Interne Duelle spornen sie an

Täglich mehrmals wägen und sich fast rund ums Jahr duellieren: Was den Leichtgewichtsvierer bis zum Final von heute geprägt hat.

Heute rudert der Schweizer Leichtgewichtsvierer um Gold.

Heute rudert der Schweizer Leichtgewichtsvierer um Gold. Bild: Reuters

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Lucas Tramèr hat einen kleinen Tick, wenn er spricht. Der vierte Mann im Boot des Leichtgewichtsvierers rümpft Stirn und Nase. Mario Gyr, Simon Niepmann und Simon Schürch kennen dieses Verhalten, und natürlich kennen sie auch alle anderen Auffälligkeiten voneinander. An fünf Tagen in der Woche sehen sie sich fast übers ganze Jahr. Das geht nur, weil Gyr sagt: «Wir sind Mannschaftsboots-Typen.»

Heute will das Quartett als harmonisches Gefüge den Lauf seines Lebens in die Lagoa von Rio de Janeiro zaubern ­– sofern das Wetter mitspielt. Die Rennen gestern mussten wegen zu viel Wind abgesagt werden. Was die Athletenleben der vier Schweizer definiert.

280 kg dürft ihr sein

Simon Niepmann ist der Kleine im Team. Mit seinen 1,80 m ist er 5 (Schürch, Tramèr) bzw. 7 cm (Gyr) kürzer als der Rest. Weil die vier nicht schwerer als 280 kg sein dürfen, ist klar: Niepmann muss dafür der Leichteste sein. 69 kg bringt er auf die Waage. Bei Schürch und Tramèr sind es 70, bei Gyr 71. Müssten sie nicht aufs Gewicht schauen, hätten sie 3 bis 6 kg mehr auf den Rippen.

Als Kleinster und Leichtester ist Niepmann in den ­Ruderergometer-Tests stets der Langsamste, was ihn zu Beginn des Zusammenseins manchmal auch plagte. Dafür bringt er eine besondere Qualität ins Boot. Niepmann sitzt an zweiter Stelle und ist dafür verantwortlich, den von Gyr angeschlagenen Rhythmus weiterzugeben. Diese Scharnierfunktion beherrscht Niepmann derart exzellent, dass ihn der Schweizer Ruderverbandsdirektor Christian Stofer als unseren «1-Millionen-Mann» bezeichnet.

Captain Schürch redet

Mario Gyr nimmt die Rolle des Schlagmanns ein. Captain im Boot aber ist Schürch (in dritter Position). Er gibt die Kommandos und sagt seinen drei Equipenkollegen an, wann sie die Schlagzahl erhöhen sollen. Das taktische Vorgehen bespricht das Team jeweils mit seinem Trainer Ian Wright, der den Kurs massgeblich prägt. Über die sechs Minuten Fahrtzeit erteilt Schürch nur wenige Kommandos. Schliesslich wissen seine Mitstreiter durchaus, was zu tun ist.

«Es hört sich gegen das Ende hin, wenn wir jeweils komplett ausser Atem sind, ohnehin mehr wie ein Keuchen an», sagt Niepmann zur Kommunikation im Boot. Die Reihenfolge der vier haben biomechanische Vermessungen ergeben. Der grosse Unterschied zu den Spielen 2012: Sie halten ihr Ruder anders: links, rechts, rechts links. In London lautete die Abfolge: links, rechts, links, rechts.

Lieber das alte Boot

Ein neues Boot erhielt das Quartett für diese Spiele. Eine aus viel Handarbeit bestehende Individualanfertigung aus Deutschland mit den exakt selben Daten wie das Vorgängermodell. Doch als die Equipe mit ihm zu trainieren begann, fühlte es sich einfach nicht so schnell wie das alte an. Also checkte man das Boot durch, nur um festzustellen, dass es bis auf den Zentimeter dem alten entsprach.

Weil aber schon im Juni das Boot nach Rio verfrachtet werden musste, entschieden sich die Athleten, auf das bewährte Modell zu setzen. Immerhin waren sie damit Weltmeister (2015) und Europameister (2016) geworden. Positive Erinnerungen helfen auch Goldfavoriten.

Interne Duelle bis die Köpfe rauchen

Als «konkurrierende Einheit» beschreibt Mario Gyr sich und seine Kollegen. Was er damit meint, kann er mit einer Episode erzählen: Gerne lässt sie Coach Ian Wright im Training zu zweit gegeneinander antreten. Dann will jedes Team des Teams das andere schlagen.

Zuletzt kam es vor der Abreise gar noch zu einem Zusammenprall, weil Niepmann/Tramèr bzw. Gyr/Schürch die enger werdende Ideallinie im Finish einfach nicht preisgeben wollten. Wüst sagte man sich darauf, schimpfte also und lachte Minuten später doch darüber. «Solche Duelle helfen uns, im Rennen auf den Schluss hin nochmals alles aus uns herauszuholen», sagt Gyr.

Schlägt das Herz noch?

Spitzensportler sind Vermesser ihrer selbst. Im Fall der Leichtgewichtsruderer heisst das, jeden Tag mehrmals auf die Waage zu stehen, um sicher zu sein, die 280-kg-Vorgabe beim Einwägen ein bis zwei Stunden vor dem Rennen einhalten zu können. Der Ersatzmann ist in dieses Prozedere stets involviert. Einer der Stammcrew könnte ja ausfallen.

Zu den auffälligsten Daten aus ihren Leben zählen diejenigen zu ihren Herzen. Das Quartett trainiert derart viel – bis zu vier Einheiten pro Tag –, dass seine Herzen in Ruhephasen im Vergleich zu Durchschnittsbürgern enorm auffallen: Gyrs Ruhepuls beträgt gerade einmal 28 Schläge in der Minute, beim Rest sind es 30 bis 37.

Geht es wie heute aber um Gold, schlagen ihre Herzen zwischen 189 und 194 Mal in der Minute. Kein Wunder, verkommen Simon Schürchs Kommandos da zum Grochsen.

Erstellt: 11.08.2016, 11:25 Uhr

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