Schurters Goldstück

Für den Bündner Biker war nur der Olympiasieg gut genug. Er macht damit seine Karriere vollkommen.

Nach Bronze und Silber kann Nino Schurter sein Bike nun auch bei Olympia im Goldtriumph stemmen. Foto: Phil Walter (Getty)

Nach Bronze und Silber kann Nino Schurter sein Bike nun auch bei Olympia im Goldtriumph stemmen. Foto: Phil Walter (Getty)

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Im Nachhinein macht es im Sport gerne den Anschein, als sei ein Erfolg die einzige logische Konsequenz aus den vorangegangenen Handlungen gewesen. Wie jener von Nino Schurter an diesem Abschlusstag der Olympischen Spiele von Rio de Janeiro. Der Bündner fährt im Mountainbikerennen so, dass es nie auch nur den geringsten Zweifel an seinem Sieg gibt. Beim dritten Anlauf gewinnt er Olympiagold, nach Bronze 2008 und Silber 2012. Im Ziel wirkt er nicht einmal sonderlich ausgepumpt, macht seine Show wie nach jedem Sieg, stemmt sein Bike in die Luft und in die Kameras, als sei es eine Trophäe.

Doch war das wirklich so einfach? Vier Jahre ist Schurter diesem Sieg hinterhergejagt, hat trainiert, gepröbelt und vor allem: Immer wieder gesiegt. Er gewann WM-Titel und Weltcup-Rennen in Serie. Er dominierte seinen Sport, dass dieser 21. August nur einen Ausgang nehmen konnte. Mit ihm als Sieger.

Ja, er ist gelassener geworden, kann auch lachen, selbst wenn die Anspannung von ihm Besitz genommen hat. Man kann ihn am Samstag, am Abend vor dem wichtigsten Rennen seiner Karriere, fragen, ob er die Schweizer Fahne an der Abschlussfeier tragen würde – in jedem Fall. «Dann machen wir das Ding», antwortete er dem Schweizer Chef de Mission, Ralph Stöckli, als sei das ein Klacks.

War es letztlich auch. Aber das konnte er da noch nicht wissen. Doch selbst dieser so selbstsichere Mann erlebt ­Momente, in denen ihm der Sieg weit weg erscheint, nichts da von der logischen Konsequenz. Minuten vor dem Start tigert er nervös und unsicher in der Schweizer Box herum. Die Strecke hat sich durch die morgendlichen Regen­fällen verändert. Regenpneus oder nicht? Schurter tut sich schwer, einen Entscheid zu fällen. «Das war überhaupt nicht Nino-like», sagt Thomas Frischknecht, sein Teamchef. «Er wollte die Verantwortung über diesen Entscheid nicht alleine übernehmen.»

Nur sein Bezwinger hält mit

Sie belassen es dann bei den Trockenpneus, ein richtiger Entscheid. Schurter fährt von Anfang an ganz vorne, dahinter wechseln sich die Konkurrenten ab, kurze Zeit fährt gar Strassen-Weltmeister Peter Sagan mit seinem Bike-Pendant mit, fällt dann aber nach Defekten und Stürzen weit zurück.

Bald schält sich aber ein Duo heraus, das stärker ist als der Rest: Schurter und Jaroslav Kulhavy, der Olympiasieger und sein Bezwinger von London. Sie fahren einsam an der Spitze, obwohl beide sichtbar nicht am Limit unterwegs sind.

Nach 70 Minuten, zu Beginn der sechsten von sieben Runden, beschleunigt Schurter in der einzigen wirklich technischen Bergaufpassage, er kommt gleich weg. Nun ist es ein Soloritt Richtung Ziel. Der Sieg als logische Konsequenz? So scheint es. Aber in einer dieser schmierigen Abfahrten kommt er kurz aus dem Gleichgewicht, verhindert aber den Sturz routiniert. Der Grat ist auch schmal, wenn es so traumtänzerisch sicher ausschaut wie beim 30-Jährigen. 23 Minuten später hat er aber sein Ziel erreicht. Die Goldmedaille hängt ihm mit Denis Oswald ein Schweizer IOK-Mitglied um den Hals. Der gratuliert innig, indem er seine Hände an die Wangen des Siegers legt. Nino Schurter ist Olympiasieger, endlich.

Endlich Gold für die Schweiz

Endlich ist das Stichwort für ganz viele Leute im Schweizer Team. «Endlich Bike-Olympiagold für die Schweiz», sagen der Leistungssportchef Thomas Peter und Fahrer Mathias Flückiger unabhängig voneinander. Beide schauen sich die Siegerehrung aus nächster Nähe an, was bei Flückiger bemerkenswert ist. Athleten jenseits der Podestplätze verziehen sich sonst jeweils so rasch wie möglich. «Wir haben endlich die Goldene», sagt der Berner und man merkt, dass er stolz ist, zum Goldprojekt beigetragen zu haben.

Zu einem Projekt, das kaum umfangreicher hätte sein können. Mit einem ­Biketeam, das Thomas Frischknecht um sein Juwel herum aufgebaut hat, und das nun innert wenigen Wochen den vollkommenen Triumph feiert: Mit den WM-Titeln und Olympiasiegen bei Männern und Frauen (Jenny Rissveds). Mit einem Velosponsor, der ebenfalls alles auf Schurter ausrichtet. Mit dem Verband Swiss Cycling, der parallel zur Industrie die Entwicklung ebenfalls vorantreibt, mit Forschungsprojekten an der Sporthochschule Magglingen versucht, weitere Schräubchen zu finden, an denen für die Leistung noch gedreht werden kann. Und mit einem Nationalteam, das in der Rennvorbereitung in Rio zusammenwuchs und Schurter die uneingeschränkte Unterstützung zusicherte, vom Nationalcoach bis zu den Teamkollegen.

Dann setzte sich Schurter auf sein Bike und vollendete das Goldstück. Sein Sieg war die logische Konsequenz.

Erstellt: 21.08.2016, 22:49 Uhr

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