«Rio ist eine bildhübsche Diva mit miesen Manieren»

Die Folgen von WM und Olympia: Wie sich die Schönheit von Rio für einen Schweizer Lehrer zum Schreckgespenst entwickelt.

«Die Mango ist hier teilweise teurer als in der Migros»: Matthias Bärfuss, Sport- und Berufsschullehrer, hoch über der Copacabana. (Video: Sebastian Rieder)

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Es war Liebe auf den ersten Blick: Brasilien und Rio de Janeiro. Matthias Bärfuss hat schon viel gesehen von dieser Welt. Immer wieder flitzte der 41-Jährige geistig rund um den Globus, packte dann tatsächlich seinen Rucksack und füllte seinen Pass mit exotischen Stempeln. In Afrika bereiste er Senegal, Mauritius und Madagaskar. In Asien besuchte er ferne Länder wie Indien, Nepal, Burma, Thailand, Malaysia, China oder Japan. Von Australien aus wagte er sich über den Pazifischen Ozean, entdeckte dort das Paradies auf Tahiti, den Cook Islands, Moorea oder Hawaii. Ein Rundkurs durch die Karibik führte ihn nach Kuba, Barbados oder Guadeloupe.

Den grössten Reiz löste Südamerika aus mit Argentinien, Chile, Peru, Kolumbien – und natürlich Brasilien. Unvergesslich ist für Bärfuss der erste Landeanflug über Rio de Janeiro 1997. «Ein magischer Moment» für den damaligen Studenten. Die sattgrüne Hügelkette, die sichelförmigen Strände, der Sonnenaufgang hinter dem Regenwald am milchigen Horizont blenden den Blick über die Favelas aus. Die Schönheit der Stadt überwiegt. Den Stau, den Dreck und die sozialen Probleme nimmt er anfangs nur unbewusst war. Als Tourist ist er zunächst nur an der Topografie interessiert.

Goethe-Institut als Türöffner

Später taucht er ein in eine Welt voller Samba, Sand und Sonne. Brasilien lässt ihn mental nicht mehr los. Fast zehn Jahre nach seinem ersten Trip verschlägt es den Sport- und Berufsschullehrer zu Beginn einer Weltreise wieder nach Rio. Ihm gefällt die Sprache und die Stadt so gut, so dass er schliesslich ein halbes Jahr hängen bleibt und von dort aus ganz Brasilien bereist. «Ich wollte ursprünglich eigentlich nur kurz für ein paar Wochen Portugiesisch lernen und dann weiterziehen», erinnert sich Bärfuss und muss lachen.

Während dieser Zeit wächst der Gedanke, fix in die Ferne zu ziehen und sich in Rio im Alter von 31 Jahren ein neues Leben aufzubauen. Drei Jahre später ringt er sich durch, wagt den Schritt und verlässt die Schweiz. Nach einem langwierigen Papierkrieg mit den Behörden geht er mit der Aufenthaltsbewilligung auf Jobsuche und wird über Umwege am Goethe-Institut fündig. Dieses verhilft ihm zu einem Engagement an der Deutschen Schule Rio den Janeiro. Er unterrichtete nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder und Jugendliche. Bärfuss ist endlich angekommen, sein Traum vom Leben in Brasilien wahr. «Ich war sehr erleichtert, denn in Rio wird einem nichts geschenkt.»

Kleinen Tricks und Täuschungen

Auf dem Weg zur Arbeit lernt er nicht nur, wie man sich mit der Vespa durch den Verkehr schlängelt, sondern wie man als Gringo in einer Stadt der krassen Gegensätze den Alltag meistert. «Jeitinho» nennt sich hier die Lebensweise, wie man sich im Urwald des bürokratischen Prozesses den kürzesten Weg bahnt. «In Rio versucht man oft, den anderen irgendwie übers Ohr zu hauen, um sich einen Vorteil zu verschaffen», sagt Bärfuss, der als Ausländer immer wieder mit kleinen Tricks und Täuschungen konfrontiert wurde. «Das nervt dann ungemein, weil man ja nach einer gewissen Zeit verstanden hat, wie der Hase hier läuft.»

Das eigene reizende Bild von Rio bekommt mit den Jahren tiefe Risse. Das Leben ist anstrengend und stressig, der Verkehr ein Chaos, die Korruption beherrscht die Politik und auch die Beziehung zwischen den Bewohnern und Behörden ist geprägt von finanziellen Zuwendungen. Der Alltag in der Millionenmetropole führt Bärfuss zu einer wenig schmeichelhaften Metapher. «Rio ist wie eine bildhübsche Diva mit miesen Manieren. Man lebt im Hier, im Heute, am nächsten Morgen soll dann alles besser werden.»

Ausbeutung und Umsiedlung

Besser aber wird es für Bärfuss nicht, die Liebe zur Stadt bröckelt. Der bescheidene Lohn von umgerechnet 2000 Schweizer Franken an der Deutschen Schule macht das Leben in seiner bescheidenen Wohnung in der Nähe von Botafogo nicht leichter. Die Hälfte seines Einkommens geht drauf für die Miete, die jedes Jahr teurer wird, und die Lebensmittel haben über die Jahre eine extreme Preissteigerung erfahren. «Die Mango ist hier teilweise teurer als in der Migros», nennt Bärfuss als Beispiel. Die Inflation verstärkt hat der Einfluss der WM 2014 und Olympia 2016. «Profitiert haben eigentlich nur die grossen Firmen.» Mittlerweile ist die Stadt pleite, viele Beamte warten teilweise monatelang auf ihre Löhne. Aber nicht nur bei der Bildung fehlt das Geld, auch bei der Sicherheit und der Gesundheit wird gespart. «In den öffentlichen Spitälern ist die Wartezeit teilweise so lang, dass schon Menschen in der Schlange gestorben sind.»

In der Stadt selber hat zumindest der öffentliche Verkehr eine kleine Aufwertung mit einer zusätzlichen Metro erfahren. Die neue Verbindung führt seit Beginn der Sommerspiele in die Nähe des Olympiaparks. «Ich würde gerne sagen, dass Olympia einen positiven Einfluss auf die Stadt hat, aber die normalen Bürger haben hier fast nichts davon. Die Natur wurde ausgebeutet und viele Menschen mussten ihre Häuser verlassen.» Von der Umsiedlung betroffen war Bärfuss zwar nicht, trotzdem hat er im vergangenen Jahr den Entschluss gefasst, nach sechs Jahren seine Wohnung aufzugeben und zurück nach Zürich zu ziehen – zusammen mit seiner Ehefrau, einer Künstlerin aus Rio. «Eine wunderschöne Frau, und erst noch mit einem tollen Charakter», schwärmt Bärfuss und hat mit ihr auch in der Schweiz immer ein bisschen Rio an seiner Seite.

Erstellt: 23.08.2016, 03:30 Uhr

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