Mitten in der Nacht

Früher stellte man den Wecker, um Muhammad Ali boxen zu sehen. Heute sieht man Bolt – und ist sich nicht mehr sicher, ob nicht alles zu schön ist, um wahr zu sein.

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Es war die Zeit, als die Welt und der Sport noch nicht rund um die Uhr live waren und es keine Replaytaste gab für Verpasstes im Leben. Manchmal mittwochs Fussball, Europacup der Meisterclubs, um 19.55 Uhr die Schaltung ins Stadion, das immer gleiche Eurovisionssignal, Guten Abend aus dem Bernabéu in Madrid, gleich war auch Anpfiff, und nur Sekunden nach dem Abpfiff die Schaltung zurück nach Zürich, gute Nacht, fertig.

Und manchmal stellte ich mitten in der Nacht den Wecker, und die Eltern sahen es nicht gerne: Muss das sein, aufzustehen und zuzuschauen, wie sich zwei einfach verprügeln, und dann in der Schule müde sein? Sie konnten es nicht verstehen, aber dieser Boxer faszinierte. Anfänglich waren die TV-Bilder nur schwarzweiss, er trug den Sklavennamen Cassius Clay, bis er zum Islam konvertierte und sich ­Muhammad Ali nannte.

Aufstehen für neun Sekunden Bolt

Er schwebte, wie er selber sagte, wie ein Schmetterling und stach wie eine Biene, seine Arme liess er oft hängen, aber seine Beine waren schnell und seine Fäuste erst recht, ein Tänzer im Ring mit grossem Maul – das bleibt im Kopf, als sei es gestern gewesen. Und dann, unauslöschlich im Gedächtnis, dieser Kampf der Kämpfe gegen George Foreman in Kinshasa, der Rumble in the Jungle, die Schlacht im Dschungel. Wie Ali in den Seilen hing und fast aus dem Ring fiel, scheinbar geschlagen, und dann nach acht Runden zuschlug und der Koloss Foreman auf den ­harten Boden sackte und Ali ihm beim Fallen fast lächelnd zusieht.

Ich habe wohl aufgeschrien, damals in jener Nacht im Oktober vor mehr als 40 Jahren. Und sicher eines nicht getan: Fragen gestellt. An irgendetwas gezweifelt. Sondern ihn einfach ­bewundert, diesen Ali, sonst interessierte mich Boxen überhaupt nicht. Es ging vielen so, und viele auf der Welt sind mitten in der Nacht aufgestanden, weil live – selber dabei sein! – ein Ereignis war, damals. Und man nur so mitreden konnte.

Jetzt stellte ich wieder den Wecker, 3.15 Uhr, wollte unmittelbar und nicht zeitversetzt ihm zusehen, diesem Usain Bolt, der schneller laufen kann als alle anderen, und ich war fasziniert, wie er nach 60 Metern allen wieder davonrannte, mit seinen langen Schritten, als könne er wie ein Flugzeug einfach Schub geben, weg, abheben. Aufstehen für etwas, das nur 9 Sekunden und ein bisschen dauert, ein Blitzschlag, schon wieder vorbei, ein Ereignis unter vielen.

Er machte dann im Stadion von Rio seine Faxen, war Clown und Enter­tainer, grinste und liess sich feiern, und schon wieder kamen diese Gedanken auf, die Zweifel und Fragen, weil wir nicht mehr alles glauben, weil wir wissen oder hören oder ahnen, dass die schönen Bilder im Sport oft Betrug und Täuschung sind.

Wir sind gerade in vieler Hinsicht nicht mehr so sicher, ob das, was wir sehen, auch so ist, wie wir es sehen.

«Im Auge» ist anstelle des «Espresso» die neue Dienstagkolumne von Fredy Wettstein.

Erstellt: 23.08.2016, 13:21 Uhr

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