherungen spielst, wirst du zu schönen Birdie-Putts kommen, sonst wird es schwierig. Wenn dein Eisenspiel gut ist und deine Drives stimmen, kannst du ein gutes Resultat erzielen.

Brasilien ist kein Land mit einer grossen Golfbewegung. Haben Sie schon Schlechtes gehört über den Platz und die Organisation?
Nein, nein. Natürlich passiert an Olympischen Spielen so viel, dass es immer Pannen geben kann. Aber bisher ist alles gut. Es gibt zwar viel Verkehr, aber das ist ja in jeder olympischen Stadt so. Wir haben keine wirklichen Probleme und geniessen es, so gut es geht.

Ist es für Sie ungewohnt, im eher bescheidenen olympischen Dorf zu wohnen, wo Sie doch sonst ­meistens in schicken Hotels ­untergebracht sind?
Es ist grossartig und eine einzigartige ­Erfahrung, im gleichen Block zu wohnen wie alle anderen spanischen Olympiateilnehmer. Mit vielen von ihnen war ich an der Eröffnungszeremonie. Eine solche Gelegenheit, andere Athleten zu treffen, bietet sich sonst nie. Hier habe ich auch festgestellt, wie viele andere Sportler Golffans sind.

Wie erlebten Sie die Eröffnungsfeier im Maracanã?
Es war unglaublich, einzigartig. Viel grösser als jede andere Zeremonie, an der ich als Golfer dabei war. Der Einmarsch ins Stadion, der Applaus der Zuschauer und die Präsentation mit den anderen Athleten – das werde ich nie vergessen. Ich hatte richtig Hühnerhaut.

Sie sind ein guter Freund von Rafael Nadal, der die spanische Fahne trug.
Ja, aber ich komme mit allen spanischen Tennisspielern gut aus, auch mit Ferrer und Bautista Agut.

Was war Ihr bisher schönstes Erlebnis in Rio?
Ich war schon beim Schwimmen, Basketball und Turnen – das ist so aufregend, das muss einem einfach gefallen. Wir hatten das Glück, vier Weltrekorde im Schwimmen live zu erleben. Ich sah, wie Phelps Staffelgold gewann.

Wird man Sie im Herbst auch ­wieder in Crans-Montana am European Masters antreffen?
Leider nicht, weil gleichzeitig der Fed-Ex-Cup ­läuft (Finalserie in den USA).

Erstellt: 09.08.2016, 20:19 Uhr

Sergio Garcia

29 mal Sieger

Der 36-jährige Spanier und Ex-Freund von Martina Hingis ist seit 1999 Golfprofi. Er gewann 29 Profiturniere und besitzt eine Wohnung in Crans, wo er 2005 den Titel holte.

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