«Hirn, hör auf zu nerven!»

Die persönlichen Bilanzen des TA-Teams in Rio

«Es hat mir den Atem verschlagen». Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Fotograf Urs Jaudas hat die Olympischen Sommerspiele fotografiert. Die Höhepunkte und bewegendsten Momente in einer Tonbildschau.

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Magische MomenteRené Stauffer

Nie zuvor war ich auf Olympische Spiele so gespannt gewesen wie auf diese. Weil sie ein Land, eine Stadt und einen Event zusammenbrachten, die mich gleichermassen faszinieren, auch wenn alle drei problembeladen sind: Brasilien, das durch meine Frau zu meiner zweiten Heimat geworden ist, die Olympischen Spiele mit ihrer Grundidee, die weltbesten Sportler an einem Ort zu vereinen, um ihr Können zu demonstrieren, und Rio de Janeiro, eine der schönsten, aber auch sorgenvollsten Städte der Erde.

Natürlich war nicht alles perfekt – aber vieles viel besser, als im Vorfeld schwarzgemalt wurde. Rio wird, davon bin ich überzeugt, eine bessere, modernere und lebenswertere Stadt sein, mit besserem Transportsystem inklusive neuer Metrolinie, neuem Hafenviertel, besserer Infrastruktur, und Rio hat auch als Tourismusdestination viel gewonnen. Ich hoffe nur, dass Bürgermeister Eduardo Paes sein Versprechen nun halten kann, dass die Stadt den eingeschlagenen Weg der Erneuerung weiterverfolgen wird.

Gewonnen haben aber auch die Cariocas, und mit ihnen ganz Brasilien. Die Stadt des Sambas pulsierte zwei ­Wochen im Rhythmus des Sports, liess sich faszinieren vom Geschehen in den Stadien, lenkte sich ab, vergass ihre Sorgen. Die Brasilianer dürfen stolz darauf sein, wie sie die Spiele organisierten, wie herzlich sie die Welt empfingen. Sie wurden belohnt mit unbezahlbaren Erinnerungen und magischen Momenten, wie den Goldmedaillen 6 und 7 im Fussball und Volleyball.


Mysteriöse TonyaEmil Bischofberger

Auf dem Zuckerhut versuchen wir, unter den Touristen die Olympioniken zu erspähen. Einige machen es uns leicht, weil sie in der Teambekleidung auftreten. Bei den meisten müssen wir genauer hinschauen, verrät sie eine Sonnenbrille, die Turnschuhe oder ein Rucksäckchen. Oder die Tätowierung der Olympiaringe am Fussgelenk.

Am spannendsten sind jene, bei denen nur der Körperbau auf den Athleten hindeutet. Die kleine, feingliedrige Frau? Sie besteigt schon wieder die Gondel, als wir realisieren, dass uns die beste US-Marathonläuferin entwischt ist. Die hochgewachsene Italienerin antwortet auf die Frage, ob sie Olympionikin sei, mit einem Lächeln: «Ich war eine.» Und entschwindet unerkannt.

Dann entsteigt die 400-m-Läuferin der Gondel, eine eindrückliche Erscheinung mit ihren unendlich langen Beinen und der futuristischen Sonnenbrille. «Amazing, incredible» sei die Erfahrung, auch wenn sie früh ausgeschieden sei.

Die Zeitung mit den Zitaten der Olympioniken ist längst im Druck, als wir am Abend unserem Leichtathletik-Fachmann von der Begegnung erzählen wollen, zuvor aber Google konsultieren. Die Allwissende teilt mit, es gebe keine US-400-m-Läuferin namens Tonya Smith, gar keine Leichtathletin dieses Namens. Dabei hat sie diesen eigenhändig in unseren Block geschrieben! Danach beobachten wir die Leichtathletik-Frauenbewerbe noch genauer. Aber keine ähnelt nur an­nähernd der mysteriösen Frau Smith.


Hirn, lass mich in Ruhe!Christian Brüngger

Den Menschen drängt es, stetig zu vergleichen – oder bin nur ich davon betroffen? Wer also schon einmal bei Olympia war, der setzt Rio in Bezug zu vorangegangenen Sommerspielen. Und da denkt man während Rio sofort an London, an dieses Sommermärchen von 2012, bei dem vom Wetter über die Stadien bis zur Stimmung (vom Essen an den Ständen abgesehen) alles stimmte.

«Haben die Brasilianer nicht so gut hinbekommen wie die Eng­länder», flüstert also das Hirn, wenn wieder einmal irgendwo irgendwas nicht funktioniert oder anders abläuft, als man sich das von London gewohnt war. Dann marschiert man in Rio zu den Ruderwettkämpfen, und plötzlich hängt im Gebüsch ein wunderschöner Gelbbrust-Ara, hüpft ein kleiner Affe von Ast zu Ast und sagt man sich: «Kann es überhaupt faszinierender als in Rio sein? Was herrschte doch in diesem gepützelten London mit seinen Hochhäuser-Fronten und Shopping-Malls für eine sterile Atmosphäre!»

Spätestens wenn das Internet zum gefühlt 100. Mal nicht schnell genug laufen will («Entwicklungsland, dieses Brasilien!»), sehnt man sich nach London. Oder liefs in Peking 2008 nicht noch ein wenig reibungsloser, dieses so lebenswichtige Internet? Überhaupt: Das Vogelnest, diese täglich 80'000 Zuschauer mit dem galaktischen Jüngling Bolt im Zentrum. In Rio sprintete er zwar auch, aber wie schnell war er da im Vergleich? Ach, lass mich in Ruhe, ewig arbeitendes Hirn. Lebe und lasse leben. Auf Rio!

Äh London! Oder doch Peking?


Vom Traum zum TraumaSebastian Rieder

Sport ist gesund, sagt der Volksmund. Dass diese These nur teilweise stimmt, führte uns Olympia fast jeden Tag vor Augen. Schwere Stürze vom Rad, Knochenbrüche und Kreuzbandrisse beim Turnen oder eine Augenfraktur beim Tennis. Für die Athleten ist das doppelt schlimm. Die körperlichen Schäden sind für sie meist weniger tragisch als die Tatsache, dass sich der Traum von Edelmetall wegen der Verletzung zum Trauma ent­wickelt.

Einer aber wollte dieses Drama nicht zulassen: Timo Boll. Der mehrfache Europameister im Tischtennis kämpfte in Rio mit Deutschland gegen Südkorea um Bronze, als sich ihm im Doppel nach einer ruckartigen Bewegung ein Rückenwirbel verschob. Boll liess sich daraufhin vor dem letzten Satz ­zwischen den Schultern massieren und drückte Eisbeutel auf den Nacken. Die Ungeduld des Schiedsrichters führte zu einem Medical Timeout. Boll verschwand mit Tränen im Gesicht in der Garderobe, liess sich mehrere Spritzen im Nacken setzen und kam erst nach zehn Minuten wieder zurück.

Der sechsfache Europameister gewann das Doppel trotz der Blockade. Noch aber war die Mission nicht erfüllt, Boll stand die letzte entscheidende Begegnung im Einzel noch bevor. Der Fahnenträger der deutschen Delegation griff noch einmal zu seinem Schläger und führte seine Mannschaft in einem heroischen Kampf zur Bronzemedaille. Wieder liefen die Tränen übers Gesicht, diesmal vor Glück statt vor Schmerz.


Der feine Kerl fliegt davonDavid Wiederkehr

Das Fliegen ist seine Leidenschaft, über wenig spricht er lieber als über dieses Gefühl: schwerelos zu sein. Gerne würde er einmal einen Parabelflug mitmachen, um das einmal länger zu erleben, sagte Fabian Hambüchen vor einigen Monaten, als ich ihn in Stuttgart besuchte. Länger als die paar Hundertstel, die ihm im Kunstturnen vergönnt sind. Da ist sie gnadenlos, die Gravitation, «sie holt mich schnell zurück auf den Boden», sagte er.

In Rio ist Hambüchen ein letztes Mal geflogen. Und wie: zu Gold am Reck, seinem ersten bei Olympischen Spielen und der ersten Goldmedaille an diesem Spektakelgerät seit der WM 2007. Seit einer Ewigkeit also – im Turnen werden diese eher in Monaten als Jahrhunderten gemessen. So tritt Hambüchen durch die grösstmögliche Tür ab, und keiner in der Turnszene, der ihm nicht einen solchen Abgang gewünscht hätte. Der gestürzte Epke Zonderland, die Attraktion schlechthin am Reck, umarmte Hambüchen nach der Entscheidung lange. Die beiden sind Rivalen und Freunde zugleich, und nach London 2012 und Rio 2016 haben beide ihr Gold.

Der kleine Mann mit der runden Brille war das Jahrhunderttalent ge­wesen, Reck-Weltmeister mit 19 Jahren, doch den viel zu hohen Erwartungen wurde er in der Folge viel zu selten gerecht. Viel zu selten jedenfalls für ein Land, das im Sport nur Top oder Flop kennt. Ein Turner aber ist sensibel, Hambüchen ganz besonders. Ein feines Gemüt, ein feiner Kerl. Es wäre schön, kehrte er im November für den Swiss Cup ein allerletztes Mal zurück.

Erstellt: 23.08.2016, 10:07 Uhr

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