Loslassen als Erfolgsfaktor

Triathletin Nicola Spirig gewinnt nach Olympiagold vor vier Jahren in London nun Silber in Rio. Nicht zuletzt, weil sie in den vergangenen vier Jahren gelernt hat, Verantwortung abzugeben.

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Der Zieleinlauf liegt bereits mehr als zwei Stunden zurück, die Athletinnen haben schon unzählige Fragen beantwortet, als sie auch noch zur offiziellen Pressekonferenz gebracht werden. Es ist eine muntere Runde, die harten Fragen sind längst gestellt, jetzt geht es um die kleinen Dinge. Als Olympiasiegerin Gwen Jorgensen gefragt wird, auf welches Restaurant sie sich bei der Heimkehr in die USA denn besonders freue, und was sie in ihr Tagebuch schreiben werde, verdreht Nicola Spirig, die neben ihr sitzt, die Augen und grinst. Von den übrigen Zuhörern bemerkt die Reaktion niemand, sie kleben an Jorgensens ­Lippen, die daran ist, ihren einseitigen Tagebucheintrag zu rezitieren.

Spirigs Reaktion zeugt davon, wie sehr präsent sie ist, wie sehr sie diese Momente miterlebt. Da ist kein Schleier zwischen ihr und der Realität. Vor allem aber wird offensichtlich: Sie geniesst es. Was an sich selbstverständlich ist. Aber nicht bei ihr, dieser stets kontrollierten Profisportlerin, die selbst ihre Emotionen zu kontrollieren versucht. Wie gelöst sie ist, zeigt bereits das empathische Interview mit dem Schweizer Fernsehen. Ihre zentrale Aussage darin: Die ­Silbermedaille ist für sie «fast emotionaler» als Gold vier Jahre zuvor.

In London wäre Silber eine bittere Enttäuschung gewesen, nicht nur wegen des legendären Zielsprints. Sondern weil Spirig ihr Leben allein auf dieses Rennen, diesen Sieg ausgerichtet hatte. Das tat sie auch auf dem Weg Richtung Rio. Aber ihr Leben besteht längst aus mehr Faktoren als nur der Athletin ­Nicola Spirig. Nichts zeigt das deutlicher als der Moment, in dem sie die Medaille ihrem Sohn Yannis präsentiert, der nach der Siegerehrung das Edelmetall sogleich eingehend prüft.

Jenseits der Geschlechterrollen

Spirig ist seit 2013 Mutter und Profiathletin, und schafft es dank ihrem Umfeld, dass aus dieser Doppelrolle kein Spagat wird. Sie ist, wenn auch in einem ungewohnten Beruf, ein Paradebeispiel dafür, dass ein Ausbrechen aus den ­Geschlechterrollen sehr wohl möglich ist. Im Haushalt Spirig Hug ist sie für das Haupteinkommen zuständig, Ehemann Reto Hug schaut im Hintergrund, dass die Ebenen Familie und Sport ineinandergreifen. Dazu leistet sich Spirig seit ihrem Olympiasieg ein Management, das Medien-, Sponsoren- und sonstige Anfragen bündelt und so die Agenda ausserhalb von Sport und Familie organisiert. Auch das war ein grosser Schritt für Spirig, die zuvor stets sehr beflissen war, alle Fäden in der Hand zu halten.

Derart erfolgreiche Athletinnen sind in der Schweiz ausserhalb des Skisports rar. Ihr Sponsorwert: eine halbe Million.

Denn die 34-Jährige ist in der Schweiz zur Marke geworden. Derart erfolgreiche Sportlerinnen sind ausserhalb des Skisports rar, deshalb befindet sich Spirig in einer privilegierten Position: Mit ihren verschiedenen Sponsoren dürfte sie jährlich rund ein halbe Million Schweizer Franken einnehmen. Weniger wird das nach der zweiten Olympia­medaille nicht werden, insofern hat ein Kommentator inhaltlich recht, als er nach ihrem zweiten Platz etwas holprig formuliert, Spirig habe mit der Silbermedaille ihre Karriere vergoldet.

Nun Richtung Hawaii

Zumal diese kaum vorbei ist. Ein zweites Kind hat Priorität, so deutlich formuliert das ihr Trainer Brett Sutton. Er ist das sportliche Gewissen der Ausnahmeathletin, und das wird auch so bleiben. Gemeinsam werden sie ihren Weg weiter­gehen, der nur Richtung Langdistanz gehen kann. Dort kann sie mit ihren 34 Jahren sicher noch vier Jahre an der Weltspitze mitmischen. Schon 2012 ­wurden mit der Ironman-Organisation Gespräche über eine Wildcard für die WM auf Hawaii geführt, verliefen sich aber im Sand. Man sprach auch jetzt ­wieder darüber, wohl mit noch deutlicherem Interesse Spirigs. Vor einer zweiten Mutterschaftspause wäre es der richtige ­Moment, um sich an die Strecke auf der Lavainsel heranzutasten, allerdings müsste sie dafür zumindest noch einen Ironman absolvieren, wie selbst die Titelverteidiger.

Erstellt: 21.08.2016, 21:59 Uhr

Silbernes Familienglück: Nicola Spirig mit Partner Reto Hug und Sohn Yannis.

Die Doppel- und Dreifachgewinner: 8 für 18 Medaillen

In den letzten 20 Jahren hat es neben ­Nicola Spirig weitere fünf Schweizer Athletinnen und Athleten gegeben, die innert vier Jahren zwei Olympiamedaillen gewannen. Nino Schurter (2008 Bronze, 2012 Silber, jetzt Gold) und Fabian ­Cancellara (2008 Gold/Silber, 2016 Gold) schafften innert acht Jahren sogar das Triple. Gold und dann Silber wie Spirig gewannen auch Roger Federer (2008 Doppel/2012 Einzel) und Ruderer Xeno Müller (1996/2000). Steve Guerdat ritt nach Bronze mit dem Team 2008 vier Jahre später zum Olympiasieg, zweimal auf dem Podest stand auch Willi Melliger. Nachdem er 1996 im Einzel Silber gewonnen hatte, führte er mit Calvaro vier Jahre später in Sydney auch das Team zu Silber. Und für zweimal Bronze (2004/2008) musste Langdistanz-Triathletin Karin Thürig sogar ihre Sportart wechseln: Sie wurde Zeitfahrerin. (mos)

Der Tag danach: Ja, wieder!

Als Olympiasiegerin liess Nicola Spirig die Öffentlichkeit 2012 staunen, als sie erzählte, sie sei am Morgen nach dem Goldgewinn schwimmen gegangen. Wie bitte?, lautete die ungläubige Reaktion allenthalben, trainieren nach einem solchen Triumph? Nun: Spirig ist sich auch in Rio treu geblieben – weil sie sich so am besten fühlt. Nach ein wenig Familien­leben und weiteren Medienterminen und Verpflichtungen am Sonntagmorgen ging es über Mittag – zum Schwimmen. Als Training würde sie dies nicht bezeichnen, die Bewegung dient primär der Erholung der Muskulatur. Dafür war nach dem Rennen keine Zeit, Presse­konferenz, Dopingkontrolle, Familie, weitere Interviews, Apéro, Empfang im House of Switzerland, erneut Interviews, endlich das Nachtessen. Nach zwei, drei Tagen Ferien kehrt Spirig am Donnerstag in die Schweiz zurück. (mos)

Der stolze Trainer: «Die Grösste»

Gegenüber der Depeschenagentur ordnete Trainer Brett Sutton Nicola Spirigs Karriere ein: «Sie war hier noch besser als in London. Sie ist die grösste Kurzdistanz-Triathletin aller Zeiten. Ihr Weg ist unglaublich.» Auf die Frage, ob es einst zum Duell seiner Ausnahmekönnerinnen Spirig und ­Daniela Ryf bei der Ironman-WM auf Hawaii oder an einer 70.3-WM kommen könnte, sagte er: «Das ist möglich. Nicola wäre die Einzige, die ­Daniela gefährden könnte. Obschon ­Nicola nicht die gleichen Stärken hat. Sie ist mit 53 kg filigraner, weniger die extreme Powerfahrerin wie Daniela. Nicola müsste sich trainingsspezifisch rund zwei Jahre vorbereiten, um die 70.3-WM oder die Ironman-WM zu gewinnen. Ich lasse sie aber auch künftig nicht zusammen trainieren. Wenn Daniela so arbeiten würde wie Nicola, wäre sie nicht erfolgreich. Dasselbe gilt für Nicola.» (SDA)

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